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Die Vorbereitungsarbeiten für die Sprengung der Silos dauerten mehrere Monate. Um die Türme zu Fall zu bringen wurden 1.500 Bohrlöcher mit 250 Kilogramm Sprengstoff besetzt.

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© Elke Schönig / HeidelbergCement AG

Ausgabe 4/2016Thema: Stille

Abschied mit großem Knall

Nachnutzung für ein Zementwerk

Was geschieht mit Steinbruch, Stollen und einem alten Zementwerk, wenn sie nicht mehr gebraucht werden? In Wetzlar gab es neben dem herkömmlichen Abbau und Abriss auch spannende Spezialtransporte und spektakuläre Sprengungen zu beobachten. In Zukunft nutzt Ikea das attraktive Areal.

Das ehemalige Zementwerk in Wetzlar blickt auf eine lange Geschichte zurück. Das heute an der Hermannsteiner Straße liegende Areal wurde seit 1872 von Buderus genutzt, einem deutschen Großunternehmen im Bereich der Eisenverhüttung und Eisenverarbeitung mit Hauptsitz in Wetzlar. Passend zu dessen Produktion schürfte man im nahegelegenen Steinbruch Hermannstein in der Grube Malapertus nach Manganerzen. Später baute Buderus im Steinbruch Kalkstein ab, der von 1974 bis 2010 für die Zementherstellung verwendet wurde. Im Jahr 2003 kaufte HeidelbergCement das Zementwerk von Buderus.

Ein Abbau der besonderen Art: mit amerikanischer Fliegerbombe, Granaten und einer gut geplanten Sprengung.

Doch das relativ kleine Werk kämpfte bald mit seiner alten Technik und einer geringen Auslastung von nur 40 bis 50 Prozent. Die stetig geringe Ofenauslastung bei gleichzeitig steigendem Investitions- und Reparaturbedarf führte schließlich dazu, dass das Werk im Jahr 2010 geschlossen wurde. Es wurde still auf dem Gelände in der Hermannsteiner Straße. Fast still. Denn das Unternehmen erarbeitete ein umfassendes Rückbaukonzept: So überließ es die alte, unter Denkmalschutz stehende Förderanlage in der Grube Malapertus, inklusive den Stollen, vorübergehend dem Förderverein gleichen Namens. Für den zum Werk gehörenden Kalksteinbruch in Hermannstein entwickelte HeidelbergCement eine entsprechende Nachfolgenutzung. So müssen aus Gründen der langfristigen Stand- und Verkehrssicherheit Teile des Steinbruchs mit Aushub verfüllt werden – die so rekultivierten Flächen lassen sich danach zum Beispiel wieder landwirtschaftlich nutzen. In einer Kooperation mit dem Naturschutzbund NABU vereinbarte HeidelbergCement darüber hinaus, dass im Rahmen der Folgenutzung des Steinbruchs rund ein Drittel der Grundfläche renaturiert – also für den Natur- und Artenschutz bereitgestellt wird. In diesem Bereich hat der Naturschutz dauerhaft Vorrang.

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Die drei Silotürme kurz vor der Sprengung – rechts im Bild die Fallbetten aus recyceltem Abbruchmaterial – und kurz nach der Sprengung aus einem anderen Blickwinkel: die Türme liegen wie geplant im Fallbett.

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© Max Wild GmbH, Berkheim

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Die drei Silotürme kurz vor der Sprengung – rechts im Bild die Fallbetten aus recyceltem Abbruchmaterial – und kurz nach der Sprengung aus einem anderen Blickwinkel: die Türme liegen wie geplant im Fallbett.

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Auf dem eigentlichen Werksgelände in Wetzlar stand HeidelbergCement vor besonderen Herausforderungen: Was tun mit den vorhandenen Anlagen, Gebäuden und Flächen? Um das Gelände weiter vermarkten zu können, waren zunächst umfangreiche Aufräumarbeiten nötig. Soweit es ging, verwendete HeidelbergCement die vorhandenen und noch brauchbaren Altanlagen und Einrichtungen in den eigenen Werken. Weitere Teile konnten an andere Unternehmen verkauft werden. So gingen im April 2014 beispielsweise die beiden 32 Tonnen schweren Kohlestaubsilos spektakulär per Sondertransport zur Weiterverwendung nach Erwitte in Ostwestfalen.

Am Ende blieben das Gelände und die vorhandenen Gebäude übrig. Um diese rückzubauen, entschied sich HeidelbergCement für die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Max Wild aus Berkheim in Oberschwaben. Das seit 1955 bestehende Unternehmen ist unter anderem auf den Abbruch von Industrieanlagen und die Aufbereitung von Grundstücken spezialisiert. Und eine neue Nutzung zeichnete sich für das innenstadtnah gelegene Gelände ab – das schwedische Möbelhaus IKEA signalisierte über die Stadt Wetzlar Interesse an einer Ansiedlung, vorausgesetzt, das Gelände ist frei von Gebäuden und Altlasten.
Die Mitarbeiter von Max Wild machten sich an die Arbeit. Da auf dem Gelände noch Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg vermutet wurden, war der Kampfmittelräumdienst bei den Rückbau-Aktivitäten immer vor Ort. Zurecht, denn gefunden wurden tatsächlich eine 50 Kilo schwere amerikanische Fliegerbombe sowie mehrere Granaten. Aus der Zeit der Eisenverarbeitung gab es zudem einen Bereich mit von Schadstoffen kontaminiertem Erdreich, der umfassend saniert werden musste. Mit einem großen Knall endeten hingegen die drei rund 80 Meter hohen Silotürme und der rund 65 Meter hohe Wärmetauscherturm: Sie standen unmittelbar neben einer ICE-Strecke und mussten kontrolliert gesprengt werden. Sprengmeister Eduard Reisch, der als erfahrenster Sprengtechniker Deutschlands gilt, koordinierte das Vorhaben im Februar 2016.

„Trotz der langjährigen Erfahrung im Abbruch ist eine Sprengung auch für uns immer wieder ein Highlight. In enger Abstimmung mit dem Sprengmeister haben wir im Vorfeld diverse technische Vorbereitungen zur optimalen Ausführung getroffen. Mit rund 60.000 Tonnen Beton-Recycling-Abbruchmaterial wurden beispielsweise mehrere Fallbetten mit einer Höhe von sechs bis sieben Metern aufgeschüttet, um die Erschütterung beim Einsturz der gesprengten Türme auf ein Minimum zu reduzieren“, berichtet Kurt Bicker, Oberbauleiter Brückenabbruch bei Max Wild. Dank spezieller Keile, 1.500 Bohrlöchern und 250 Kilogramm Sprengstoff kippten die Türme vorbildlich nacheinander im Sekundentakt zur Seite.

Nach dem Abbruch von circa 320.000 Quadratmetern umbautem Raum und allen Sanierungsmaßnahmen konnte im Sommer 2016 das 70.000 Quadratmeter Fläche umfassende Gelände „besenrein“ an den neuen Eigentümer, das Möbelhaus IKEA, übergeben werden. Die Anwohner sind froh: Die Monate, die sie unter Staub, Lärm und Erschütterungen gelitten haben, gehören nun endgültig der Vergangenheit an. Künftig wird das Areal vom Gelb-Blau des schwedischen Möbelhauses geprägt. Grün und ruhig hingegen bleibt die von HeidelbergCement renaturierte Fläche im ehemaligen Steinbruch zurück.Anke Biester

Zusätzliche Informationen

Bauschutt-Management

Eine beeindruckende Bilanz: In insgesamt etwa 53.000 Stunden bauten Arbeiter im ehemaligen Zementwerk Wetzlar 32 Bauwerke zurück und sprengten vier davon. Besondere Vorsicht war beim Bodenaushub geboten. Da Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg im Boden vermutet wurden, mussten circa 150.000 Kubikmeter Erdmasse unter der Begleitung des Kampfmittelräumdiensts ausgehoben werden.
Der gesamte Bauschutt und Aushub des Zementwerks verblieb in einem ersten Schritt auf der Baustelle. Diese riesige Menge wurde auf sogenannten Haufwerken zwischengelagert und gesiebt, dann auf Rückstände untersucht („beprobt“) und wieder eingebaut beziehungsweise entsorgt, je nach Ergebnis der Analyse. Im gesamten Zeitraum bewegten die Arbeiter auf dem Gelände 250.000 Tonnen Beton und 400.000 Tonnen Boden (davon 100.000 Tonnen aus der Sanierung). Circa 150.000 Tonnen an Bauschutt und Aushub wurden dann entsorgt und konnten nicht für den Unterbau des neuen Möbelhauses verwendet werden. 500.000 Tonnen Material konnten recycelt, das heißt, gebrochen, gesiebt, mit Bindemitteln verbessert und auf dem gesamten Gelände von 75.000 Quadratmetern als Unterbau verwendet werden.
Die Abbrucharbeiten in Wetzlar verteilte die HeidelbergCement AG auf drei Lose. In Los 1 meisterte die Max Wild GmbH, Berkheim aus Berkheim einen Abbruch von circa 320.000 Kubikmetern umbauten Raum und 15.000 Quadratmetern Freiflächenbefestigung, meist Betonplatten. Die Abbruchprofis waren dabei zuständig für den Abbruch, die Entkernung, Erdarbeiten, die Entsorgung von teilweise kontaminiertem Material und die Aufarbeitung des Bauschutts. In Los 2 und 3 arbeiteten in einer ARGE die Max Wild GmbH, Berkheim, die Wilhelm Geiger GmbH & Co. KG und die Geiger Umweltsanierung GmbH & Co. KG aus Oberstdorf an der Sanierung und Entsorgung einer Pyrit- und Klinkerhalde.

Wenn Silos auf Reisen gehen

Es waren nicht die größten Silos, doch ihr Transport war eine Herausforderung: Die beiden Kohlestaubsilos aus Stahl des ehemaligen Zementwerks Wetzlar mussten Ende März 2016 nach Erwitte in Ostwestfalen transportiert werden. Sie sind je 25 Meter lang, 6,60 Meter hoch und 32 Tonnen schwer. 30 Mitarbeiter, drei Nächte und eine perfekte Vorbereitung waren notwendig, um die liegende Ladung per Schwertransport sicher ans Ziel zu bringen.
Bevor es losgehen konnte, wurde die Strecke erst einmal am Computer berechnet und die realen Bedingungen auf der Straße Kilometer für Kilometer überprüft. Jeder Kurvenradius, jede Ampel, jede Telefonleitung wurde dafür vorab vermessen. Insgesamt 15 Mal sind die Mitarbeiter von DB Schenker, die den Spezialtransport ausführten, die gesamte Strecke abgefahren, um vor eventuellen Überraschungen sicher zu sein. Grundbedingung für die schließlich ausgewählte und von mehreren Behörden genehmigte Strecke war, dass sie frei von Brücken sein musste – Höhe und Umfang der Silos machten eine Durchfahrt unmöglich.
Aber auch technische Fragen wie das Verladen und Sichern der beiden Silos stellten die Logistikmitarbeiter vor besondere Aufgaben. Ein Statiker schrieb schließlich ein 87-seitiges Gutachten, wie die Kohlesilos auf den Tiefladern zu liegen hatten. Gesichert wurde die Fracht mit acht Befestigungsketten pro Fahrzeug. Von innen wurden die beiden Silos für den Transport zusätzlich mit Metallstreben verstärkt.
Mit maximal 30 Kilometern pro Stunde ging es auf die 220 Kilometer lange Strecke von Wetzlar nach Erwitte. Vorneweg fuhren drei Polizeiwagen, die die Straßen sperrten. Dann folgten die Mitarbeiter eines Spezialunternehmens, die für den Spezialtransporter den Weg frei machten: Ampeln mussten gedreht, Telefonleitungen hochgehalten werden. Jeder der beiden Fahrer hatte einen Begleiter, der dem Lkw hinterher fährt und beispielsweise den angehängten Tieflader um die Kurven manövriert. Dieser hat vier Achsen, die über eine Fernsteuerung separat lenkbar sind. Für die engsten Stellen brauchten die beiden Transporter allein zum Rangieren eineinhalb Stunden, denn hier war jeder Zentimeter entscheidend.
Den Abschluss bildeten dann das sogenannte Begleitfahrzeug 3 mit einem leuchtenden und gut sichtbaren Überholverbotsschild und dahinter ein Versorgungs-Lkw sowie ein Fahrzeug, das abgeknickte Äste aufsammelt. Ampeln, die zuvor für den Transport abgebaut worden waren, wurden innerhalb weniger Minuten nach der Durchfahrt des Konvois wieder aufgestellt. Drei Nächte dauerte die Prozedur, bis die Silos sicher und wohlbehalten am neuen Standort aufgestellt werden konnten.

Sprengung nach Maß

Das Spektakel wollten sich rund 2000 Zuschauer an einem frühen Sonntagmorgen im Februar nicht entgehen lassen: Die drei als markante Bauten der Stadt bekannten und rund 80 Meter hohen Zementsilos des Zementwerkes in Wetzlar wurden gesprengt. Ebenso ein rund 65 Meter hoher Wärmetauscher, der auf dem Gelände stand. Gegen fünf Uhr früh fielen dann die Türme nach mehreren Explosionen wie in einer fein abgestimmten Choreographie einer nach dem anderen um. Es gab Applaus. Die frühe Morgenstunde wurde gewählt, weil direkt neben den Zementsilos eine ICE-Strecke verläuft – und der Zugverkehr so wenig wie möglich beeinträchtigt werden sollte. Überhaupt gab es viel zu beachten und vorzubereiten: „Kurz vor der Sprengung wurden der linke und der rechte Turm in eine fünfprozentige Neigung gebracht und ihnen Fall-Keile verpasst. Das brachte das Bauwerk quasi aus dem Gleichgewicht und die drei Silos fielen so beim Sprengen im Sekundentakt zu Boden. Die Fallrichtung der Bauwerke war ein ganz entscheidender Faktor, sie wurde vorgegeben durch eine unmittelbar an das Grundstück angrenzende Bundesbahnstrecke und einen benachbarten Energieversorger“, erklärt Projektleiter Kurt Bicker von der mit der Geländeräumung beauftragten Firma Max Wild. Sprengspezialist Eduard Reisch koordinierte die Sprengung. Der Bayer gilt als erfahrenster Sprengtechniker Deutschlands und verantwortete 2014 auch die Sprengung des 116 Meter hohen AfE-Turms der Uni Frankfurt. Noch nie zuvor war in Europa ein höheres Gebäude gesprengt worden.
Die Vorarbeiten für die Sprengung in Wetzlar dauerten mehrere Monate. Um die Türme zu Fall zu bringen wurden 1.500 Bohrlöcher mit 250 Kilogramm Sprengstoff besetzt.
Begleitet wurde die Aktion von einer Arbeitsgruppe der Stadtverwaltung. Im Zusammenspiel mit dem Sprengmeister Reisch, dem Projektleiter Bicker und der Polizei wurden die Absperrungen und Sicherheitsmaßnahmen rund um das Gelände geplant. Zu sichern war ein Radius von 300 Metern. Dauerte die Sprengung auch nur wenige Minuten, so brauchten die Mitarbeiter der Firma doch Wochen, um die Reste der gesprengten Türme zu beseitigen.

Objektsteckbrief

Projekt:
Rückbau ehemaliges Zementwerk, Wetzlar

Auftraggeber:
HeidelbergCement AG

Abbruch:
Max Wild GmbH, Berkheim, Berkheim

Umfang:

  • Abbruch von ca. 320.000 m³ umbautem Raum
  • Abbruch von 15.000 m² Freiflächenbefestigung (Betonplatte)
  • 150.000 t zu recycelndes Material – vor Ort gebrochen und auf dem gesamten Gelände von ca. 75.000 m² als Unterbau für IKEA eingebaut
  • ca. 100.000 m³ Erdarbeiten unter Begleitung von Kampfmittelräumern – Aushub mit Siebanlage aufbereitet, beprobt und wieder eingebaut

Besonderheiten:

  • Sanierung Pyrithalde – ca. 85.000 t kontaminiertes Material fachgerecht entsorgt
  • 3 Silotürme von 80 m Höhe gesprengt
  • ein Wärmetauscher von 65 m Höhe gesprengt

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