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Ja-Wort in unsicheren Zeiten: Thorben und Leonore heirateten im Juli in Frankfurt am Main.

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© www.neleprinz.de

Ausgabe 4/2017

Alles kann, nichts muss

Ist Sicherheit die neue Freiheit?

Leonore und Thorben haben geheiratet, weil und obwohl sie jung sind. Ist das ein Widerspruch? Hier berichten sie, welche Werte sie am Bund der Ehe festmachen.

Wir haben geheiratet. Wir haben es nicht getan, um Steuern zu sparen. Wir haben es auch nicht getan, weil wir ein Kind erwarten würden. Wir haben es erst recht nicht getan, um unseren Eltern zu gefallen. Man könnte zudem sagen: Wir haben geheiratet, obwohl es in der heutigen Welt überhaupt nicht nötig ist – man kann Partner für schnellen Sex, fürs Kuscheln und für seltsame Hobbys jederzeit und überall im Internet finden. Wir haben außerdem geheiratet, obwohl junge Menschen, wie wir es sind – 27 und 33 Jahre jung, sogenannte Millennials, das heißt Vertreter der vieldiskutierten Generation Y – angeblich alles Mögliche wollen, aber bloß keine festen Bindungen, Verpflichtungen, Verantwortungen oder anderes Teufelszeug.

Warum also haben wir geheiratet? Kurz und bündig: Die Ehe trägt für uns ein Wertekonstrukt, sie bedeutet uns Liebe, Sicherheit, Verlässlichkeit, Vertrauen, Ehrlichkeit, Mäßigung, Nachhaltigkeit. Das ist ziemlich viel wert in einer Welt, die wir häufig als unsicher, egoistisch, verlogen, ungerecht, überhastet, überfüllt und gekünstelt wahrnehmen. Die Ehe als sicherer Hafen also? Als Rückzug ins Private, in die traute Zweisamkeit – Biedermeier 2.0?

Dieser psychologische Reflex liegt nahe. Deswegen verwundert es auch nicht, dass in unserem Bekanntenkreis ein regelrechter Hochzeits-Boom stattfindet. Die Umsetzung ist dabei sehr verschieden und reicht von der perfekten Protzhochzeit über die konservativ-kirchliche Weinguttrauung bis hin zum familiären Gartenfest. In Zeiten von Facebook & Co. dürfen auch die Selbstdarstellung und -konstruktion nicht als Motive fürs Ja-Wort unterschätzt werden, frei nach dem Motto: Ich heirate, werde dabei gesehen/fotografiert/bewundert, also bin ich. Und doch braucht es keine Heirat, um für seine Werte einzustehen. Kevin und Jasmin, gute Freunde von uns und schon länger ein Paar als wir, denken vorerst nicht ans Heiraten, sehen in ihrer Beziehung aber „Vertrauen, Sicherheit, Loyalität, Treue, Zuverlässigkeit“ am Werk. Eine Heirat wollen sie zwar nicht ausschließen, aber „das kann irgendwann ganz nebenbei passieren, wegen mir auch aus pragmatischen Gründen“, sagt Jasmin.

Hier lassen sich Parallelen zur Generation unserer Eltern ziehen – die „68er“ oder „Babyboomer“. „Ganz schön spießig“ fand eine uns bekannte Mutter die traditionelle Bilderbuchhochzeit ihrer Tochter und war verwundert über das weiße Kleid. Ein Vater wiederum erzählt: „Wir haben geheiratet, weil ich ein Visum brauchte, um der Frau meines Lebens nach Ecuador folgen zu können. Wir haben nicht einmal unseren Eltern Bescheid gesagt, was wir im Nachhinein vielleicht anders machen würden.“

Die Ehe als spießig abzulehnen hatte sicherlich auch mit der Rebellion gegen die Eltern – unsere Großeltern – und deren Weltbild zu tun. Schließlich galt dieser und vorigen Generationen die Ehe häufig noch als wirtschaftlicher Zwang oder familiäres Lebensziel. „Ich wollte viele Kinder und mit meinem Mann konnte ich mir diesen Wunsch erfüllen. Bis dahin hatte man Kinder häufig noch gebraucht, um über die Runden zu kommen“, erinnert sich eine Nachbarin, Jahrgang 1932. Die 68er sprengten diese und weitere Traditionen auf und forderten stattdessen individuelle Freiheiten. Wer hätte gedacht, dass sie dadurch jene „Alles kann, nichts muss“-Philosophie zutage förderten, die heute wiederum die Sehnsucht der Millennials nach Verlässlichkeit, Sicherheit, Vertrauen und Nachhaltigkeit nährt?

Um die eingangs gestellte Frage noch einmal aufzugreifen: Warum heiraten, wenn man es doch gar nicht mehr muss? Und wenn man hehre Werte ohne Ring am Finger leben kann? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Wir haben geheiratet, weil wir es wollten. Weil wir mit unseren Freunden zusammen die Liebe feiern wollten. Und weil wir die Geste einfach romantisch finden, ganz offiziell für unsere Liebe, Sicherheit, Verlässlichkeit,rtrauen, Ehrlichkeit, Mäßigung und Nachhaltigkeit einzutreten. Man muss das nicht mögen, aber man kann.Leonore Havemann, Thorben Pehlemann

Toleranz

Männer heiraten Männer, Frauen heiraten Frauen. Menschen aller Hautfarben flüchten durch die Wüste und das Meer und werden mit Care-Paketen empfangen. Kinder mit Beeinträchtigungen werden in den Regelunterricht integriert. Toleranz, wohin man sieht im Deutschland von heute? Tatsächlich erfahren Minderheiten in vielen Belangen noch immer keine Gleichberechtigung. Und im Alltag sind sie regelmäßig Hass, Missgunst, Gewalt oder Ignoranz ausgesetzt. Wahre Toleranz besteht nicht einfach aus dem Dulden des Anderen und der Hoffnung, von ihm bloß in Ruhe gelassen zu werden. Nicht umsonst geht der Begriff seit dem 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung, über das „Erdulden“ oder „Ertragen“ hinaus und steht seither für eine „nachsichtige, großzügige, weitherzige“ Anerkennung und Akzeptanz der Gleichberechtigung.
Weitere Informationen: www.sueddeutsche.de/thema/Toleranz-Recherche

Dieselwerte

„Dieselgate“, der Skandal um gefälschte Abgaswerte und Kartellabsprachen der Autoindustrie, tangiert urbane junge Leute nur nebenbei. Natürlich könnten sie sich aufregen über politischen Filz oder Profit auf Kosten der Umwelt und Gesundheit – aber eigentlich bestätigt es nur eine alte Gewissheit: dass nicht ethische, sondern wirtschaftliche Werte die Welt regieren. Abgesehen davon besitzen die wenigsten Millennials in der Großstadt noch ein eigenes Auto, sie können oder wollen es sich nicht leisten. Sie fahren lieber mit der Bahn. Oder dem Rennrad. Das geht oftmals schneller und ist umweltbewusst. Soll nochmal einer sagen, den jungen Leuten von heute wäre alles egal.

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