Diese Webseite verwendet Cookies um die Benutzererfahrung zu verbessern. Weitere Informationen dazu und zur Deaktivierung finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen. context-Magazin_Icons_CHECKBOX-AUS_45x45-weisscontext-Magazin_Icons_CHECKBOX-EIN_45x45-gruen

Foto

Fotolia © nixki

Ausgabe 4/2017

Der „Glanz des Wahren“

Antike Werte, neuzeitlich interpretiert

Architektur von hoher Qualität kostet in der Regel einfach mehr Geld und gefährdet folglich die Renditen? Ganz falsch, sagen die Analysten: Gute Architektur ist attraktiver und wird deshalb auch höher gehandelt als Durchschnitts-Immobilien!

Sieht man die Regale der Fachbuchhandlungen für Architektur, Bauwesen und Immobilienwirtschaft durch, wirkt die Überzahl der Bücher allzu bemüht, bei den Lesern keinen falschen Ehrgeiz zu wecken: als genüge es, im Baualltag möglichst wenig falsch zu machen. Wenige Werke bieten Stoff zur Stärkung der Urteilskraft, geben Auskunft darüber, was „gute“ Architektur sei und wie man ihr näher kommen könne. Es sind immerhin genug, um spontan unterscheiden zu können: Zur „Architektur“ zählen wir Bauten, die ansprechen, begeistern, neugierig machen. Die neutralen, langweiligen nennen wir Gebäude, nicht Architektur. Der ärgerliche Rest – eine ganze Menge – wären dann nur Schuppen. Eine nicht allzu differenzierte Werteskala! Es ist aber mühsam genug, immer wieder gegenwartstaugliche Kriterien guter Architektur zu entwickeln und deren kulturellen, sozialen und ökonomischen Mehrwert zu definieren. Ist wahre Architektur schön? Der Kirchenvater Augustinus bezeichnete Schönheit als „Glanz des Wahren“. Zu dieser Wahrheit gehört der Befund, dass „schöne“ Architektur mehr wert ist und höhere Renditen abwirft als durchschnittliche Häuser. Das macht Architektur auch schnell zur Ware – besonders im Premium-Segment.
Die kreditgesteuerte Wertschöpfung, wie sie von der Bau- und Immobilienwirtschaft organisiert wird, ist die mächtigste Säule der internationalen Finanzindustrie. Dieser gelang es, Immobilienwerte in großem Stil von ihren real erlebbaren Nutzwerten abzukoppeln, als Kreditpakete zu stückeln, zu verbriefen und über den Wertpapierhandel in Umlauf zu bringen. Da sich vorzugsweise in diesem Sektor die „Blasen“ des Finanzsystems bilden, ist es von Vorteil, einen Blick auf die traditionell gefestigte, tendenziell stabilisierende Wertewelt der Architektur zu werfen.

„Meistens belehrt erst der Verlust uns über den Wert der Dinge.“

Arthur Schopenhauer

Sie wurde vor gut 2.000 Jahren vom römischen Baumeister Vitruv in „Zehn Büchern über Architektur“ ausgearbeitet, fand aber erst in der Renaissance breitere Resonanz. Noch heute halten viele Architekten Vitruv in Ehren und flechten gern seine Kernbegriffe – firmitas (Festigkeit), utilitas (Nützlichkeit), venustas (Schönheit) – in die Corporate Mission ihrer Internetseiten ein. Diese Kategorien sind an die Architekturströmungen des 20. und 21. Jahrhunderts anschlussfähig, wollen aber im Licht des technischen Wandels und des Einsatzes neuer Materialien in Richtung moderner Nachhaltigkeit neu interpretiert werden.
Auch Ergänzungen sind fällig: Strategien des Ressourceneinsatzes (Stoffkreisläufe!) und der digital gesteuerten Minimierung von Betriebskosten – das war in der Antike kein Thema. Ferner moderne Standortkriterien, welche die Werthaltigkeit von Gebäuden langfristig prägen, etwa im Sinn jenes kalauernden Maklers, der zur Bewertung eines Objekts folgende Rangfolge aufstellte: „Lage. Lage. Lage.“ Gemeint ist der (günstige) Standort einer Immobilie in der urbanen Topologie – jeder Meter Distanz zu optimalen Adressen drückt den Marktwert tiefer nach unten.
Vitruvs firmitas zielt auf die (Stand-)Festigkeit eines Gebäudes, generell auf seine konstruktive Intelligenz und Sicherheit. Das ist hierzulande kein Thema mehr, wo Naturkatstrophen ein geringes Risiko darstellen. Tatsächlich bieten hochfeste Materialen, neue Bauelemente und -techniken den Architekten nie dagewesene Gestaltungsmöglichkeiten.
Von architektonischer Qualität und dem Marktwert des Schönen war schon die Rede. Aber die antiken Vorstellungen von utilitas – der längerfristigen Nützlichkeit, Funktionalität, Brauchbarkeit eines Gebäudes – sind nicht identisch mit den heutigen. Vor allem gewerblich genutzte Immobilien müssen so flexibel konzipiert sein, dass sie weder dem Tempo von Nutzerwechseln und dem Wandel von Prozessinnovationen noch der steten Modernisierung technischer Infrastrukturen Widerstände entgegensetzen. Im Grunde müssen Gebäude sogar nutzbar sein für Verwendungsweisen, deren Charakter noch ganz unklar ist. Damit verabschiedet sich konzeptionell jener alte, „enge“ Funktionalismus, der im 20. Jahrhundert immer nur auf Erstnutzer von Gebäuden zugeschnitten war. Christian Marquart

Top

Dieser Inhalt ist schon bald verfügbar!

Zur Webseite zurückkehren