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Ausgabe 3/2017

Vom Wohl und Weh der Winzigkeiten

Auf Nuancen kommt es an

Führt das gedankliche Durchdringen eines Details zum Durchbruch oder verstellt die Konzentration auf das Detail den Blick aufs Ganze? Das hängt ganz vom Wesen des Betrachters ab, von seiner Aufmerksamkeit, seiner Beharrlichkeit und seiner Leidenschaft.

Ob man sich in Details verliert oder das entscheidende Detail noch fehlt – die Konzentration auf kleinste Einzelheiten hält ganz schön auf Trab. Details sind verflixt. Fehlt am Hemd ein Knopf, irritiert die falsch gewählte Krawatte oder hängt gar ein Krümel im Mundwinkel des Gesprächspartners, dann ist das gesamte Erscheinungsbild gestört. Auf der anderen Seite kann die Lösung eines kniffligen Details, sei es ein entscheidender Gedanke in einer schriftlichen Ausarbeitung, ein letzter Schliff an einem Fassadenentwurf oder ein fehlender Baustein in einem chemischen Prozess, den Durchbruch bringen und nach zähem Ringen zu einem lange ersehnten Ergebnis führen.

Das französische Verb „détailler“, das abteilen, aufteilen und in Einzelteile zerlegen meint, liegt dem deutschen Begriff „Detail“ zugrunde. Wer etwas nicht „en détail“ wissen möchte, lehnt es ab, über Einzelheiten eines Sachverhaltes informiert zu werden. Journalisten haben das Problem, in ihren oft kurzen Beiträgen die Inhalte so zu fokussieren, dass nichts Wesentliches unter den Tisch fällt, aber dennoch der Gesamtzusammenhang erfasst werden kann. Beim Klatsch oder in der Regenbogenpresse dagegen ist gerade das pikante Detail Gegenstand des Interesses.

Mikro- und Makrokosmos

Wie ein staunender Entdecker fühlt sich, wer mit der Lupe oder mit dem Mikroskop Objekte in vielfach vergrößertem Maßstab betrachtet. Der Kopf einer Heuschrecke verändert sich zum Antlitz einer bedrohlichen Bestie, ein Insektenauge wird zur irisierenden Kuppe mit zig Partikeln. Eine eindrucksvolle Reise zwischen Mikro- und Makrokosmos zeigt der neunminütige Film Zehn Hoch (englisch: Powers oft Ten) von Ray und Charles Eames, die als Architekten und Designer besser bekannt sind, denn als Filmemacher. In 40 Schritten von Zehnerpotenzen entfernt sich die Kamera von einer Picknickdecke bis ins Universum und wieder zurück. Dort führt die umgekehrte Reise im Verhältnis 1 zu 10 bis zur Abbildung eines Kohlenstoffatoms der menschlichen Haut. Bereits 1977 verdeutlichten sie so auf eindrucksvolle Weise die entferntesten und größten, wie auch die kleinsten Strukturen, die Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen sind.

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„Zauber steckt immer im Detail.“

Theodor Fontane

In der Literatur können Schriftsteller facettenreichen Ausführungen freien Lauf lassen und den Dingen bis ins Letzte auf den Grund gehen. Wie beispielsweise der irische Autor James Joyce mit seinem berühmten Roman „Ulysses“. In Analogie zur griechischen Odyssee von Homer lässt Joyce seine Protagonisten Leopold Bloom und Stephen Dedalus eine Odyssee im Großstadtdschungel von Dublin durchleben. Das Dasein alltäglicher Menschen wird mit einer Vielzahl von literarischen Stilformen, nicht zuletzt dem berühmten „Stream of Consciousness“, auf einen einzigen Tag im Jahr 1904 komprimiert. Der Mikrokosmos bildet in seiner Komplexität ein ganzes Weltbild ab. So wurde das Buch 1999 von Literaturexperten zum „Roman des Jahrhunderts“ gewählt, einem Meisterwerk der Moderne, das sich nicht allzu vielen Lesern erschlossen hat.

Gen-Profiling

Fortschreitende Professionalisierung und wissenschaftliche Erkenntnisse führen heute in vielen Bereichen zu Lösungen, die früher undenkbar schienen. Inzwischen lassen sich in der Kriminalistik kleinste Spuren mittels Gen-Analyse zuordnen. So führten Krümel am Tatort noch Jahrzehnte später zur Aufklärung von Verbrechen. Selbst von unbekannten Personen könnten mittels DNA-Probe mit hoher Genauigkeit das Geschlecht, die Farbe von Haaren, der Augen und der Haut, die biogeografische Herkunft und das Alter ermittelt werden. In Deutschland ist DNA-Profiling noch nicht gesetzlich geregelt. Ein entsprechender Gesetzentwurf liegt allerdings bereits zur Diskussion.

„Willst du dich am Ganzen erquicken, so musst du das Ganze im Kleinen erblicken.“

Johann Wolfgang von Goethe

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Wie sich der erste Gesamteindruck unter Scharfblick auf das Besondere verändern kann, darauf deutet der Filmemacher Michelangelo Antonioni in dem britischen Kultfilm „Blow Up“ von 1966 hin: Ein Fotograf entdeckt beim Zoomen einer Bilderserie im Hintergrund einen Mann mit Pistole, in weiteren Abzügen einen leblosen Körper. Nach einem Einbruch in seinem Atelier bleibt ihm nur das Blowup eines Fotos, auf dem sich die Leiche in der groben Körnung des Abzugs nahezu verliert. Der Film basiert auf einer Kurzgeschichte von Julio Florencio Cortàzar, von dem das Zitat „Eine Wahrheit, die lediglich meine Wahrheit ist, ist somit nicht die Wahrheit“ überliefert ist. Bei diesem Filmklassiker, einem Kriminalfall ohne Beweise, einem Puzzle ohne Lösung, so der Text zu einer Ausstellung der C/O Berlin Foundation im Amerika-Haus, entwickle sich die Handlung assoziativ und fragmentarisch, wie bei einer Dia-Show. Der Regisseur verzichte auf eine eindeutige inhaltliche Gewichtung.

„Er war ein solcher aufmerksamer Grübler, ein Sandkorn sah er immer eher als ein Haus.“

Georg Christoph Lichtenberg

Insgesamt sei „nicht der Plot wichtig, sondern jedes einzelne Detail. In dieser antizipierten Postmodernität muss der Betrachter Bedeutung und Sinnhaftigkeit, also Relevanz, selbst konstruieren.“ Was vor 50 Jahren Avantgarde war, gehört heute zum Alltag jedes Einzelnen. Weit umfangreicher als früher sind Inhalte und technische Verfahrensweisen verfügbar, die zu einer Fülle an Informationen und, daraus folgend, einer Vielzahl an möglichen Einschätzungen führen. Nicht nur das immer detailliertere und potenzierte Wissen, auch das Machbare scheint mitunter unermesslich. In vielen Fällen, in der Forschung und bei der Produktentwicklung, bringt es wertvolle Ergebnisse. Doch, wie das deutsche Sprichwort schon sagt, steckt der Teufel im Detail, kann einen zur Weißglut bringen. Das weist darauf hin, dass etwas erst dann richtig – oder in Gänze – erfasst wird, wenn es bis ins Letzte durchdrungen ist, was ein schier unmögliches Unterfangen ist, ein circulus vitiosus, bei dem man sich nicht selten um sich selber dreht. Ins Positive verkehrt lässt sich daraus die Empfehlung ableiten, mit Demut auf das vermeintlich Ganze zu schauen und dabei nicht das menschlich Bescheidene, das scheinbar Nebensächliche aus den Augen zu verlieren. So kann man entdecken, dass nicht der Teufel, sondern das Besondere im Detail steckt.Susanne Ehrlinger

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