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Author: Christophe Tauziet / License: ATTRIBUTION LICENSE 3.0 / Downloaded: mazwai.com

Ausgabe 4/2016

Stille Post

Vom Klang des Lebens

Die Abwesenheit von Geräuschen bringt ganz neue Töne hervor. In einer lauten Welt mag Stille, kann Schweigen wohltuend oder auch bedrohlich sein. Wer bewusst die Stille sucht, kann dem Getöse des Alltags wieder mit offenen Ohren entgegentreten.

Man hört sie gar nicht mehr, die Musik, die im Hintergrund beim Einkauf in Geschäften, beim Gang durch ein Autohaus oder eine Shoppingmall dudelt. Mehr oder weniger unterschwellig soll sie das Kaufverhalten anregen, meinen Psychologen, und nur wenn ein Song so gar nicht dem eigenen Stil oder der Stimmung entspricht, fallen die Töne plötzlich unangenehm auf. Das diffuse Gewebe der unzähligen Geräusche des hektischen Lebens hat sich so über den Alltag gelegt, dass die Abwesenheit von Geräuschen als Lautlosigkeit oder Stillstand empfunden wird und geradezu störend erscheint. Doch Stille ist immer auch ein Sehnsuchtsort. Von der Klassik bis in die Moderne ist sie ein beliebtes Motiv in der Literatur. „Über allen Gipfeln ist Ruh“ heißt es in Wandrers Nachtlied von Johann Wolfgang von Goethe. Im Gedicht „Die Stille“ bringt es Joseph von Eichendorff auf den Punkt: „So still ist‘s nicht draußen im Schnee, so stumm und verschwiegen sind die Sterne nicht in der Höhe, als meine Gedanken sind.“ Immer geht es um Gefühle, um das eigene Verlangen, wenn Stille thematisiert wird. Es wird eine Stimmung erzeugt, die an wohlige, sehnsüchtige, oft auch an letzte Dinge rührt, wie sie so gegensätzlich in den Begriffen „stillen“ oder „in aller Stille“ gipfeln. Sehnsucht nach Stille wird zur Metapher für die Suche nach der inneren Ruhe, letztlich dem Bestreben, sich selbst zu finden. Im Roman des englischen Autors Tim Parks von 2006, „Stille“, wird der Wunsch nach Abgeschiedenheit vom aufreibenden Familien- und Arbeitsstress auf eine groteske Spitze getrieben. Ein überarbeiteter Fernsehjournalist sucht in den Bergen Südtirols eine Auszeit vom hektischen Leben. Der Autor überlässt es der Fantasie des Lesers, ob der Protagonist am Ende in seiner Weltflucht verharrt, die sich im Laufe des rumorigen Rückzugs ins geruhsame Alpenpanorama als lächerliche Illusion erweist, oder ob er in einen erträglichen Alltag zurückfindet.

„Die stillen Gedanken sind es, welche den Sturm bringen, die Gedanken, die mit Taubenfüßen daher kommen, lenken die Welt.“

Friedrich Nietzsche (1844 - 1900),Philosoph

Auch im wirklichen Leben suchen Menschen einen Ort der Kontemplation, der sie den essenziellen Dingen des Lebens näher bringt. Meditation, Yoga oder klösterliche Exerzitien nutzen die stille Einkehr, um Körper und Geist zu vereinen und sich vom Trubel und der Ablenkung einer immer hektischer und schriller werdenden Welt zu erholen. Stille gilt als Rahmenbedingung für Konzentration, sie ist Bedingung für intensive Denkprozesse. In Bibliotheken ist Ruhe geboten, Handys oder Gespräche sind tabu. Das Ein- und Aushalten von Ruhe als Bedingung für Aufmerksamkeit und Achtsamkeit gilt auch für den Unterricht und wird bereits Erstklässlern beigebracht. Auch in Kirchenräumen senken die meisten die Stimme, für innere Einkehr oder um die Andacht der Gläubigen zu achten.

„Lärm ist ein geeignetes Mittel, die Stimme des Gewissens zu übertönen.“

Pearl. S. Buck (1892 - 1973),Schriftstellerin

Schweigen kann auch Ruhe vor dem Sturm andeuten. An Aktualität könnte in dieser Hinsicht die Theorie der Schweigespirale gewinnen, die Professorin Elisabeth Noelle-Neumann in den 1970er Jahren entwickelte, und die damals kontrovers diskutiert worden ist. Die Theorie der Gründerin des IfD, Institut für Demoskopie Allensbach, die in diesem Dezember 100 Jahre alt geworden wäre, besagt, dass Meinungen, die entfernt vom wahrgenommenen Mainstream sind, von Menschen in der Öffentlichkeit nicht gerne bekundet werden. Unter diesem Blickwinkel lässt sich das laute Aufbrausen fremdenfeindlicher Stimmen, das derzeit bis in den eigenen Bekanntenkreis hinein wahrnehmbar wird, besser verstehen. Seit sich die öffentliche Meinung und Teile der Medien zu einem rigideren Kurs in Bezug auf die Flüchtlingsfrage verständigt haben, kann auch von Einzelnen geäußert werden, was bislang nicht öffentlicher Diskurs war. Und auch in anderer Hinsicht zeigt sich der klassische Schweigespiralen-Effekt, wie eine Studie von Elizabeth Stoycheff, einer Kommunikationswissenschaftlerin an der Wayne University in Detroit, unlängst ergab. Menschen, die sich von staatlichen Behörden via Internet überwacht fühlten, waren weniger bereit, ihre Meinung öffentlich kundzutun. Stoycheffs Studie, so eine Veröffentlichung des Allensbach-Instituts vom August dieses Jahres, gelte als eine der ersten, die sich mit den Auswirkungen staatlicher Internetüberwachung auf die Prozesse öffentlicher Meinungsbildung befasse. „Während Befürworter von staatlichen Internetüberwachungsprogrammen argumentieren, dass Überwachung unerlässlich für die Wahrung nationaler Sicherheit sei, ist mehr Durchleuchtung und Transparenz erforderlich, denn Überwachung kann, wie diese Studie zeigt, zum Verstummen von Minderheitsmeinungen führen, die das Fundament demokratischer Diskursprozesse bilden“, zitiert das Meinungsforschungsinstitut die Wissenschaftlerin.

„Der eigene Hund macht keinen Lärm, er bellt nur.“

Kurt Tucholsky (1890 – 1935),Journalist und Schriftsteller

Wo Stille und Schweigen angemessen oder wo eher ein deutliches Wort von Nöten wäre, ist nicht jedem per se gegeben. Es gibt Menschen, die von Natur aus extrovertiert und mitteilungsbedürftig sind. Andere wiederum sind introvertiert, halten sich zurück, haben manchmal sogar aufgrund ihrer eher ruhigen Persönlichkeit Nachteile im Beruf. Doch in der Ruhe liegt die Kraft: Als Coach für Wissenschaftskommunikation entwickelt die in Bonn ansässige Sprachwissenschaftlerin Dr. Sylvia C. Löhken Kommunikationsstrategien für leise Menschen mit klugem Kopf. In ihrem Buch: „Leise Menschen, starke Wirkung“ zeigt sie auf, wie introvertierte Personen Strategien entwickeln können, um Präsenz zu zeigen und sich beispielsweise auch als Führungskräfte Gehör zu verschaffen. Neurobiologisch lässt sich nachweisen, ob eher die introvertierte oder die extrovertierte Seite stärker ausgeprägt ist, doch wird die genetisch vorhandene Anlage in der Persönlichkeitsentwicklung durch Familie, Freunde und Lebenserfahrung in die eine oder andere Richtung bestärkt. Und so wie meist die Mischung den Ausschlag gibt, ist es auch mit der Stille. Die Abwesenheit von Lärm, Getöse, Radau und dröhnenden Geräuschen kann wohltuend und bereichernd sein. Im Urlaub, am Wochenende und an den Feiertagen bevorzugen viele die leise, idyllische und ruhige Gegend, fern von Straßenlärm oder geschäftiger Betriebsamkeit. Nicht nur von Menschen und ihren Maschinen erzeugte Geräusche stören. Auch ein tosender Fluss oder der frühe Hahnenschrei können die Lebensfreude im ansonsten perfekten Ferienhaus empfindlich beeinträchtigen. Wenn im Gegenteil aber das Handy lange schweigt, sich Freunde nicht melden, gar Funkstille im übertragenen Sinne herrscht, wird das Klingeln des Telefons, das Hintergrundsummen des Radios oder das Bellen der Hunde zur ersehnten Geräuschkulisse. Denn absolute Stille wird schnell als beängstigend oder gar als Zustand der Erstarrung wahrgenommen und nach kurzen Ruhepausen ist wieder die belebte Marktatmosphäre, das musikalische Intermezzo im Konzert oder das fröhliche Kinderlachen unterm Weihnachtsbaum Grund zur Freude.Susanne Ehrlinger


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