context-Magazin_Icons_CHECKBOX-AUS_45x45-weisscontext-Magazin_Icons_CHECKBOX-EIN_45x45-gruen

Foto

kristian-strand/unsplash

Ausgabe 03/19

Frösteln und frohlocken

Beziehungen und Verbindungen – der Seemannsknoten als Metapher

Eine knifflige, sogar heikle Aufgabe. Wer konnte die bloß so fix lösen? „Na ja, ich hab so meine Verbindungen“, heißt es später. Nur Andeutungen. Keine Details. Es sind doch immer die Ergebnisse, die zählen.

Glauben Sie mir, ich hab da meine Verbindungen!“ – Dann, mit verschwörerischem Augenzwinkern: „Sie wissen schon: Vitamin B! Beziehungen muss man haben; ist eine Binsenweisheit, aber sie stimmt eben doch. War immer so, bleibt auch so.“

Wenn’s so wäre! Beziehungen sind nicht mehr das, was sie mal waren. Mit Hilfe gesellschaftlicher Beziehungen bugsierten Väter ihre Söhne diskret in solide berufliche Positionen, ganz gleich, ob und welche Talente sie haben mochten. Töchter brachte man mittels guter Verbindungen unter die Haube, weil es wichtig war, in die „richtigen Kreise“ einzuheiraten. Heute ist mit solchen Praktiken immer noch einiges gewonnen, aber bauen kann man darauf nicht (mehr): Eine Großbank in Schieflage streicht ein paar zehntausend Stellen, und der Sprössling sitzt auf der Straße; ein „high potential“, von seinem multinationalen Konzern mehrfach auf attraktive Auslandsposten entsandt, findet sich nach einer Mega-Fusion plötzlich in einer Karriere-Sackgasse, der schwer zu entkommen ist.

Foto

© @Siarhei - stock.adobe.com

Beziehungen und Verbindungen meinen nicht mehr dasselbe wie einst. Beziehungen scheitern gern mal; verlässlicher ist nach wie vor der teilweise fragwürdige Korpsgeist alter Kameradschaften, studentischer Verbindungen und jenes legendäre „Old-Boys-Network“ britischer Eliteschulen, die den Anachronismus der britischen Klassengesellschaft immer noch tapfer am Leben halten.

Die Globalisierung kennt eigentlich keine Klassen mehr. Es zählen nur noch berufliche „skills“ in den schillernden Kontexten der Digitalisierung, der „sozialen“ Medien und einer beschleunigten Ausdifferenzierung von Spezialdisziplinen. Wer die Codes beherrscht und sie fleißig aktualisiert, übt sich im Netzwerken, zählt „Likes“ und „Followers“ und vereinnahmt diese dann als Kreis neuer Freunde, die man im Zweifel nie treffen wird.

Längst haben wir begriffen, wie komfortabel digitale Netzwerke sind. Gefühlt hängt sogar unsere Existenz daran, irgendwie und ständig im Netz präsent zu sein; fast sekundär der Impuls, engere (Ver-)Bindungen dann und wann zu realen Personen aufzubauen.

„Nur wer Grenzen überschreitet, schafftneue Verbindungen.“

Thomas Möginger, Logopäde und Biomediziner

Die universell vernetzte Bevölkerung des Planeten lebt schon so lange im „globalen Dorf“ (Marshall McLuhan), dass der Gedanke an die Natur ihrer täglich aktivierten Internet-Verbindungen und parallel an den mitunter geringen Sinngehalt inflationär betriebener Kommunikation kaum noch jemanden beschäftigt. Alle sind mit allen verbunden – na und? Dabei ist völlig unklar, auf welchen Wegen es den modernen Gesellschaften des digitalen Zeitalters gelingen kann, jene Ressource zu erzeugen, ohne die komplexe Zivilisationen auf Dauer nicht auskommen: Vertrauen.

Vorläufig lässt uns das kalt. Alle kommunizieren mit allen, in einem ständigen gigantischen Palaver, wie auch sonst. Wer will, dass das Netz für alle da ist, muss dann auch ein paar kommunikative Entgleisungen und Auswüchse hinnehmen – Mobbing in den sozialen Medien, Shitstorms und die Explosion von Hassreden in den berüchtigten Filterblasen. Aber dann kommt noch mehr: Facebook, Amazon & Co.sind längst nicht mehr die einzigen Datenkraken, die mit den Nutzerprofilen ihrer Kunden Milliarden scheffeln und nebenbei deren Privatsphäre untergraben. Ganze Staaten und ihre Behördenapparate – vorneweg China und die USA – haben ebenfalls Geschmack daran gefunden, das Leben der Bürger weltweit möglichst umfassend transparent zu machen; diese zu überwachen, zu kontrollieren und wo möglich zu „erziehen“ – will sagen: auf Dauer deren Wohlverhalten zu erzwingen.

Foto

joao-silveira/unsplash

Technisch ist die Totalüberwachung der Bürger in entwickelten Industriestaaten kein Problem mehr. Vorläufig spielen die Menschen noch mit und geben ihre Daten und Gewohnheiten ebenso bedenkenlos jedem Kommunikationspartner, jeder Software und jedem komfortabel zu nutzenden Medium preis. Mit Hilfe von Algorithmen, künstlicher Intelligenz und der Verfügbarkeit immer gewaltigerer Datenspeicher wird das Netz technisch-digital geknüpfter Verbindungen immer dichter – und immer fester.

Irgendwann werden die Herrscher über diese Netze uns spüren lassen, dass und wie wir uns – Schritt für Schritt, naiv und fast schmerzlos – darin selbst verstrickt haben. Dann werden wir wieder lernen, was Komplexität ist und was es bedeutet, mit ihr neu umgehen zu müssen. Komplexität stellt uns vor die härtesten Herausforderungen, wenn uns Entscheidungen abgefordert werden: schnelle Entscheidungen in unübersichtlichen Situationen – das ist ungefähr so, wie wenn man in einem dicht geknoteten Netz gefangen ist und rechtzeitig einen Weg hinaus finden muss …

Wäre es nicht von Vorteil, den Begriff der Verbindung – oder eben: die Vorstellung eines Knotens, einer Verknüpfung – ganz neu zu denken? Eine Verbindung, die einerseits fest und zuverlässig ist, die aber auch andererseits bei Bedarf ganz unkompliziert und schnell zu lösen ist wie die berühmten Seemannsknoten aus Tauwerk, mit denen man im rechten Moment ganz schnell die Segel einholen oder einfach mal im Sturm flattern lassen kann, sodass das Schiff Stürmen trotzt und Kurs hält.

Wenn alles mit allem zusammenhängt und mit noch viel mehr, dann entspricht das ungefähr dem Szenario, in dem sich die von Menschen verantworteten Vorgänge in der Biosphäre unseres Planeten derzeit abspielen: Ein Übermaß an Komplexität, gepaart mit einem eklatanten Mangel konsensfähiger Strategien. Was hilft da noch? Nur Optimismus, Mut und die Bereitschaft zu schnellen Kurskorrekturen. Klappt nur mit Seemannsknoten – im übertragenen Sinn natürlich! Und mit dem Hinweis des großen Soziologen Niklas Luhmann, der darauf aufmerksam machte, dass die Mobilisierung von Vertrauen als strategische (Selbst-)Täuschung durchaus behilflich sein könne, sofern Handeln ohne hinreichende Information zwingend sei und man deshalb die eigene Toleranz gegenüber der gefühlten Unsicherheit schnell und wirksam steigern müsse. Luhmanns Werk war dominiert von der Systemtheorie und dem zentralen Konzept der Reduktion von Komplexität; 1989 erschien sein Büchlein „Vertrauen: ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität“.

Christian Marquart
Top

Dieser Inhalt ist schon bald verfügbar!

Zur Webseite zurückkehren
Diese Webseite erhebt Nutzungsdaten mittels Cookies. Weitere Informationen zu Ihrem Widerspruchsrecht und darüber, wie Sie das Speichern von Cookies verhindern können, finden Sie hier.