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Vor Dubai entstehen im Meer künstliche Archipele, die vielen ökologisch und ökonomisch fragwürdig erscheinen.

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picture alliance / MILAGROPRESS/MAXPPP

Ausgabe 4/2015

Gute Bauten, böse Bauten

Über Geschmacksurteile in der Architektur und die hohe Hürde der Aufmerksamkeit. Ein Kommentar von Christian Marquart

Kommt die Rede auf Unterschiede, ist zu unterscheiden zwischen jenen, bei denen es um „wahr“ oder „falsch“ geht, und anderen, bei denen Differenzen Ansichtssache sind. Kulturelles wird meist als Geschmacks- oder Stilfrage verhandelt, über die sich schwer (oder trefflich) streiten lässt, aber eben ohne (end-)gültiges Ergebnis.

Gesellschaftliches Leben ohne Debatten, auch über Stil- und Geschmacksfragen, wäre langweilig: Am Ende stünde eine gespenstisch uniforme Zivilisation, ein Ameisenstaat. Mit Recht sind die Nationen der westlichen Welt stolz auf ihre Verfassungen, die Gedanken- und Meinungsfreiheit garantieren. Dennoch sorgt auch dort eine Vielfalt von Gesetzen und Verordnungen für problematische Formen von Gleichmacherei und Ödnis – nicht zuletzt im Bau- und Planungsrecht. Geht es um wahr und falsch, wenn in einem Bebauungsplan spezielle Dachneigungswinkel vorgeschrieben sind? Zerstören Abweichungen von der Regel, wie auch immer durchsetzbar, das Stadtbild – oder sorgen sie für Abwechslung, die vielleicht das Prädikat „lebendige Vielfalt“ verdient?
Unterschiedliche Geschmäcker sind kein Problem, sondern ein Gewinn. Problematisch ist aber die unterentwickelte Wahrnehmung dessen, was zumal in der Baukultur eigentlich Gegenstand produktiver Debatten sein sollte. Streiten wir bitte um Wesentliches! Öffentliche Aufmerksamkeit entzündet sich heute eher an der Garderobe der Kanzlerin als etwa an Grundsatzentscheidungen kommunaler Stadtentwicklung und Fragen der Baukultur; und selbst dabei gewinnen ein paar Parkplätze ein größeres Gewicht als etwa die mangelnde Qualität ganzer Stadtquartiere oder eines Großprojekts.

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Über das neue NS-Dokumentationszentrum ist man in München geteilter Meinung.

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© HeidelbergCement (Steffen Fuchs)

Über „gute“ oder „schlechte“ Architektur lässt sich verallgemeinernd schlecht reden. Entscheidend sind letztlich konkrete Details im Einzelfall; notabene auch städtebauliche, die dem Laien aber noch weniger ins Auge fallen als architektonische oder technische Qualitäten. Allein die Tatsache, dass die eine oder andere Baumaßnahme doch starke Emotionen weckt – positive wie negative – ist schon eine Sensation. Über die meisten Bauten in Stadt und Land sehen wir einfach hinweg. Noch in ihrer gewöhnlichsten Scheußlichkeit werden sie uns gleichgültig, indem Verdrängung und Abstumpfung die Regie unserer Wahrnehmung übernehmen.
Wer lebt schon gerne in einer als unwirtlich empfundenen Umgebung? Lieber richten wir uns ein in einer lauen Harmonie des Gewohnten. Gelingt das, wird allerdings jede Veränderung zur Provokation: Neues stört da grundsätzlich. Denn das Neue kommt immer zu plötzlich, und schlimmer noch – es ist so anders!
Cool ist das Neue nur im Kostüm des Gewohnten. Sobald Innovationen erkennbar über Stilfragen hinausgehen, scheinen sie unser Urteilsvermögen zu überfordern. Mitunter entgleisen Debatten über Neues, indem man plötzlich schlampig mit Kategorien umgeht. Dann verwandeln sich Fragen der Ästhetik plötzlich in moralische Probleme. Politische Fragen werden als technische behandelt, Stilfragen dagegen ideologisch überhöht – und dabei wesentliche Sachprobleme übersehen oder ausgeblendet.
Kürzlich sendete das ZDF einen Film über „Böse Bauten“; es ging um Architektur der Nazizeit. Den Auftakt machte der einstige Führerbau in der Münchner Maxvorstadt. Heute ist dort die Musikhochschule prima untergebracht – ist der Bau jetzt weniger böse? Gleich daneben wurde vor Monaten Münchens neues NS-Dokumentationszentrum (siehe context 4/2013) eröffnet, exakt dort, wo einst das „Braune Haus“ der Nazipartei stand: ein Palais aus dem 19. Jahrhundert, von Fliegerbomben zerstört. An seiner Stelle erhebt sich nun der Neubau als weißer Würfel, die Fassaden aus Sichtbeton – ein starker Kontrast zum Klassizismus der benachbarten Bestandsbauten.

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Auch über die Architektur des militärhistorischen Museums in Dresden von Daniel Libeskind lässt sich streiten.

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janbitter.de

Fachkritiker wie Münchens Bürger sind geteilter Meinung über die Qualität des Neubaus von Georg/Scheel/Wetzel Architekten aus Berlin: Zu selbstbewusst die Architektursprache, zu wenig Konzessionen an den Klassizismus der Maxvorstadt! Die andere Fraktion findet es dagegen genau richtig, dass die Architekten sich nicht der Neoklassik des Hitler-Architekten Troost unterordnen wollten.
Die „bösen“ Bauten von heute sind jene ohne Nachhaltigkeitszertifikate, die „guten“ verschwenden keine knappen Ressourcen. Aber auch auf diesem Weg lassen sich Städte mühelos verschandeln. Architekturqualität erschöpft sich nicht im „intelligenten“ Nullenergiehaus. Gute Architektur und lebenswerte Städte sind schlicht das Fundament unserer Kultur. Was ist Kultur? Die immer neu zu gewinnende Balance von Tradition und Fortschritt.Christian Marquart


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