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Yesh Kangrang/unsplash

Ausgabe 4/2018Thema: Alternative

Mal was anderes

Mehr Möglichkeiten als gedacht

Sich auf eine andere Möglichkeit einzulassen als die bisher ins Auge gefasste, hat schon oft frischen Wind ins Leben gebracht. Doch inzwischen hat das Wort Alternative viel vom Charme der frühen Jahre verloren. Konzentrieren wir uns also wieder auf eine positive Sichtweise.

Wer auf Alternativen setzt, hat schon manches schlucken müssen. Erst kam in den 1970ern das selbst geschrotete Bio-Müsli, dann der obligatorische Einkauf im Bioladen. Was im Rückblick als bewusste, oft aber auch verbissene Alternative zur gewohnten Esskultur der Elterngeneration und mithin als Ausdruck einer veränderten Lebensweise erscheint, hat sich längst eingebürgert. Tatsächlich entstammt vieles, was inzwischen gang und gäbe ist, einem alternativen Ansatz: Wohngemeinschaften, erneuerbare Energien, Carsharing, autofreie Wohnviertel, die Yoga-Bewegung, die Hinwendung zu alternativen Heilmethoden oder zu vegetarischer beziehungsweise veganer Ernährung. Manches, was etwa in den 1970ern und 1980ern alternativ erschien, hatte seinen Ursprung schon vor längerer Zeit. Wohngemeinschaften waren und sind etwa in Zeiten wirtschaftlicher Not eher Zwangsgemeinschaften als Ausdruck freier Lebensführung. Das Bircher Müsli, das Ur-Müsli der Rohkosternährung, wurde bereits um 1900 vom Schweizer Arzt Maximilian Bircher-Benner als leichte Kost für honorige Sanatoriumsgäste eingeführt. Der Pionier der Vollwertkost hatte dies wiederum auf einer Alm entdeckt, wo Nüsse, Äpfel, Haferflocken und gezuckerte Milch seit langem den Sennhirten als Brotzeit gereicht wurde. Inzwischen hat sich der Protest einiger Alternativer gegen die Lebensmittelindustrie zu einer Bewegung der bewussten Ernährung entwickelt, die über Slow Food und die Rückbesinnung auf regionale und natürliche Lebensmittel Eingang in die Gourmetküche gefunden hat.

Spätestens wenn, wie in diesem Jahr aus skandalträchtigen Gründen, der höchste Literaturpreis, der Nobelpreis für Literatur, nicht verliehen wird, fällt der Blick auf die lange Liste alternativer Preise, Veranstaltungen und Gruppierungen, die eine Gegenwelt schaffen wollen zu dem, was sich gemeinhin etabliert hat, und oft nicht oder nicht mehr in Frage gestellt wird. In Schweden wurde – wie es heißt für eine Übergangszeit – ad hoc der Alternative Literaturpreis ins Leben gerufen, finanziert durch das moderne Crowdfunding. Er ging an Maryse Condé aus Guadeloupe, deren Beitrag zur Weltliteratur sonst vielleicht ungehört geblieben wäre.

Im Bereich des Politischen ist das Weltsozialforum in Porto Alegre als Gegenstimme zum Wirtschaftsgipfel in Davos ins Bewusstsein zumindest jener gerückt, die bis vor einiger Zeit noch als sogenannte Alternative bezeichnet wurden. Inzwischen ist das Spektrum dessen, was der Begriff „Alternative“ politisch alles umfassen möchte, richtungsmäßig nicht mehr einzugrenzen. Gemäß dem Motto „Was früher ein Gegenentwurf zum Establishment war, ist heute Mainstream“ ist selbst das alternative Reisen nicht mehr das, was es einmal war. Der Wunsch nach authentischen Erfahrungen, nach abgeschiedenen Orten in fernen Ländern, hat sich mit dem Massentourismus in sein Gegenteil verkehrt. Die Linie Hurtigruten etwa wirbt mit einer hundertjährigen Tradition für Reisen in den Polarkreis. Doch ging es früher mit dem Postschiff an das Nordkap, so stellt sich die moderne Alternative als Kreuzfahrttour in die Antarktis dar.


Disruptive Technologie

Automobile machten Pferdefuhrwerke und Kutschen obsolet. Erneuerbare Energien ersetzen Atomkraftwerke. Anstelle von Röhrenmonitoren traten Flachbildschirme. Digitalkameras lassen analoge Fotoapparate vom Markt verschwinden. Smartphones mit Touchscreen sondern Tastentelefone aus. Elektromobile könnten Autos mit Verbrennungsmotoren überflüssig machen. Wenn eingeführte Techniken etablierte Produkte oder Dienstleistungen vollständig verdrängen, spricht man von disruptiver Technologie. Zunächst stellen sich die Innovationen als Alternativen zum Vorhandenen dar. Doch früher oder später bleibt meist keine Wahl, als sich ganz der Neuerung zu verschreiben. Wie sich in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts der Gang zum Bankschalter durch die Einführung von Bankautomaten erübrigte, so wird inzwischen auch in vielen Supermärkten durch eigenes Scannen das Schlangestehen vermieden. Wenn keine Supermarktkasse mehr besetzt ist, hat die digitale Disruption die Beschäftigten vom Markt verdrängt. Anfangs als Alternative zum Althergebrachten bestaunt, bleibt in vielen Bereichen die Wahlmöglichkeit allerdings auf der Strecke.

Unworte

Gibt es das Gefühl für Sprache noch? Unflätige oder rohe Redefiguren, die früher kaum die Öffentlichkeit erreichten, werden heute anonym im Netz oder lauthals auf der Straße vernommen. Jüngst war das Phänomen unter dem Namen „Chor des Hasses“ Thema einer denkwürdigen Theater-Performance. Auch harmlos anmutende Begriffe, die entweder gedankenlos oder mit kritikwürdigen Intentionen in den Raum gestellt werden, schleichen sich in den Sprachgebrauch ein. So wurde das Wort Alternative in Abwandlung bereits zweimal zum „Unwort des Jahres“ gekürt. Das Wort „alternativlos“ „suggeriert sachlich unangemessen, dass es bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gebe“, erläuterte 2010 der Gründer und damalige Sprecher der Unwort-Jury, Horst Dieter Schlosser. „Die Bezeichnung ‚alternative Fakten‘ ist der verschleiernde und irreführende Ausdruck für den Versuch, Falschbehauptungen als legitimes Mittel der öffentlichen Auseinandersetzung salonfähig zu machen“, begründete die Jury ihre Entscheidung 2017. Die ehrenamtliche Jury der sprachkritischen Aktion, die 1991 ins Leben gerufen und seit 1994 institutionell unabhängig ist, arbeitet in der Hoffnung auf mehr Verantwortung im sprachlichen Handeln.
Weitere Informationen: hier.

„Eine Tür muss entweder offen oder zu sein.“

© David-Augustin de Brueys (1640 - 1723), französischer Theologe und Dramatiker

„Tourist go home“ lautet ein Graffiti, das zeigt, dass vielerorts die Einheimischen von dem Ansturm auf ihre Lebensumgebung genervt sind. Sie erkennen ihre historischen Städte nicht mehr, deren Läden zu Andenkenshops mutiert sind. Die Wohnungen sind rar geworden und die Mieten, auch dank airbnb, einer Alternative zur Hotelbranche, ins Unermessliche gestiegen. Wer in solchen Apartments nächtigt, ist nicht mehr zu Gast bei Freunden, wie es sich anfangs darstellte, sondern längst Teil eines gewinnbringenden Geschäftsmodells, das auch seine Verlierer kennt. Wenn sich also Alternativen verselbständigen, wenn alle wie die Lemminge auf die scheinbar bessere Wahl anspringen, bleiben von den vielen Möglichkeiten, die wir haben, am Schluss nur wenige übrig.

„Wenn du dich nicht verschlucken willst – trink nicht. Aber dann verdurstest du.“

© Andrzej Majewski (*1966), polnischer Aphoristiker, Erzähler, Publizist

Ist also das Glas halbvoll oder halbleer? Das Land ist reich, die Stimmung schlecht. Da stimmt doch was nicht. Konzentrieren wir uns wieder auf eine positive Sichtweise: Die Kunst der Alternative besteht darin, die vorhandenen Möglichkeitsräume positiv zu besetzen: Wie wünschen wir uns das Zusammenleben? Wie stellen wir uns die Arbeitswelt vor, welche Konzepte können auf die vorhandenen Gegebenheiten reagieren? Welche Gesellschaft ist erstrebenswert? Viel zu oft endet entlastendes Grummeln über die Gegenwart damit, dass wir an nichts ein gutes Haar lassen.

„Lieber ein Stück Brot mit Engeln als vom Teufel zum Bankett geladen.“

© Josef Bordat (*1972), Dipl.-Ing. Dr.phil., Publizist und Autor

Es gibt von Vielem reichlich, vor allem viele Gelegenheiten, einander freundlich zu begegnen, miteinander zu feiern oder zu teilen. Es gibt die Wahl, an jedem Tag wieder neu zu entscheiden, was wir tun, wie wir es tun und was wir lassen wollen. Es gibt Leute, die sagen, dass 9-to-5 Jobs out sind. Hören wir uns ihre Konzepte an. Fassen wir beherzt ungeahnte Möglichkeiten ins Auge. Wer, wenn nicht wir, gestalten die Welt, wie sie nicht nur uns, sondern auch anderen gefällt.Susanne Ehrlinger

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