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HG: Fotolia/©Jessmine

Ausgabe 3/2018Thema: Verantwortung

Verantwortung muss gelernt werden

Früh übt sich...

Als eine wichtige Facette sozialer Kompetenz muss Verantwortung von früh auf positiv erfahren, selbst erlernt und ausgeübt werden. Wie dies geschieht, erfahren wir im Gespräch mit der Lehrerin Ursula Kruppa.

context: Wir sprechen ständig von Verantwortung. Verantwortung haben, Verantwortung übernehmen, verantwortlich sein. Was meint Verantwortung denn überhaupt und wie bildet sie sich bei uns als positiv konnotierte Fähigkeit heraus?

Ursula Kruppa: „Verantwortung kann als der grundlegende Bezugsrahmen für alle Werte verstanden werden. Die Fähigkeit zur Verantwortung ist in jedem Menschen als Potenzial angelegt, die Entwicklung dieses Potenzials ist jedoch abhängig von den Erfahrungen, welche die heranwachsende Person in ihrer kulturellen und sozialen Umwelt macht.“ Was einmal Ludwig Liegle, ein deutscher Pädagogikprofessor, sehr treffend formuliert hat, bringt meiner Meinung nach auf den Punkt, um was es bei Verantwortung geht. Die Fähigkeit zu verantwortlichem Verhalten steckt im Menschen drin, das haben Untersuchungen der Entwicklungsbiologie und Hirnforschung nachgewiesen. Empathie, Altruismus, der Wunsch nach sozialem, gegenseitig wohlwollendem Miteinander schlummern in uns und führen, bei entsprechender Entwicklung und Erziehung, zu einem verantwortlichen Verhalten, das sich natürlich gemäß der jeweiligen ethischen, religiösen und gesellschaftlichen Normen ausbildet.

c:Welchen Stellenwert hat Verantwortung?

UK: Jedes Kind, jeder Mensch möchte in seiner Familie liebevoll angenommen, in seiner Klasse oder im Berufsleben akzeptiert und anerkannt werden. Wer keine Verantwortung tragen möchte, wird auch im Zusammenleben mit anderen nicht gemäß seiner Möglichkeiten einbezogen. Speziell bei Kindern ist auffällig, dass jene, die durch ihr soziales Verhalten mit Freude Verantwortung übernehmen, schnell Freunde finden und in der Gruppe angenommen werden. Wenn Kinder beispielsweise zu Klassensprechern gewählt werden, müssen sie konkret Aufgaben auch für andere übernehmen. Sie lernen dabei direkt, auch gegenüber Autoritätspersonen Dinge zu vertreten, die andere betreffen. Für alle im Klassenverband gilt, Regelwerke zu akzeptieren und gewisse Pflichten zu erfüllen.

„Das eigene Beispiel ist wichtig. Kinder lernen von Vorbildern.“

Ursula Kruppa

c: Wie und wo wird Verantwortung konkret erfahren und erlernt?

UK: Jeder Mensch ist seinen Möglichkeiten gemäß lernbegierig. Lernen erfolgt dabei, und das betrifft auch das Lernen von verantwortlichem Verhalten, auf verschiedene Weise. Zum einen ist da das implizite, unbewusste Erlernen. Eltern, Erzieher und Lehrer haben hier eine enorme Vorbildfunktion. Wenn es in elterlichen Auseinandersetzungen laut oder aggressiv wird, spiegelt sich das im Schulalltag wieder. Kinder spüren, wie authentisch das Gegenüber, auch der Lehrer, ist. Sie nehmen wahr, ob man selbst einhält, was als Regel gelten soll; sie merken sofort, wenn man selbst nicht pünktlich ist, den anderen nicht ausreden lässt, nicht gerecht ist, nicht auf das Handy verzichtet, wenn es abgesprochen ist. Ein vertrauensvolles Verhältnis ist wichtig, gleichzeitig aber auch die professionelle Distanz. Über das sogenannte indirekte Lernen kann Verantwortung vermittelt werden, zum Beispiel über Eigenverantwortung, die in der Projektarbeit geübt wird, oder durch die selbständige Ausarbeitung von Präsentationen. Diese Art zu Lernen wird von außen initiiert, läuft aber etwa in Bezug auf die Prozesse der Verantwortlichkeit auch unbewusst ab.


Info

Ursula Kruppa ist Grund- und Hauptschullehrerin. Mit Kompetenz und Herzenswärme unterrichtete sie Generationen von Kindern und begleitete sie auf ihrem Weg in ein selbständiges verantwortungsvolles Leben. Nach 40 Berufsjahren gibt die Pädagogin im September ihre Verantwortung an jüngere Kolleginnen und Kollegen weiter.

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c: Was stärkt zusätzlich diese Fähigkeit?

UK: Früher, beispielsweise in Handwerkerfamilien oder auf Bauernhöfen, war Mitarbeit von früh auf gefordert. Heute ist an diese Stelle die Lernarbeit in der Schule getreten. Ab einem gewissen Alter lässt sich Verantwortung auch intentional, also bewusst, vermitteln. Das intentionale Lernen, der dritte von Professor Liegle beschriebene Lernprozess, baut auf dem bereits unbewusst Erlernten auf. So werden im Klassenverband gemeinsam Regeln aufgestellt, die für alle gelten. Daraus ergeben sich auch Rechte, die der einzelne von seinen Mitschülern einfordern kann. Im Klassenrat oder in der Kinderkonferenz diskutiert und beschließt die Gruppe gemeinsam Abläufe und Verhaltensweisen. Man muss es auch aushalten, wenn einem etwas gegen den Strich läuft. Konflikte werden diskutiert und, wenn es geht, untereinander geregelt. Wie gehen wir miteinander um, wie verhalten wir uns gegenüber Schwächeren oder anderen Nationalitäten und Religionen? Im besten Fall sollte die Lehrkraft hier nur Anstöße geben und moderieren. Ziel ist ein ruhiger und wohlwollender Umgang der Kinder untereinander, auch mit jenen, die nicht die Freunde oder die anderer Meinung sind. Hier wird Verantwortung für sich und andere praktisch eingeübt. Für mich ist das auch eine gute Vorbereitung für demokratisches Verhalten.

c: Kann Verantwortung überfordern?

UK: Sicher, wer von früh auf keine Anerkennung, keine Empathie erfahren oder keine Regeln gelernt hat, tut sich schwerer als Heranwachsende, die im Umgang mit Geschwistern und liebevollen Eltern Zutrauen zu sich selbst entwickelt haben und gerne auch etwas für andere tun. Wenn ein Sechsjähriger etwa auf der Flucht das Köfferchen mit den Wertgegenständen der Familie tragen muss, ist das eine Überforderung, die bis ins Alter traumatische Auswirkungen haben kann. Kinder, die alleine den Haushalt führen sollen, weil die Eltern aus welchen Gründen auch immer dazu nicht in der Lage sind, fühlen sich überfordert, alleingelassen und haben „null Bock“ auf Mitarbeit. Da kann Schule und Ausbildung mit klugen pädagogischen Konzepten gegensteuern. Hilfreich ist, dass es ein gutes Gefühl gibt, Verantwortung zu übernehmen und dass die allermeisten im Rahmen ihrer Fähigkeiten dazu auch bereit sind. Manchmal braucht es hierfür nur einen positiven Anstoß seitens der Verantwortlichen.Das Gespräch führte Susanne Ehrlinger

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