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Ausgabe 4/2016

Warten, was passiert

Das Unerhörte in der Musik

Dirigent Walter Nußbaum und der Geschäftsführer des KlangForum Heidelberg e.V., Dominique Mayr, sprechen mit context über Bedeutung und Wirkung von Stille in der (Neuen) Musik. Der Verein zur Förderung und Verbreitung zeitgenössischer Musik interpretiert Kompositionen der Modernen Musik und setzt sie auch zu klassischen Stücken aus dem 16. und 17. Jahrhundert in Bezug.

Der Pianist betritt die Bühne und setzt sich an den Flügel, höchste Konzentration in seinem Gesichtsausdruck und der ganzen Haltung. Das Publikum sammelt sich, Ruhe und gespannte Erwartung füllen den Konzertsaal. Nach vier Minuten, 33 Sekunden – kein Ton ist erklungen – verbeugt sich der Pianist. Stille ist das Motiv des Stückes „4’33“ von John Cage, das 1952 uraufgeführt wurde.

„Die Zuhörer warten auf das, was passiert“, sagt Geschäftsführer Dominique Mayr. „Erst gespannt, dann zunehmend unruhig: Die Minuten können lang werden, wenn man nicht mit Stille rechnet.“ Dirigent Walter Nußbaum ergänzt aus Sicht der Künstler: „Stille ist für Dirigenten und Musiker oft mühsamer zu verwirklichen als einer sich entwickelnden Musik zu folgen. Zum Beispiel bei den Stücken des amerikanischen Komponisten Morton Feldman mit leisen, monotonen Klangwechseln und langen Pausen: Da muss man schon bei den Proben fast ein Zen-Buddhist sein, um sich in diese Ruhe zu versetzen“, beschreibt er. „Das hängt sehr von der Tagesform ab und davon, was man vorher gespielt oder dirigiert hat. Bei Stücken, die viel Kopfarbeit benötigen, fällt der Wechsel ins Ruhige, Meditative schwer.“

Die Abwesenheit von Klang ist eine der Definitionen von Stille, die auch beschrieben wird als Ort der Beruhigung und Zustand der Konzentration: Hat sie in der Neuen Musik eine weitere Bedeutung gewonnen? „Die Stille ist als Kompositionsmittel ins Bewusstsein getreten; die Pause hat einen eigenen Wert bekommen. In der Barockmusik sind Pausen mitkomponiert worden als Zeichen von Ausdruck; die Generalpause steht in diesem Kontext für dramatisches Innehalten: Was passiert jetzt? In der Neuen Musik allerdings steht die ‚Komponierte Stille‘ als Begriff für den Zustand, in dem man in der Stille Außen- und Innengeräusche hört, etwa seinen eigenen Pulsschlag. Es gibt ja erstmal keine völlige Null-Stille“, erläutert Nußbaum.

Wie lang die Dauer der Stille empfunden wird, darüber entscheidet auch der Raum. Walter Nußbaum stellt das Tonstudio als trockenen Raum mit wenig Nachklang der Akustik in Sakralräumen – vor allem dem Nachhall in romanischen Kirchen – gegenüber: „Wie lange braucht das Decrescendo, das Verklingen? In einem Studioraum ist Stille viel tonloser.“

Gespannt den Atem anhalten

Stille nicht als Ruhepol, sondern als Spannung: „Dieser weitere wichtige Aspekt kommt beispielsweise bei Georg Friedrich Händels ‚Messias‘ vor, wo alles auf den entscheidenden Moment der Stille hinstrebt“, sagt Dominique Mayr. „Auch die visuelle Komponente beim Ausklingen des letzten Tons ist wichtig: Wenn Dirigent und Ensemble durch ihre Haltung die Spannung bewahren, dann hält das Publikum den Atem an.“ Der magische Moment für die Musiker sei der Zeitraum der Stille nach dem Konzert und vor dem Schlussapplaus: „Man steht wie nackt vor dem Publikum, hat alles gegeben – jetzt kommt die Entscheidung: Hat es gefallen?“

„Bei dieser Stille am Ende des Stücks“, beschreibt der Dirigent, „tritt man, von innen hörend, aus der eigenen Vorstellungswelt wieder nach außen.“ Einmal, nach einem Mozart-Requiem mit Luigi Nono, Canto sospeso, „habe ich diese Stille als ewig lang, spannungsgeladen empfunden.“ Walter Nußbaum konnte nicht länger in Ruhe warten und entfernte sich vom Dirigentenpult. Dann setzte der begeisterte Applaus ein.Susanne Jung


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