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Apartmenthaus „8“ in Örestadt

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© big.dk/Jens Lindhe

Ausgabe 4/2015

Andere Länder, andere Bauten

Dänemark pirscht vor

Die skandinavischen Länder sind – was Möbel anbelangt – für ihren modernen, lockeren Stil bekannt. Auch beim Bauen hat sich das kleine Land Dänemark Großes vorgenommen. Schon seit Jahren beobachten wir mit Staunen, was sich dort rasant entwickelt.

context: Als Sie 1995 zum Studium nach Dänemark gingen, war der Bereich südlich von Kopenhagen noch eine Brache?

Jan Geipel: Richtig. Besser gesagt, es bot sich hier damals das Bild rauer und doch idyllischer dänischer Landschaft, so wie man sie sich aus der Distanz in seinen Ferienträumen vorstellt. Unverstellter Blick ins Weite, getaucht in nördliches Licht, das Meer am Horizont hinter einigen Dünen, Birkenauen, frisches Grün, Sanddornbüsche, dazwischen grasende Kühe als malerische Farbtupfer. Alles noch so wie in den Landschaftsmalereien von Lundbye, einem der wichtigsten Vertreter des dänischen Impressionismus. Mit dem Fahrrad über ein gut ausgebautes Netz war dieses Gebiet von der Innenstadt aus schnell zu erreichen und frühmorgens bereits von zahlreichen sportiven Kopenhagenern frequentiert.

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Chi Binh Trieu, Tokio

c: Was für Bauten sind in den letzten zehn Jahren dort entstanden?

JG: Die hier in den letzten 15 Jahren entstandene urbane Vielfalt ist atemberaubend, sowohl in ihrer Dimension, als auch in ihrer funktionalen und architektonischen Vielfalt. Spontan fällt mir kein vergleichbares Projekt in Deutschland aus dem gleichen Zeitraum ein. Konkret lassen sich die Neuerungen in der Örestadt in vier Kategorien gliedern: eine hochmoderne Infrastruktur, Wohnbauten, Bürogebäude und vielfältige Einrichtungen im Bereich Kultur, Medien und Wissenschaft. Die Stadt hat diesen neuen, annähernd rechteckigen, man könnte sagen: Teppich, denn das Gebiet ist immerhin 5 Kilometer lang und 500 Meter breit, konsequent in vier Abschnitte mit einem jeweils übergeordneten Schwerpunktthema und Charakter gegliedert. Es gibt dort spektakuläre Wohnungsbauten mit ausgeprägt experimentellem Ansatz neben rationalen, pragmatischen, hochverdichteten Wohngebäuden, dazu Shoppingmalls, Hotels von internationalem Standard, Messegebäude, in denen nebenbei der internationale Weltklimagipfel 2009 stattfand, Schulen aller Stufen, hochkarätige Universitäten, Medienunternehmen, ein Konzerthaus von Jean Nouvel und inzwischen auch rund um die Uhr geöffnete Bibliotheken. Dazu ist es gelungen, in kurzer Zeit eine äußerst vielfältige Unternehmenslandschaft anzusiedeln. In Zahlen ausgedrückt sollen auf dieser Fläche einmal 60.000 Menschen arbeiten, 20.000 wohnen und 20.000 studieren. Mehr als die Hälfte dieser Vorgabe ist bereits erreicht.
Eine 24 Stunden verkehrende, dicht getaktete Metrolinie in die Innenstadt, und eine zweite zum Flughafen bilden seit Beginn – also noch vor dem Spatenstich für die ersten Bauten in der Örestadt – das infrastrukturelle Rückgrat bis in die Speerspitze des neuen Stadtviertels, dort, wo es direkt in ein weitläufiges Naherholungsgebiet in Meeresnähe mündet. Die Metrolinie wurde dazu in weiten Teilen aufgeständert, um Querverbindungen und Blickbeziehungen zu fördern. Weitläufige Teilflächen unter der Metro wurden dann als Naherholungsflächen mit großzügigen Wasserläufen angelegt. Man kann gratis Ruderboote ausleihen, auf schwimmenden Plattformen verweilen, angeln, joggen.

„Die urbane Struktur ist atemberaubend“

c: Wie sieht es mit sozialem Wohnungsbau aus?

JG: Nach außen hin fährt Dänemark ja in den letzten zehn Jahren, was Immigration betrifft, den Kurs eines restriktiven Hardliners. In der Stadtplanungspolitik ist und bleibt allerdings ein ganz wichtiges Thema: Inklusion, und nochmals Inklusion. Dies bezieht sich nicht nur auf die kulturelle, sondern gleichermaßen auf die soziale und altersmäßige Durchmischung von Wohnquartieren. Anders als bei uns, wo das Thema unverständlicherweise erst durch die aktuelle Flüchtlingskrise auf die Prioritätenliste deutscher Baupolitik gesetzt wird und die Gefahr besteht, dass jetzt mit heißer Nadel kurzsichtige Lösungen produziert werden, bestehen in Dänemark seit Jahrzehnten strategische und vor allem ganzheitliche Planungsansätze im Wohnungsbau. Basierend auf den teils negativen Erfahrungen aus den Sechzigern vor allem im Westen und stadtnahen Norden der Stadt – Thema Zuzug, Antwort in Form standardisierter Bauten in Randlage und anschließender Ghettoisierung – verfolgt man seit den Siebzigern eine Durchmischungsstrategie. Neuen Schub hat die planerische Qualität ab 2001 erhalten, als Jan Christiansen zum obersten Baumeister von Kopenhagen ernannt wurde; bis 2010 wirkte er als verantwortlicher Stadtarchitekt.

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Neue Markthalle „Torvehallerne KBH“ auf dem Israel-Platz

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Thomas_Steen_Sørensen

Er betrat das städteplanerische Parkett zu einer Zeit, als generell die Kopenhagener wieder vermehrt begannen, sich für die Stadt zu interessieren, und aus der ländlichen Idylle in die urbane Dichte ziehen wollten. Die Örestadt war da so etwas wie das ideale Experimentierfeld der kommenden 20 bis 30 Jahre: zentrumsnah – mit der Metro ist man in gut 10 Minuten in der Innenstadt – und gleichzeitig dicht dran an einem weitläufigen Naherholungsgebiet. Jedenfalls, was hier in der Kürze an erfolgreicher sozialer Durchmischung entstanden ist, macht aus der Ferne neidisch. Ein Beispiel dafür ist das von Tegnestuen Vandkunsten errichtete „Sejlhuset“, auf deutsch „Segelhaus“. Hier wurde nicht nur auf soziale, sondern auch auf generationenübergreifende Durchmischung der gut 200 Bewohner Wert gelegt. Diese Prinzipien finden sich auch in den meisten anderen bereits fertiggestellten oder geplanten Wohnungsbauten mit gemeinnütziger Ausrichtung. Was hier in der Kürze an erfolgreicher sozialer Durchmischung entstanden ist, macht aus der Ferne neidisch. Ein Beispiel dafür ist das von Tegnestuen Vandkunsten errichtete „Sejlhuset“, zu Deutsch „Segelhaus“. Hier wurde nicht nur auf soziale, sondern auch auf generationenübergreifende Durchmischung der gut 200 Bewohner Wert gelegt. Diese Prinzipien finden sich auch in den meisten anderen bereits fertiggestellten oder geplanten Wohnungsbauten mit gemeinnütziger Ausrichtung.

„Seit den 70ern verfolgt man eine Durchmischungsstrategie“

c: Welche Qualitäts- und Nachhaltigkeitskriterien sind in Dänemark gültig?

JG: Hoher gestalterischer Anspruch, humanistischer Ansatz, auch Lust am Experiment, Flexibilität, und partizipatives Prinzip: Die Stadt und ihre Akteure reagieren in den Planungsvorgaben schnell auf neue Herausforderungen und Bedürfnisse, darin eingeschlossen auch Ideen von Seiten der Öffentlichkeit. Beispiel: Die neue Markthalle auf dem Israelsplatz, die auf den Vorschlag eines jungen Architekten zurückgeht, oder temporäre Cafés, Bars, Shops und Dienstleistungen in Schiffscontainern in der Örestadt, um den längerfristigen örtlichen Bedarf auszuloten. Auch die Einrichtung kleiner Urban Gardens unter der aufgeständerten Metro ist ein Beispiel für diese Flexibilität und Neugier. Plug'n Play ist ein Stichwort. Restflächen, die aktuell nicht verwertet werden, oder auch vorbereitete Flächen, auf denen später ein Gebäude entstehen sollte, wurden und werden kurzfristig mit Funktionen bespielt, beispielsweise mit Skaterplätzen.
Daneben wurde um 2000 eine Wettbewerbskultur eingeführt, die besonders auch kleine, konzeptuell hochinnovative Büros gleichberechtigt einbindet, auch wenn diese logischerweise noch nicht über die Erfahrung der Big Players verfügen. Bjarke Ingels (heute BIG) und Julien de Smedt (heute JDS) konnten so damals überhaupt erst Fuß fassen.

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Studentenwohnheim Tietgen in Kopenhagen.

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© Jens Lindhe/Lundgaard & Tranberg Arkitekter, Kopenhagen

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Studentenwohnheim Tietgen in Kopenhagen.

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© Jens Lindhe/Lundgaard & Tranberg Arkitekter, Kopenhagen

c: Um solche neuen städtischen Qualitäten wie in der Örestadt schnell und in großem Stil zu schaffen, braucht man wirkungsvolle Instrumente zur Qualitätssicherung?

JG: Auf jeden Fall. Dänemark war eines der weltweit ersten Länder, die eine Designpolitik formulierten. Dies war 1997. Inzwischen ist man an der Ausarbeitung von „Design2020“. Design und Architektur werden hier einerseits als essenzieller gesellschaftlicher Wert, andererseits als wichtige wirtschaftliche Treibkraft festgeschrieben. Wichtige Aspekte dieser politischen Strategie zielen auf neue Produkte, neue Dienstleistungen, neue Geschäftsmodelle und neue Märkte. Architektur wird ganz klar auch als wichtiges Exportgut gesehen. Die vielen dänischen Architekten, die im Ausland und hier besonders in Asien und Amerika tätig sind, zeugen davon. Möglich ist dies durch entsprechende, auch von staatlicher Seite geförderte Plattformen, die den Eintritt in andere Märkte mit den notwendigen Kompetenz- und Erfahrungspools unterstützt.
Im Fall der Örestadt wurde ein mehrstufiges Wettbewerbsverfahren ausgelobt. Der erste Wettbewerb wurde 1994 abgeschlossen. Die weiteren Phasen wurden jeweils so formuliert, dass auf unvorhersehbare neue Erfordernisse im Planungs- und Genehmigungsverfahren noch entsprechend adaptiv reagiert werden konnte.
Erwähnenswert ist, dass im Vergleich zu Deutschland in der Bevölkerung die Identifikation mit, das Interesse an und die Affinität für Architektur und Design generell ungleich höher ist. Dies wird durch entsprechende Lehrangebote bereits im Kindergartenalter und in der Schule gefördert, vor allem über Workshops oder Exkursionen, die für die physische und gebaute Umwelt sensibilisieren.

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Neue Markthalle „Torvehallerne KBH“ auf dem Israel-Platz

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Thomas_Steen_Sørensen

c: Wie steuert die Stadt / Kommune? Könnten deutsche Bauämter davon lernen?

JG: Möglich sind diese Beispiele generell nur durch ein starkes Engagement der Regierung und besonders der Stadt, als aktiver Akteur, mit klarer städtebaulicher Mission und Vision. Für die Entwicklung der Örestadt beispielsweise wurde eine eigene Gesellschaft gegründet. Sie gehört zu 55 Prozent der Stadt Kopenhagen, die anderen 45 Prozent unterliegen direkt dem Finanzministerium. Bei der Ausgestaltung der städtebaulichen Rahmenbedingungen flossen Lerneffekte aus den Achtzigern und Neunzigern ein. Der schnelle Ausverkauf städtischer Grundstücke ohne verbindliche gestalterische oder anderweitige Auflagen an private Investoren und Bauherren – damals notwendig zur Finanzierung der bereits in Planung befindlichen hochmodernen Metro – führte vielerorts zu architektonisch aseptischen Bereichen im Zentrum. Die Unternehmen errichteten zeilenweise nüchterne Gebäuderiegel, die Stadt und Öffentlichkeit von den eben erst wiederentdeckten innerstädtischen Wasserkanten trennten. Im Folgenden begann die Stadt, den Verkauf an genaue Bedingungen zu knüpfen. Die Kommune war clever und weitsichtig genug, die besten Architekten als Berater einzubinden. Beim Wohnungsbau, bei Nachverdichtung und Aufwertung von Wohnquartieren oder gemischten Bereichen macht man dazu nicht vor der Haustüre halt, sondern bezieht auch die Aktivierung umliegender Bereiche gesamtheitlich mit ein. Ein spannendes Beispiel ist „Superkilen“. Ein urbaner Park mit einem Kaleidoskop an Angeboten, als Teil einer städtebaulichen Aufwertung eines nachverdichteten, ethnisch und sozial äußerst vielfältigen Stadtteils. 100 unterschiedliche Objekte – man kann auch sagen: öffentliche Kunst – aus mehr als 50 unterschiedlichen Ländern wurden hier vereint, die Vielfalt umliegender Kulturen reflektiert; darunter Erde aus Palästina, Straßenschilder aus den USA, Mülleimer aus Italien, Sitzbänke aus Äthiopien.Susanne Ehrlinger


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