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© plainpicture/Silveri

Ausgabe 4/2017

Wer wir sind und was uns ausmacht

Werte? Klar doch – solange sie uns nicht lästig werden

Werte sind so etwas wie der Kitt der Zivilisationen – und ihr Markenkern. Seit Jahrtausenden regeln Werte den Umgang der Menschen untereinander, angefangen bei den Urhorden der Vorgeschichte bis zu den Staatengebilden und -gemeinschaften von heute.

Schon Philosophen der Antike beklagten den „Werteverfall“, den ihre jüngeren Zeitgenossen in Szene setzten. Heute nennt man das distanziert „Wertewandel“. Moses‘ Steintafeln mit den Zehn Geboten dienten als gottgegebener Wertekanon und versicherten die Hebräer ihrer Stammesidentität. Gute Idee, sich der maximalen Autorität von „ganz oben“ zu versichern: An den Zehn Geboten orientieren sich noch immer mehr Menschen als an der Charta der Menschenrechte.
Werte sind nützlich, in ihren materiellen wie auch in ihren immateriellen, ideellen Varianten. Sie ordnen die Welt, erzeugen Gefühle der Zugehörigkeit und Sicherheit, verwandeln sich in Regeln und Konventionen und schaffen das Mindestmaß an wechselseitigem Vertrauen, ohne das Gesellschaften nicht funktionieren. Aber es gibt Probleme: Die (politischen) Werte, die sich Gemeinschaften geben, sind keineswegs identisch mit den individuellen Werten Einzelner. Der Fehler ist schnell gemacht, die Respektierung von Werten bei anderen einzufordern, nicht aber bei sich selbst. Die moralische Kehrseite von Wertedebatten sind seit jeher Heuchelei und Rechthaberei.

Warenwerte

Werte kann und sollte man haben, je mehr, desto besser. Aber man wird schwerlich jemanden finden, der mit Habgier nach den sogenannten höheren Werten strebt: Wissen etwa, Weisheit oder Klugheit. Jene bezeichnen als idealisierte Abstraktionen ein unentbehrliches Instrument geistiger Beweglichkeit: die Neugier. Habgier dagegen zielt auf Werte, die als Waren in Besitz genommen und angehäuft werden können. Habgier, verschwistert mit Geiz, galt einst als Todsünde. Das war die Zeit, als Vermögenswerte noch erspart werden mussten. Heute reichen günstige Kredite und geglückte Spekulationsgeschäfte.

„Meistens belehrt erst der Verlust uns über den Wert der Dinge.“

Arthur Schopenhauer

Unvergessen ein Auftritt von Andrea Nahles im Bundestag, wenige Tage vor der Bundestagswahl 2013. Da trällerte die damalige SPD-Generalsekretärin vor dem Plenum den Refrain eines Liedchens der Kinderbuch-Heldin Pippi Langstrumpf: „Ich mach mir die Welt / wie sie mir gefällt.“ Darauf reagierte die Linken-Abgeordnete Zimmermann mit der Anfrage: „Wie steht die Bundesregierung zu dem seitens der Abgeordneten Nahles ... geäußerten Vorwurf, es gebe Parallelen zwischen dem Agieren der Bundesregierung ... und den Handlungsabsichten und Verhaltensweisen der Figur Pippi Langstrumpf?“
So wenig also private Werte manchmal mit den gesellschaftlichen übereinstimmen, so wenig existiert heute – in Zeiten großer politischer Turbulenzen auf der Weltbühne – eine international anerkannte Wertordnung, welche die Risiken und Nebenwirkungen der Globalisierung in den Fokus nähme. Die aktuellen populistischen und autoritären Tendenzen jenes Teils der Welt, der sich als „westlich“ und „frei“ versteht, spiegeln nicht nur Wut und Ängste vor der Globalisierung wider, sondern auch die Regression auf uralte Reflexe, die in der modernen Welt nicht mehr funktionieren. Reflexe, die wir von den Clans der Menschenaffen geerbt und verinnerlicht haben – die Unterscheidung zwischen „uns“ und „feindlichen“ Nahrungskonkurrenten.

Höhere Werte

... wollen möglichst deutlich von den profaneren Werten unterschieden sein. In der Alltagspraxis genießen die höheren Werte zwar durchaus (wie der Begriff schon sagt) ein recht hohes Ansehen. Aber man weist ihnen doch lieber „symbolische“ Bedeutungen zu. Gewissermaßen vorsichtshalber; denn an höheren Werten kann sich so ziemlich jeder elegant vorbeimogeln: Symbolische Werte sind hochgradig interpretationsbedürftig, jeder kann sie nach Gutdünken auslegen – und zur Not sogar in bestimmten konkreten Handlungszusammenhängen für untauglich oder nebensächlich erklären.

„Ein jeder gibt den Wert sich selbst.“

Friedrich von Schiller

Heute geht es eher um Wohlstandskonkurrenz. Aber wollen wir uns wirklich im modernen Alltag als (Mit-)Menschen und Staatsbürger mit dem Verhaltensrepertoire von Primaten zufrieden geben? Vielleicht wäre es klüger, nicht immer nur den Verfall „unserer“ alten Werte zu beklagen und jene auszugrenzen, die mit anderen Werten kommen. Die Zeit ist da, in einer größeren, eben durch die kaum rückholbaren Folgen der Globalisierung drastisch erweiterten Gemeinschaft von freiwillig-unfreiwillig zu „Weltbürgern“ gewordenen Menschen über neue, zukunftsfähige Werte und Wertordnungen nachzudenken, die an die Stelle alter Unterscheidungen ein paar ehrgeizigere setzten. Etwa das Wohlergehen des Planeten. Oder wenigstens der Ozeane und Regenwälder. Menschenrechte. Empathie für alle, die sie auch dann brauchen, wenn es ihnen jenseits unseres Blickfelds übel ergeht.
Ein Anfang wäre zu machen mit dem Re-Design unserer sozialen Medien – also einer neuen Kultur des Öffentlichen, welche die zeitgenössischen Podien des Diskurses freihält von den Geschäftsinteressen der großen, fast allmächtig gewordenen digitalen Datenhändler und ihren eigenwilligen Zensurpraktiken. Die verhindern bisher weder Fake News noch Hetztiraden noch unproduktive Pöbeleien. Es müssen neue Räume, Gelegenheiten und Anreize geschaffen werden, die wirklich wichtigen Fragen und Probleme der Menschen konstruktiv zu debattieren.Christian Marquart

Nebenwerte

... sind nicht existentiell, sondern eher nice to have. Aber auch Nebenwerte zählen, wie die ideellen, zu jenen Werten, die man sich nicht kaufen kann. Zum Beispiel ein guter Geschmack. Bildung. Charme. Authentizität. Reputation im Berufsleben, Wertschätzung in den engeren Zirkeln des Alltags und Privatlebens gewährleisten jene Aufmerksamkeit, ohne die man zu einer Existenz als gesellschaftliche Mikrobe verurteilt wäre. Wer über solche Nebenwerte verfügt, kann sich den Kauf teurer Statussymbole ersparen. Besonders kostbar: die Option des Understatements, der stilvollen Untertreibung.

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