Ausgabe 4/2015

So oder so?

Unterschiede sind spannend

An Unterschieden kann man sich hervorragend reiben - oder sich an der Vielfalt, die sie mit sich bringen, erfreuen.

Es gibt Architekturvisualisierungen, auf Neudeutsch „Renderings“, die gaukeln eine verblüffend echte Welt vor. Kaum ist darauf zu erkennen, dass die abgebildete Situation nur eine in Aussicht gestellte, meist idealisierte Wirklichkeit darstellt. Der Unterschied zu einem realen Foto ist technisch so perfekt negiert, dass man fast glauben könnte, das Bauvorhaben sei schon fertig gestellt. Doch ob die oft geschönte Situation Realität wird, hängt von vielen Faktoren ab, nicht zuletzt von den wirklichen Menschen, die später die Szenerie beleben. „Auf dem Bauschild wirkt die Elbphilharmonie viel besser aus als im Original“, war bei Besichtigungen in Hamburg zu hören. Ein Fall von Unterschied, bei dem sich Erwartung und Ergebnis nicht gedeckt haben.
Als vor einigen Jahren der Maler Wolfgang Beltracchi der meisterhaften Fälschung bislang unbekannter, gleichwohl herausragender Gemälde angeklagt und zusammen mit seiner Gattin Helene wegen des Vertriebs dieser hochdotierten Werke bedeutender Künstler verurteilt wurde, fiel auf dem Kunstmarkt ein ganzes Lügengebäude um gefälschte Identitäten von Mäzenen, Sammlern und Kunstsammlungen in sich zusammen. Den Unterschied zwischen Original und Fälschung hatten selbst anerkannte Kunstexperten bei gründlicher Prüfung nicht feststellen können. Schließlich war Beltracchi über Titanweiß gestolpert. Er hatte das Pigment bei der Fälschung eines verschollenen Schlüsselwerks der Moderne verwendet. Nicht jedes Museum war über das Aufrollen des Falls glücklich. Bei einem Betrugsgewinn von bis zu 50 Millionen Euro ist sicher noch die ein oder andere nicht benannte Fälschung im Umlauf und mancher Besitzer scheut sich, dem wahren Ursprung seines teuren Werks auf den Grund zu gehen. Der Betrachter muss, wie der Weinkenner bei einer Blindverkostung, die Qualität der Gemälde wieder nach eigenem Gutdünken einschätzen.

Gleich heißt nicht identisch

Am meisten fasziniert der Unterschied, wo vermeintlich keiner zu sehen ist. Ab den 1950er Jahren konnte das Publikum am Beispiel des Zwillingspaars Ellen und Alice Kessler studieren, wie ähnlich sich eineiige Zwillinge sind und ob sie sich nicht dennoch voneinander unterscheiden. Denn Zwillinge gleichen einander, aber es gibt auch entscheidende Unterschiede: Als vor einigen Jahren ein Juwelenraub im KaDeWe in Berlin unaufgeklärt blieb, ließ sich die am Tatort gefundene DNA von zwei eineiigen Zwillingsbrüdern keinem von ihnen eindeutig zuordnen. Nun können Forscher seit einiger Zeit auch genetisch gleiche Menschen unterscheiden. Wie sie festgestellt haben, setzt die Differenzierung schon im frühen Embryonenstadium ein. Das könnte auch den Täter beunruhigen.

„Sehr geringe Unterschiede begründen manchmal sehr große Verschiedenheiten.“

Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach (1830 – 1916),österreichische Erzählerin

Sich von anderen zu unterscheiden, sich von der Masse bis hin zu Erregung öffentlichen Ärgernisses abzuheben, war besonders seit dem Zweiten Weltkrieg immer wieder Bestandteil der Jugendkultur. „Individualisierung war gleichbedeutend mit dem Versuch, sich in der Vielfalt einer zunehmend komplexeren, chaotischeren, widersprüchlicheren Welt eigenständig zurechtzufinden“, weiß das Online-Lexikon für Psychologie und Pädagogik. Kleidung ist dabei ein Weg, „aus der Fülle an Identitäts- und Lebensstilangeboten sein eigenes Ding herauszufiltern, sich seine eigene Umwelt inklusive verbindlicher Beziehungen und Freundeskreise selbst zusammenzustellen.“ Auch wenn der Unterschied zwischen verschiedenen Turnschuh-, Jeans- oder Hoody-Trägern für Außenstehende kaum wahrnehmbar ist, geben bestimmte Dress-Codes den Eingeweihten ein sicheres Signal für Zugehörigkeit oder nicht. Mode kann selbst über Klassenzugehörigkeit entscheiden; vielleicht hat deshalb die 74-jährige Mode-Ikone Vivienne Westwood, Stilistin des Punks, beim jüngsten Catwalk ihre Models mit Demonstrations-Plakaten bestückt. Protest unterscheidet immer noch vom Mainstream, auch wenn er nun ein Marketinginstrument geworden ist. Vor 40 Jahren galten zerrissene Jeans als Mittel der Auflehnung, heute wird der Alterungsprozess künstlich eingeleitet und vom Käufer durch Mehrkosten entsprechend honoriert.

X ist nicht immer Y

Den entscheidenden Unterschied macht bekanntlich das kleine Y-Chromosom. Es kann, gemäß den Mendelschen Regeln, vom Vater vererbt werden und bestimmt damit das Geschlecht. Halten viele gerne die gesellschaftliche Prägung – hier blaues Höschen, dort rosa Strampler – oder hormonelles Wirken für den entscheidenden Grund der unterschiedlichen Ausprägung des Verhaltens von Mann und Frau, so wurde inzwischen von der amerikanischen Neurologin Jane Taylor und ihren Kollegen zumindest bei Mäusen auch ein direkter Bezug zwischen Chromosomensatz und konkretem Verhalten nachgewiesen.

„Ohne Unterschied macht Gleichheit keinen Spaß.“

Dieter Hildebrandt (1927 – 2013),deutscher Kabarettist

Beim Bau sind es die verwendeten Materialien, die verschiedenen Arten der Verarbeitung, der Kontrast zwischen Alt und Neu und nicht zuletzt die mehr oder weniger raffinierten Details, die die Architektur formen und in vielerlei Hinsicht „den Unterschied ausmachen“. Zweifelsohne ist das Verlangen nach authentischen Baustoffen vorhanden, die – wie historische Mauern – Jahrhunderte überdauern und im Laufe der Zeit eine romantische Patina erhalten. Eine Qualität, die durch Prozesse der Vorbewitterung oder dem Künstlich-auf-alt-trimmen auf die Schnelle nicht zu erreichen ist.
Tritt ein Neubau im Gewand eines historischen Gebäudes auf, wie etwa im Falle des Berliner Hotels Adlon oder des künftigen Stadtschlosses, stören sich Gäste selten an der Abweichung vom verloren gegangenen Bauwerk. Wenn es hier Differenzen gibt, sind sie eher grundsätzlicher Natur, dann geht es um unterschiedliche Architekturauffassungen. Und an diesen Unterschieden kann man sich bekanntlich hervorragend reiben.Susanne Ehrlinger

Ost-West-Kluft?

25 Jahre nach der Wiedervereinigung haben sich, so eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock, die ehemals großen Unterschiede in der Lebenserwartung zwischen Ost- und Westdeutschland fast angeglichen. Nun allerdings entwickle sich ein Süd-Nord-Gefälle, das vielfach die wirtschaftliche Entwicklung widerspiegle.


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