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Ausgabe 4/2016

Gebaute Ruhe

Eine Architektur des Rückzugs

Der stetig wachsende Lärm unserer Umwelt setzt uns immer öfter unter Stress. Mit dem Lärm wächst daher die Sehnsucht nach Rückzugsorten, an denen uns mit der Ruhe zugleich neue Kraft zuwächst, um den Anforderungen des Alltags gerecht zu werden.

Rund 25 Prozent der Deutschen klagen über den Lärm, der in die eigenen vier Wände dringt. Doch genauso viele Befragte geben an, sich nicht bewusst Zeit für Ruhe und innere Sammlung zu nehmen. Ist das Bedürfnis nach Stille also hausgemacht?

Unser menschlicher Körper ist auf Ausgleich gepolt. Zu viel Lärm macht ihn schnell krank, doch absolute Stille führt zur Desorientierung, wird zur Folter und kann in den Wahnsinn treiben. Architekten wissen: Wo gebaut wird, da entsteht Lärm – im Stakkato der Presslufthämmer. Aber eben nicht nur dort. Ruhe ist in vielen Städten ein seltenes Gut geworden und uns deshalb umso kostbarer. Erst technische Eingriffe zur Geräuschreduktion mit Schallschutzwänden oder Lärmschutzfenstern machen das Leben an viel genutzten Verkehrsachsen, Bahnlinien und Einflugschneisen überhaupt erträglich. So gewöhnt sind wir an den täglichen Fluglärm, dass uns 2010 der tagelang eingestellte Flugbetrieb beim Ausbruch des Eyjafjallajökull auf Island in vielen Großstädten verwundert in den Himmel schauen ließ. Wieso war es nur so still?

Stille Sehnsucht

Stille und Lärm sind Antipoden. Wer je in einer südlichen Ferienwohnung jeden Schritt aus dem oberen Geschoss mitangehört hat, der weiß, wie kostbar eine Trittschalldämmung ist. Beim Verlegen des mitschwingenden Douglasien-Parketts im Konzertsaal von Frank O. Gehry kreischten in der jüngst eröffneten Barenboim-Said-Akademie in Berlins Mitte noch die Sägen. Eine tonnenschwere doppelte Schallschutzverglasung wird dort künftig dafür sorgen, dass keinerlei Verkehrslärm die Konzerte stört. Und damit die jungen Musiker, die hier ausgebildet werden, konzentriert üben können, sind ihre polygonalen Probeboxen so gut gedämmt, dass man sich in ihnen fühlt, als habe man Wattebäusche in den Ohren.

Auf unserer Suche nach Ruhe vor dem Lärm des Alltags zieht es uns an entlegene Orte, hoch auf einfache Berghütten, wo jedes noch so ferne Geräusch an Kraft und Intensität gewinnt. In der meditativen Ruhe eines Kreuzgangs haben sich schon die Gedanken der Mönche des Mittelalters beflügelt. Nicht umsonst gelten Klöster heute wieder als beliebte Refugien, um in Stille und Schweigen neue Kraft zu schöpfen. Gerade an Orten der globalisierten Hektik, auf den Airports und Bahnhöfen der Welt, bieten überkonfessionelle Räume der Stille einen Moment des Gebets oder zumindest des Durchatmens. Solch sakrale Ruhe spielt nicht zuletzt in der Architektur von Gedenkstätten eine hervorgehobene Rolle, wie beim „Ehrenmal der Bundeswehr“ von Rüthnick Architekten in Potsdam, denn sie gibt den nötigen Raum zur Trauer, zum Erinnern, zur Sammlung.

Wie in den Bauten kaum eines anderen Architekten erweisen sich in den Projekten des vor kurzem 75 Jahre alt gewordenen japanischen Altmeisters Tadao Ando Harmonie und Ruhe als Geschwister. Die Fokussierung seiner größtenteils in Sichtbeton gestalteten Architektur spricht in Form und Materialität die Sinne der Besucher an, zieht sie in einen meditativen Bann und lässt sie zur Ruhe kommen.

Eingebaute Ruhe

Wie hilfreich die Untergliederung von Räumen in laute und stillere Bereiche ist, zeigt die Modernisierung der Mediathek von Nancy durch das Architekturbüro Les Architectes. Sie haben dezent voneinander abgeschirmte Zonen geschaffen, die unterschiedliche Nutzungen zulassen. Während hinter einer verglasten Galerie die lärmenden Videospiele laufen, kann in den übrigen Bereichen der ehemaligen Industriehalle ungestört gelesen werden. Deckenpaneele, Teppichläufer, Regale und Raumtrenner schlucken den störenden Schall. Im Arbeitsalltag führt die aktuelle Leidenschaft für flexible Arbeitsplätze in Großraumbüros zu intimen Rückzugslösungen wie den Besprechungskojen des Bürosofas „Alcove“ von Ronan und Erwan Bouroulec. Seine auf drei Seiten hochgezogenen gepolsterten „Wände“ schirmen die Nutzer akustisch und optisch vom Bürogewusel ab. Wie Lärmschutz kreatives Potenzial freisetzt, zeigen die Berner Architekten Marco Graber und Tom Pulver. In ihrer 2011 fertiggestellten „École des Métiers“ in Fribourg haben sie eine Schweizer Standard-Lärmschutzwand aus Beton eingebaut, denn was an der Autobahn funktioniert, hilft auch auf einem langen Flur – und macht zudem auch baulich eine gute Figur.

Neben seiner meditativ anmutenden Malerei in Auseinandersetzung mit Motiven alter Meister hat Nikolai Makarov auch ein „Museum der Stille“ mitten im hippen Berlin ins Leben gerufen. Dort werden unter anderem Architekturmodelle von Volker Staab, Max Dudler und Sergei Tchoban gezeigt, die jeweils einen besonderen Raum der Stille entworfen haben.Jürgen Tietz

Links

www.museum-der-stille.de

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