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HeidelbergCement (Steffen Fuchs)

Ausgabe 3/2018Thema: Verantwortung

Wenn Worte wuchtig wirken

Verantwortung, oh je! Schon die Vokabel allein klingt schwer und bleiern. Als sei, was man da trägt, eine Last und nichts weiter – wenn man sie denn überhaupt trägt, diese Verantwortung; als zuvor übernommene oder irgendwann schlicht auferlegte.

Verantwortung ist in manchen Kreisen die Quelle von Wohlstand und Reichtum. Wenn zu einer Jobbeschreibung wesentlich die Übernahme von reichlich Verantwortung gehört, stehen auf dem Gehaltszettel plötzlich eine Menge Ziffern vor dem Komma – nur nicht bei Altenpflegern, Krankenschwestern oder Polizisten. Verantwortung haben ist also oft ehrenvoll und einträglich zugleich – solange kein Ernstfall eintritt. Geschieht letzteres, wird Verantwortung schmerzlich spürbar. Wer sie übernommen hat, erhält die Rechnung: für Fehler und entstandene Schäden.

Dann geht es um Schuld. Manchmal sogar um Ehre und ihren Verlust. Die japanischen Samurai reagierten auf so etwas mit Harakiri. In den meisten Kulturkreisen hält man das heute für überzogen, so hat sich die Umrechnung von Schuld in Geldschulden durchgesetzt. Es geht dann „nur“ noch um die Kausalität von Fehlerbeschreibung, Störfall, Schadenseintritt und materieller Kompensation. Dann ist es von Vorteil, die Schlüssigkeit solcher Kausalketten in Frage zu stellen.

Die Zurückweisung von Verantwortung, ihre Anonymisierung und Minderung, die kleinteilige Streuung von Risiken bis zur Schwelle ihrer Nachweisbarkeit, ist längst ein blühendes Geschäftsmodell. Die globale Finanzwirtschaft geriet 2008 natürlich nicht durch gierige Banker in die Krise, sondern durch fein pulverisierte und gründlich durchmischte „Derivate“, die eigentlich der Absicherung gehäufter Kreditrisiken dienen sollten: am Ende zu Lasten naiver Anleger, wackelnder (Zentral-)Banken und empörter Steuerzahler, die nun unfreiwillig ihnen völlig fremde Kreditinstitute vor dem Kollaps bewahren mussten. Die Monetarisierung von Verantwortung, kausallogisch gestützter Schuldzuweisung und präziser Schadensbemessung ohne ethische Komplikationen hat das Zivilrechtswesen zu einem quasi-industriellen Komplex gemacht, mit horrenden Umsätzen. Das in der Bauwirtschaft praktizierte „Claim Management“ gehört längst dazu. Und jene Milliarden, die deutsche Autobauer wegen Abgasmanipulationen an ihre amerikanischen Kunden zahlen müssen, erregten weniger Aufmerksamkeit als parallele Meldungen über die Ruhestandsbezüge der Manager, die infolge des „Diesel-Skandals“ gehen mussten.

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Info

Beim Thema Verantwortung für Natur und Umwelt kann man sich auch an die eigene Nase fassen.

„Schuld und Sühne“, Dostojewskis Roman über den hochmütigen und später gebremst reuigen Mörder Raskolnikow, trägt in heutiger Übersetzung den Titel „Verbrechen und Strafe“, weil das weniger Pathos transportiert, dafür – in Spiegelung neuzeitlicher Verhältnisse – mehr juristische Logik. Denn die setzt heute den Rahmen, in dem das Thema Verantwortung in Wirtschaft und Gesellschaft buchstäblich verhandelt und saldiert wird: Es geht da nicht um persönliche Skrupel moralisch denkender (und hoffentlich handelnder) Individuen, sondern um Rechts-treue und Verstöße im Mega-Maßstab, deren Folgewirkungen ebenfalls Megaformat haben, und am Ende um die Frage, wer dafür zahlt und ob überhaupt.

Wo bleibt da der Einzelne? Als wenig souveräner Konsument ohne wissenschaftliche Expertise, als Betroffener ohne Überblick, als Opfer, Täter, Kläger? „Ich will nicht schuld sein, wenn die Welt untergeht“, sagt heldenhaft der Teenager bei Tisch, als er hört, in welchen Mengen und mit welchen Methoden seine Fischstäbchen-Fauna gefangen wird. „Öko sind wir erst, wenn wir alle tot sind“, schreibt der Sozialpsychologe Harald Welzer – ein Weckruf zu mehr Verantwortungsbereitschaft, aber er klingt, als sei eh‘ schon alles wurscht.

Ist es nicht. Doch scheint es fast unmöglich, sich mit Blick auf individuelles und kollektives Handeln ein zutreffendes Bild zu machen vom Zustand unserer Welt und all dem, was wir im Kleinen wie im Großen, im Guten wie Schlechten dazu beitragen.

Die Zurückweisung von Verantwortung ist längst ein blühendes Geschäftsmodell.

Wie Details und das große Ganze miteinander systemisch verknüpft und über das Medium „Verantwortung“ auch noch ziemlich chaotisch verknotet sind, illustriert dieses Beispiel: eine vom Oberlandesgericht Hamm 2017 für zulässig erklärte Zivilrechtsklage eines peruanischen Bauern gegen den nordrhein-westfälischen Energiekonzern RWE. Saúl Luciano Lliuya hat seinen Grundbesitz in der Region Huaraz, unterhalb der Cordillera Blanca; deren Gletscher schmelzen – befeuert durch die in aller Welt produzierten Kohlendioxid-Emissionen. Es entstehen immer mehr unzulänglich gesicherte Bergseen, und der Landwirt fürchtet, dass sein Besitz nun durch Dammbrüche stark gefährdet ist. Er fordert von RWE als dem europäischen Spitzen-Emittenten klimaschädlicher Gase einen Risikoausgleich in Höhe von etwa 21.000 Euro gemäß Paragraf 1004 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB).

Gewinnt der Bauer diesen Prozess, wird er das Geld von RWE der peruanischen Wasserwirtschaft zur Verfügung stellen – zur Bändigung der Schmelzwässer und zur Verbesserung der Wasserversorgung an der Westflanke der peruanischen Anden.

Davon werden auch die Avocado-Plantagen in den „natürlichen“ Trockengebieten des Landes profitieren. Viele der Früchte landen in deutschen Supermärkten – ökologisch alles eher fragwürdig. Und da kommt dann wieder die kleinformatige „private“ Verantwortung von Lieschen Müller und Otto Normal ins Spiel: Die Deutschen verbrauchen den aus „schmutziger“ Braunkohle gewonnenen Strom und trösten sich damit, dass ihre Kreditanstalt für Wiederaufbau der peruanischen Wasserwirtschaft sowieso schon kräftig Hilfe leistet; und sie selbst unterstützen mit dem Kauf peruanischer Avocados die Bauern dort fast schon direkt.

Die Produktion einer einzigen Avocado verbraucht bis zu 300 Liter Wasser. Hand aufs Herz – macht sie das gefühlt nicht noch köstlicher? Und hätten wir da notabene nicht auch gleich eine hübsche Rechenaufgabe für unsere Grundschüler: Das Gletschereis auf den Andengipfeln entspricht aktuell einer Süßwassermenge von rund x Billionen Litern. Wie viele Avocados könnten die Peruaner und Chilenen noch anbauen, bis der Wassermangel dort das Ende von allem ist?Gastkommentar von Christian Marquart

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