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Sandro Katalina/unsplash

Ausgabe 4/2018Thema: Alternative

Die Gegenwart der Zukunft

Architektonische Alternativen eröffnen neue Räume

Weiter so war gestern. Alternativen sind anders, neu, frech und häufig auch dringend notwendig. Erst wenn eine Gesellschaft den Raum für Alternativen öffnet, ist sie für die komplexen architektonischen und städtebaulichen Herausforderungen von morgen gerüstet.

In Alternativen zu denken bedeutet, sich aus der Komfortzone des Gewohnten zu verabschieden, neue Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Für Architekten ist das nicht ungewöhnlich. Im Gegenteil: Erst das Nachdenken über Alternativen, die mehr sind als bloße Variationen eines bereits bekannten Themas, öffnet eine Zukunftsperspektive. Schon heute die Welt von Morgen zu gestalten, ist das spannende Kerngeschäft von Architektur. Daher ist die Geschichte der Architektur zugleich eine Geschichte von Alternativen, von Veränderungen in Formen und Materialien. Abt Sugers bahnbrechende Ideen für die Kathedrale von St. Denis bei Paris formulierte im 12. Jahrhundert mit der lichtdurchfluteten Gotik eine Alternative zur dunklen Geschlossenheit der Romanik und Filippo Brunelleschis Kuppelalternative bekrönte den Florentiner Dom und damit zugleich die gesamte italienische Renaissance.

Alternativen waren auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts gefragt. Etwa um das Problem des Massenwohnungsbaus zu lösen. Die Antwort waren die Großsiedlungen, die Bruno Taut, Ernst May oder Walter Gropius entwarfen. Sie boten die lichte und luftige Alternative zu den dunklen Hinterhöfen der Mietskasernen des 19. Jahrhunderts. Doch nicht jede Alternative, die ihrer Zeit voraus ist, schafft es bis in den architektonischen Alltag. Das gilt für Buckminster Fullers geodätische Kuppel Biosphère ebenso wie für Moshe Safdies Wohnexperiment Habitat. Beide entstanden 1967 für die Expo im kanadischen Montreal. Beide besitzen heute Kultstatus. Doch beide Alternativen blieben Einzelstücke. Immerhin lebt ein Hauch von „Buckys“ gläserner Vision bis heute weiter in den zahllosen Kuppeln über den Innenhöfen von Bürokomplexen und Museen in aller Welt, zurückgestutzt auf ihre Alltagstauglichkeit. Andere alternative Entwürfe warten derweil auf der Standspur der Zukunft auf ihre nächste Chance, wie die wunderbar zarten Betonschalen von Ulrich Müther. Zwei dieser Ikonen der DDR-Moderne, die Kurmuschel in Sassnitz und der spacige Rettungsturm in Binz, hat die Wüstenrot-Stiftung jüngst saniert (Architekturbüro Heike Nessler). Auch Alternativen kommen in die Jahre. Und manchmal sind die Alternativen von gestern das Gewohnte von heute. Dabei gerät schnell in Vergessenheit, wieviel Kraft es einst brauchte, um Widerstände zu überwinden und einer Alternative den Weg zu bereiten – wie bei der behutsamen Stadterneuerung. Der Architekt Hardt-Waltherr Hämer brachte sie seit den 1970er Jahren an Stelle von Abriss und Flächensanierung in die Hinterhöfe der Berliner Gründerzeitquartiere. Als „IBA-Altbau“ stieg sie zum Leitthema einer Internationalen Baustellung in den 1980er Jahren auf und setzt bis heute Impulse im Umgang mit dem gebauten Bestand.

„In Alternativen zu denken bedeutet, sich aus der Komfortzone des Gewohnten zu verabschieden.“

Bei allem Lob der Alternative sollte aber nicht außer Acht geraten, dass sie kein Selbstzweck ist. Alternative Form und alternatives Material sind nicht zwangsläufig besser. Alternativen sind Möglichkeiten. Doch nicht jeder Versuch mit ihnen gelingt. In der Alternative liegt ebenso die Gefahr des Scheiterns wie die Chance auf Erfolg. Daher brauchen Alternativen Raum, um entstehen zu können und scheitern zu dürfen. Nur dann können die zunächst ängstlich beäugten Alternativen von heute zum Kult von morgen werden.

Gerade in Zeiten, in denen im politischen Diskurs immer wieder eine Alternativlosigkeit behauptet wird, erhält das hartnäckige Beharren auf alternativen Lösungen besonderes Gewicht. Es gibt keine Alternative zu glutheißen steinernen europäischen Städten? Die grünumwucherten Mailänder Hochhäuser von Stefano Boeri zeigen, welche Gestalt eine lebenswerte grüne Stadtzukunft annehmen kann. Die ambitionierten Hochhausprojekte des Büros WOHA von Wong Mun Summ und Richard Hassell aus Singapur können dazu beitragen, alternative Städte zu schaffen, in denen auf fossile Energiequellen verzichtet wird. Und wie eine kluge Alternative zum endlosen urban sprawl aussehen könnte, der sich um die großen und kleinen Städte der Welt legt, zeigt die Vision der „Hundred Mile City“ des Briten Peter Barber. Gleich einem Band legt sich diese Modellstadt um London und lässt dichte alternative Quartiere mit sozialem Wohnungsbau in städtischer Qualität entstehen.Jürgen Tietz

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