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© HeidelbergCement (Steffen Fuchs)

Ausgabe 4/2016Thema: Stille

Ort der Besinnung

Platz der Opfer des Nationalsozialismus

Die zentrale Gedenkstätte der Opfer der NS-Gewaltherrschaft in München ist neu gestaltet. Eine zusammenhängende Kontur stärkt den mit Betonplatten gestalteten Platz in seiner Funktion als Ort des Innehaltens und der Erinnerung.

Kann eine Platzfläche Stille, kann deren Gestaltung gar Inhalte vermitteln? Für den Stadtplaner und Landschaftsarchitekten Horst Kübert hat ein Platz immer das Ziel, als Momentaufnahme des städtischen Lebens neben der öffentlichen Bühne auch ein Ort der Ruhe zu sein. Doch am Platz der Opfer des Nationalsozialismus hatte das Denkmal des Künstlers Andreas Sobeck etwas zu verloren im Stadtraum gestanden. Nun gelang, in enger Zusammenarbeit zwischen Künstler, Landschaftsarchitekt und Baureferat der Stadt München, dem vorhandenen Mahnmal einen neuen Schwerpunkt als Gedenkort zu geben. Die Planer konzipierten einen Platz, der die Wegebeziehungen aufnimmt und das vorhandene Denkmal neu anordnet. Stele und Gedenktafeln aus Bronze rücken stärker in das Augenmerk der Passanten. Ihr Weg führt nun direkt an der Säule mit der Tag und Nacht brennenden Flamme vorbei. Durch die veränderte Ausrichtung erhielt das Denkmal auch einen Bezug zum nahe gelegenen NS-Dokumentationszentrum an der Brienner Straße.

Die Stele im bekiesten Quadrat wird gefasst von einem in den Boden eingelassenen Bronzeband sowie einer rund 18,5 Meter langen und 1,30 Meter hohen bronzenen Tafel, die benennt, welche Gruppen von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Die Platzfläche um das Karree herum wurde mit speziellen Betonplatten von Lithonplus, einer Tochter der HeidelbergCement AG, befestigt. Die Ränder sind von Sitzblöcken im gleichen Material und Farbton flankiert. Bauleiter Ralf Schmittner, der für das Bauunternehmen Strabag die Arbeiten verantwortete, erinnert sich gut an die anspruchsvolle Baumaßnahme. „Es waren Künstler mit am Werk, das bedeutete eine sehr aufwendige Detailabstimmung. So sollte beispielsweise das Fugenbild der Pflasterung exakt mit der Anordnung der Sitzbänke übereinstimmen.“ Mit einem Vakuumgerät erfolgte die Verlegung der bis zu 70 Kilogramm schweren Betonplatten.

Ort der Erinnerung

Gehen wir von der Aura eines Ortes aus, so war der Platz an der Brienner Straße, der heutige Platz der Opfer des Nationalsozialismus, lange Zeit von keinem guten Genius beseelt. Er liegt schräg gegenüber vom ehemaligen Wittelsbach-Palais, dem zerstörten Hauptsitz und Foltergefängnis der Gestapo. Schon ab 1931 prägten hier und in Teilen der ehemaligen Maxvorstadt in München jene die Atmosphäre, die Menschenverachtung schürten und Gewalt und Terror ausübten. Ihr Hass galt politisch Andersdenkenden, rassistisch oder religiös diskreditierten Minderheiten sowie Menschen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung oder einer Behinderung verfolgt wurden. Ein Ort und eine Geschichte, über die manch einer gerne Stillschweigen bewahren und sich so der historischen Verantwortung entziehen wollte. Gut, dass die Münchner Stadtväter bereits 1946, zunächst durch die Umbenennung, dazu beitrugen, dass die Schrecken dieser Zeit nicht in Vergessenheit geraten konnten. Knapp 40 Jahre später gestaltete der Bildhauer Andreas Sobeck für diesen Platz eine markante Granitsäule, die den Opfern der Gewaltherrschaft der NS-Diktatur gewidmet ist. Ihre hinter einem Bronzegitter gefangene ewige Flamme symbolisiert Menschlichkeit, die sich auch durch Unterdrückung nicht auslöschen lässt. Ein weiteres Vierteljahrhundert später trägt nun die neue Gestalt dazu bei, den Platz in seiner Funktion als Ort der Besinnung und Erinnerung zu stärken.

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Die 18,5 Meter lange und 1,30 Meter hohe Bronzetafel ergänzt das be-stehende Denkmal. Sie trägt die Inschrift: „Im Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“.

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Die Platzfläche um das Karree herum wurde mit speziellen Betonplatten befestigt.

Rund vier Wochen brauchten drei Mann für die Verlegung des Pflasters am Boden inklusive der Anordnung der Sitzblöcke aus Beton. Die landschaftsgärtnerische Platzgestaltung erforderte einen differenzierten Bodenaufbau. Im Bereich der Bäume erfolgte die Verlegung der Platten mit Rasenfuge auf einer Schicht Frostschutzkies, Splitt und teils auch Baumsubstrat. Für zum Grün hin abgrenzende Sitzblöcke und für die Bodenplatten wählten die Planer eine kugelgestrahlte, rutschsichere Oberfläche, deren heller, sandiger Farbton zum Denkmal aus Granit und den ergänzenden Bronzebändern passt. Der Beton für das großformatige System Rupal wird von Lithonplus mit Weiß- und Grauzement von HeidelbergCement und einem Größtkorn von 2,5 Millimetern mit Natursteinzuschlägen gemischt. „Große Sonderformate“, berichtet Frank Becker, Bereichsleiter Sonderteilfertigungen in der Manufaktur Kleinostheim, „werden von uns manuell auf Schaltischen gefertigt.“

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Vor der Neugestaltung stand das Denkmal verloren im öffentlichen Raum. Nun wird es von Passanten zentral wahrgenommen.

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Die Gestaltung nahm die Wegebeziehungen auf und ordnete das Denkmal neu an. Es bildet inmitten einer quadratischen Fläche den Schwerpunkt.

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Die Gestaltung nahm die Wegebeziehungen auf und ordnete das Denkmal neu an. Es bildet inmitten einer quadratischen Fläche den Schwerpunkt.

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Für die Neugestaltung des Platzes der Opfer des Nationalsozialismus eignete sich die gradlinige Sachlichkeit des großformatigen Belags. Zur Umsetzung des Planungskonzepts mussten zwei große Platanen mitsamt ihrer Wurzelballen mittels Schwerlastkran versetzt werden. Sie schirmen den Platz nun in einem parkähnlichen Wiesensaum zur Straße hin ab.

„Ein sehr wichtiges Element der Platzgestaltung ist das Wäldchen“, erläutert Horst Kübert. Dabei handelt es sich um einen Hain mit japanischen Magnolien, die ein Abbild des Jahresverlaufs und einen vegetativen Kontrapunkt bieten. Die Rasenfugen an dieser Stelle durchbrechen die Strenge der Platzanlage. Der Bereich unterscheidet sich gestalterisch von der großen Plattenfläche und verweist auf die Ruhezone, eine andere Art der Platznutzung. Die Münchner Parkbänke, die zum Verweilen einladen und zum Innehalten anregen, sind spielerisch verteilt. Mit freier Platzwahl kann der Blick auf das Denkmal jeweils aus einem anderen Winkel erfolgen. Stille Einkehr ist in Gedenken an die damaligen Opfer aber auch in Zeiten wie diesen von Nöten. Neben der Besinnung auf die Vergangenheit sollte der Platz auch einen hoffnungsvollen Ausblick ermöglichen, der das tägliche Bemühen um ein friedliches Miteinander bestärkt.Susanne Ehrlinger

Objektsteckbrief

Projekt:
Neugestaltung Platz der Opfer des Nationalsozialismus, München

Bauherr:
Landeshauptstadt München

Projektleitung:
Landeshauptstadt München, Baureferat (Tiefbau) Straßenplanung und -bau

Gestalterische Betreuung und Planung Platz:
Landeshauptstadt München, Baureferat (Hochbau)
Atelier Andreas Sobeck, Deggendorf
kübertlandschaftsarchitektur, München

Bauunternehmen:
Strabag AG, Taufkirchen

Produkte:
1.310 m2 Bodenplatte Rupal mit kugelgestrahlter Oberfläche, R13 von der Lithonplus GmbH & Co. KG
Objektbezogene Sonderrezeptur für Formate 50 x 50 x 14 cm
250 m2 diverse Sondergrößen 75 x 50 x 14 cm
100 x 50 x 14 cm; 47 x 47 x 14 cm, teils mit Bohrungen und Aussparungen
Sitzblöcke 300 x 70 x 50 cm; 350 x 70 x 50 cm und 380 x 70 x 50 cm

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