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© HeidelbergCement (Steffen Fuchs).

Ausgabe 4/2018Thema: Alternative

Nichts muss mehr

Interview mit Aussteiger Marc Freukes

Früher war er Golflehrer – heute lebt er in der Wildnis. Marc Freukes hat einen krassen Wandel hinter sich. Aber er hat sich sein neues Leben in einem kleinen Zelthaus im Odenwald selbst ausgesucht. Zurückkehren in die Zivilisation? Keine Option!

context: Was hat Dich bewogen, einen Strich unter Dein bisheriges Leben zu machen und fortan nach eigenen Werten im Wald zu leben?

Marc Freukes: Man zieht nicht einfach so in den Wald. Ich lebte 39 Jahre lang ein recht normales Leben. Ich wuchs als Sohn eines Jägers in einer wohlhabenden Familie auf, machte Abitur, war etablierter Golflehrer. Vor fünf Jahren war ich allerdings an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich etwas ändern musste. Ich stand mit einem Bein im Burnout und wusste nicht mehr vor und zurück. Mein Leben, wie ich es bis dato geführt hatte, hat plötzlich gar nicht mehr zu mir gepasst. Ich sah in der Arbeit nicht mehr viel Sinn. Für mich war etwas abgerissen, da draußen in der alten Welt. Ich merkte: Das einzige, was mir gerade hilft, ist draußen zu sein! Jemand, der in solch einem Loch steckt wie ich damals, macht normalerweise nicht noch etwas, was noch viel riskanter ist. Aber das war für mich das Einzige, was irgendwie sinnhaft erschien zu dem damaligen Zeitpunkt. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet. Aber ich habe ins Leben vertraut. Ich kündigte meine Wohnung und siedelte um in den Odenwald. Der Besitzer des Waldgrundstücks hat mir erlaubt, dort mein neues Heim einzurichten. Hier habe ich die ideale Lösung gefunden.

c: Vermisst Du nie den Komfort einer warmen Wohnung mit Strom und fließend Wasser?

MF: Nein, in meiner jetzigen Jurte nicht. Mein vorheriges Tipi hat mir im ersten Winter viel Ärger bereitet. Irgendwo kam immer Wasser rein. Auch die Feuerstelle war nicht ideal. Durch fallenden Luftdruck, bei Regen etwa, wurde die Rauchsäule nach unten ins Zelt gedrückt – so musste ich dann die Rauchklappen oben aufmachen. Ich hatte die Wahl, entweder zu ersticken oder nass zu werden. Da hätten andere wohl schon aufgegeben. Also musste etwas anderes, etwas Praktischeres her. Nach fünfmonatiger Bauzeit war schließlich mein neues Zelthaus fertig. Mit fünf Metern Durchmesser und überall Standhöhe. Durch die aufgeständerte Bauweise und die durchgehende Holzbodenplatte auch ohne Mäuse und sonstiges Ungeziefer.

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Die Hütte ist voll eingerichtet, die Möbel sind selbstgebaut. Es gibt Regale für Vorräte und Bücher sowie eine mit Fellen belegte Couch aus einem Holzgestell und einem Netz aus dicken Seilen. Eine ähnliche Konstruktion trägt sein Hochbett. Ein aus Schrott geschweißter Ofen dient zum Heizen und Kochen.

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© HeidelbergCement (Steffen Fuchs)

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Seine Hütte baute Freukes nach eingehendem Studium früherer naturnaher Bauweisen auf Stelzen, um der bodennahen Feuchtigkeit zu entgehen.

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c: Hast Du diesen Schritt bisher jemals bereut?

MF: Nein, gar nicht! Ich kann mir momentan auch nicht vorstellen, zurückzugehen. Mit den Jahren im Wald habe ich meine Bedürfnisse reduziert und gemerkt, dass ich weniger „Zivilisationsmüll“ brauche. Wir machen uns alle so wenig Gedanken, wie viel Chemie wir mit einem Knopfdruck in die Natur schicken oder über unseren Wasserverbrauch. Der sinkt von allein, sobald man sein Wasser an einer Quelle holen und im 30-Liter-Kanister hierher schleppen muss. Ich lebe heute ein bewussteres Leben, bei dem ich weniger Ressourcen verschwende. Früher habe ich mir fünf Mal am Tag die Hände gewaschen. Das mache ich halt heute nicht mehr, weil ich für das Wasser viel arbeiten muss. Auch Brennholz zu machen ist viel Arbeit. Man kommt dann schnell zu dem Entschluss, dass es überhaupt keinen Sinn macht, mehr zu nehmen, als man braucht.

„Mein altes Leben war sehr schnell, sehr fremdbestimmt und sehr kompliziert.“

c: Wie sieht ein typischer Tag im Wald aus?

MF: Die Natur ist mein Arbeitgeber, der den Takt vorgibt. Ich habe jeden Tag Aufgaben, die anfallen – kann aber nicht alles bis in kleinste Detail vorausplanen, wie es die meisten aus ihrem Alltag kennen. Hier weiß ich, bis zum Oktober muss die Wintervorbereitung abgeschlossen sein, da brauch ich Holz, da muss ich Sachen eingekocht und Felle gegerbt haben – und innerhalb dessen habe ich die Möglichkeit, flexibel zu sein. Fehler und Rückschläge bleiben nicht aus. Mein Wissen hole ich mir teilweise aus Büchern, den Rest lehrt mich die Natur. Hier draußen im Wald geht alles viel langsamer. Du brauchst für alles viel mehr Zeit. Du kannst nicht mal eben was kochen. Du musst losziehen an den Bach und auf eine Forelle hoffen. Du musst Holz fürs Feuer sammeln. Du musst das Feuer anmachen, und wenn es dann endlich brennt, die Forelle braten. Das dauert mitunter stundenlang.

„Mein heutiges Leben hier ist einfacher, langsamer und selbstbestimmter.“

c: Gab es denn schon mal eine Situation, die du als gefährlich oder brenzlig eingestuft hast?

MF: Es ist wichtig, dass man lernt, die Natur einzuschätzen. So, wie die Menschen das auch früher gemacht haben. Etwa: Woher kommt der Wind und wird es schlechtes Wetter geben? Die Begegnung mit Tieren – danach werde ich oft gefragt – empfinde ich nicht als Bedrohung. Im ersten Moment ist man überrascht, wenn ein Wildschwein vorbeiläuft. Ich glaube, dass das Zusammenleben ganz stark davon abhängt, wie man selbst auf die Natur wirkt. Also wenn ich total entspannt bin, dann kommen die Tiere auch näher und haben keine Angst. Außerdem: Ich bin nicht einsam im Wald. Da sind die Teilnehmer meiner Kurse, die regelmäßig mein Waldwohnzimmer nutzen, da kommen Kinder, um an einer geführten Kräuterwanderung teilzunehmen oder um zu lernen, wie man Feuer macht.


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Sommer wie Winter hält der Erd-Kühlschrank eine Temperatur zwischen acht und zehn Grad Celsius.

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c: Inwiefern merkst du, dass du dich verändert hast?

MF: Ich habe herausgefunden, worauf ich verzichten kann. Und ich bin nicht mehr so perfektionistisch wie früher, was ich im Golf-Job damals sehr stark an mir hatte. Der Neigungswinkel der Schlagfläche eines Golfschlägers musste immer auf ein Grad genau stimmen. Das ist hier in der Natur gar nicht so. Nichts ist gerade oder so steril sauber wie das, was wir normalerweise kennen. Damit musste ich lernen umzugehen. Und ich habe gelernt, dass nicht ich es bin, der das alles lenkt. Einen fest strukturierten Plan für den Tag oder gar für mehrere Wochen gibt es nicht. Das fällt hier völlig weg. Wenn es drei Stunden lang regnet, dann kann ich halt nicht draußen arbeiten. Dann muss ich flexibel sein und passe mich der die Situation an.

c: Dennoch hast Du nicht alle Brücken in die Zivilisation abgebrochen.

MF: Ich mache vieles selbst, nutze aber auch moderne „Krücken“. Ich brauche einerseits das Internet, um meine Kurse, Vorträge und Pressetermine zu organisieren. Auch eine Motorsäge und ein Akkuschrauber gehören zur Ausstattung; den Strom dafür erzeuge ich mit einer kleinen Solaranlage. Meinen Lebensunterhalt verdiene ich mit dem Verkauf meiner Bücher, mit Vorträgen und meiner Naturschule. Damit decke ich meine geringen Fixkosten für Lebensmittel, Krankenversicherung und Handyvertrag. Ich möchte ja keinen Steinzeitmenschen oder Indianer imitieren. Vielmehr möchte ich die Fertigkeiten der Naturvölker mit den Errungenschaften der Moderne verbinden und ein Leben führen, das im Einklang mit der Natur steht, anstatt sie zu zerstören.

c: Was rätst Du den Getriebenen in der Zivilisation?

MF: Bekehren möchte ich niemanden. Aber ich möchte aufzeigen, dass mein Leben auch für andere eine Alternative sein könnte. Wir sind durch die Zivilisation immer geeicht, Reichtum nach materiellem Besitz zu definieren. Und jemand, der auf 20 Quadratmetern im Wald wohnt, das ist ein armer Mann? Nein! Bei mir spielt Gewinnmaximierung keine Rolle. Ich habe heute einen ganz anderen Reichtum. Freiheit.Das Gespräch führte Conny Eck

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www.wildniskurs.de

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