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© HeidelbergCement (Steffen Fuchs)

Ausgabe 3/2017Thema: Detail

Liebe zum Detail

August Horch Museum in Zwickau

Ein Erweiterungsbau verdoppelt die Ausstellungsfläche des Museums auf 6.500 Quadratmeter und zeigt 114 Jahre Automobilgeschichte bis ins Detail. Um die schweren Oldtimer tragen zu können, wurden die Betondecken des historischen Baus mit Leichtbeton verstärkt.

Auspuffanlagen, Fuchsfelgen, Spiegel, Türgriffe, verchromte Leisten: jedwede Einzelheit eines Automobils hatte früher ihren eigenen Charakter. Von kreativen Konstrukteuren ausgedacht, verkörperte jedes Detail die spezifische Marke, die Funktion, die Zielgruppe. An der Ausbildung von Autoscheinwerfern, Blinkern, Stoßstangen oder an Farbnuancen ließ sich das Baujahr, an Kühlerfiguren und sinnlichen Formen der psychologische Grund der Zuneigung zum jeweiligen Gefährt ablesen. Weibliche Geistwesen, kraftvolle Leaper, opulente Figuren, markante Markenzeichen, silberne Pfeile oder geflügelte Weltkugeln waren Erkennungsmerkmal und Dekor zugleich.

Nicht nur gestalterisch, auch technisch erzählen Autos eine besondere Geschichte. Im August Horch Museum in Zwickau ist automobile Identität und Authentizität besonders spürbar. Als eines von nur zwei kraftfahrzeugtechnischen Museen in Deutschland hat dieser Ausstellungsort seinen Sitz an einer früheren Fertigungsstätte. Bereits über 850.000 Besucher aus der ganzen Welt konnten im ersten Vierteljahrhundert seines Bestehens dem Pioniergeist und Erfindungsreichtum des Automobilbaus nachspüren. 80 Großexponate sowie eine Vielzahl automobilbezogener Kleinobjekte sind in szenische Darstellungen einbezogen und bieten einzigartige Einblicke in ihre Entstehungszeit mit entsprechendem Hintergrund.
Jetzt schafft der neue Erweiterungsbau – errichtet vom weltweit agierenden Atelier Brückner aus Stuttgart und in Szene gesetzt mittels Ausstellungsarchitektur von Ö-Konzept aus Zwickau – Raum für die Präsentation weiterer spannender Ausschnitte aus der Blütezeit des Automobils. Hier kann Geschichtliches über die westsächsische Automobilindustrie ebenso aufgespürt werden, wie der Fortschritt der Autoindustrie der Nachkriegsjahre. Seit 1904 ist Zwickau mit dem Namen Horch, ab 1910 mit Audi – lateinisch für hören, horchen – verbunden. Die Entwicklung der Fahrzeugtechnologie in der DDR ist also ebenso Thema wie die moderne Ausrichtung der Automobilproduktion seitens der neu gegründeten Volkswagen Sachsen GmbH im Zwickauer Stadtteil Mosel und in Chemnitz ab 1990. Im Museum ist nun auch Platz für die weltweit einzig verbliebene Fertigungsanlage zur Herstellung von Duroplast für den Trabant.
Ab September 2017 steht für alle mit Zwickau verbunden Fahrzeugmarken mit 6.500 Quadratmetern mehr als doppelt so viel Fläche zur Verfügung wie vor der Erweiterung. Neu dazu kommen etwa Trabants und Prototypen, die während der DDR-Zeit entwickelt und nie in Serie gebaut wurden. Die zusätzliche Fläche konnte durch den Umbau eines weiteren, unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes gewonnen werden, das sich perfekt für die Darstellung sächsischer Automobilgeschichte eignet. Es ist vor über 100 Jahren errichtet worden und diente bis in die jüngste Vergangenheit ebenfalls überwiegend dem Automobilbau. Verbunden werden das bestehende Museum und das Erweiterungsgebäude durch einen Zwischentrakt, der neben dem Übergang das Museumsrestaurant, Küchen- und Sanitärräume aufnimmt.
3.500 Quadratmeter Bodenfläche waren in dem denkmalgeschützten Bau für Ausstellungszwecke zu verstärken. Um die teils schweren Lasten der Fahrzeuge und Industrieanlagen zu tragen, mussten die alten Betondecken bei gleichbleibendem Höhenaufbau ertüchtigt werden. Statiker, Bauherr und Denkmalschützer entschieden sich für einen Leichtbeton LC30/33 mit einer Rohdichte von 1,8 Kilogramm pro Kubikdezimeter. Ein Kubikmeter dieses Betons wiegt 1.800 Kilogramm, und bleibt damit, bei ausreichender Festigkeit, deutlich unter dem Gewicht eines normalen Betons. „Erreicht wird die Gewichtsreduktion durch eine Rezeptur mit Leichtzuschlägen, in diesem Fall Blähschiefer und poröses Vulkangestein“, erläutert Rene Kruspe von Heidelberger Beton aus dem Spezialproduktewerk Reinsdorfer Straße in Zwickau.

August Horch Museum Zwickau

Die August Horch Museum Zwickau gGmbH ist eine gemeinnützige Gesellschaft, die im Jahr 2000 von der Stadt Zwickau und der AUDI AG gegründet wurde. Zweck der Gesellschaft ist der Betrieb des August Horch Museums und die Dokumentation der Geschichte des Automobilbaus in Zwickau.

Der Silberpfeil aus Zwickau

Der Auto Union Typ C gilt als einer der erfolgreichsten Rennwagen seiner Zeit. Hans Stuck erzielte auf einem „Silberpfeil“ der Auto Union AG – dem damals zweitgrößten deutschen Automobilkonzern – drei Weltrekorde: den Stundenweltrekord, den 200-Kilometer- sowie den 100-Meilen-Weltrekord. Zwischen 1934 und 1939 erreichten die in Zwickau entwickelten und hergestellten Rennwagen 15 Welt- und 23 Klassenrekorde. Der silberne Rennbolide mit 16 Zylindern an einem Motorblock aus Aluminium verkörperte bis ins Detail die Sinnlichkeit der puren Funktionalität.

Route der Industriekultur – Standort Zwickau

Die Geschichte der Industrialisierung Europas und der daraus entstandenen Industriekultur kann Bände füllen. Wer tiefer einsteigen will, sich mehr für Details und für regionale Besonderheiten interessiert, kann kreuz und quer durch Europa reisen und unterschiedlichste Entdeckungen machen. Wie Perlen auf der Schnur finden sich Produktionsstätten, industrielle Landschaftsparks oder interaktive Technikmuseen quer durch die europäischen Länder. Das August Horch Museum ist auf dieser spannenden Route einer der drei Ankerpunkte in Sachsen. Zusammen veranschaulichen die Stationen die gesamte Bandbreite der europäischen Industriegeschichte. Sie bilden ein Netz der wichtigsten und touristisch attraktivsten Standorte und vermitteln Europas industrielles Erbe. Dabei gilt auch hier: Es gibt das große Ganze, das aus vielfältigen Traditionen besteht, und das Besondere im Detail. Denn jede Region hat ihre Spezialitäten – was für die Kochkunst gilt, trifft auch auf die europäische Industriekultur zu. Die regionalen Routen erschließen Landschaften und Gebiete, denen die europäische Industriegeschichte ihren Stempel aufgedrückt hat.
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Kurz vor Ausstellungseröffnung laufen die Innenausbauten auf Hochtouren

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Im August Horch Museum in Zwickau ist automobile Identität und Authentizität besonders spürbar

„Eigentlich lässt sich so ein Leichtbeton nicht ohne Probleme mit einer Schlauchleitung pumpen“, fährt er fort, „daher haben wir im Werk verschiedene Versuche gefahren und einen Leichtbeton entwickelt, der geschmeidig und damit pumpfähig ist.“ Beim Einbau bedurfte es eines Pumpenfahrers mit Feingefühl, der den Leichtbeton, ohne zu verstopfen, durch einen Schlauch mit 65 Millimetern Durchmesser über ein Fenster in das erste Geschoss förderte. Mitarbeiter von Elmas Fußbodentechnik, die auf den Einbau von Industrieböden spezialisiert sind, verdichteten den Leichtbeton mit Rüttelflaschen. Nach zwei bis drei Stunden wurde der Leichtbetonboden abgescheibt, um eine ebene Fläche zu erhalten. „Wann der richtige Zeitpunkt ist, haben die Männer im Gefühl“, so Rene Kruspe, „das hängt von verschiedenen Faktoren ab, etwa der Temperatur und der Zusammensetzung des Betons.“ Damit das Wasser an der Oberfläche nicht zu stark verdunstet, die Feuchtigkeit ausreichend im Beton bleibt und dieser in Ruhe abbinden kann, wurde der Boden vollflächig mit Folie abgedeckt

3.500 Quadratmeter Bodenfläche waren in dem denkmalgeschützten Altbau durch Leichtbeton zu verstärken

Insgesamt wurden innerhalb von zwei Monaten viermal zirka 550 Quadratmeter große Abschnitte betoniert und 270 Kubikmeter Leichtbeton verarbeitet, wobei jeweils an die vorhandene Kante des vorigen Abschnitts angeschlossen werden konnte. Als Oberflächenschutz ist auf den fertigen Leichtbetonboden abschließend eine millimeterdünne Schicht Epoxidharz gegossen worden. Auch hier gilt es, bauphysikalische Details zu berücksichtigen, um ein perfektes Endergebnis zu erzielen. So darf zum Beispiel die Beschichtung erst dann ausgeführt werden, wenn der Beton die vorschriftsmäßige Restfeuchte erreicht hat und die erforderliche Oberflächenzugfestigkeit aufweist.

Im neuen Trakt des August Horch Museums Zwickau kann man nun per Mausklick einen Trabi tunen oder sich in die Finessen einer originalgetreuen Datsche verlieben. Von den Zuschauerrängen aus lässt sich durch ein besonderes Verfahren, das die spektakuläre Illusion räumlicher Tiefe vermittelt, das große Rennen der Silberpfeile verfolgen. So wird ab September 2017 in Zwickau automobile Geschichte und Zeitgeschichte in einer neuen Dimension erlebbar.Susanne Ehrlinger

Objektsteckbrief

Projekt:
August Horch Museum Zwickau, Hallenboden im Erweiterungsbau

Bauherr:
August Horch Museum Zwickau GmbH

Architekten:
Atelier Brückner, Stuttgart

Ausstellungsarchitektur:
Ö-Konzept, Zwickau

Beton:270 m3 Heidelberger Leichtbeton, LC 30/33, Rohdichte 1,8

Lieferwerk:Heidelberger Beton GmbH, Werk Zwickau

Bauunternehmen:elmas – Fussbodentechnik GmbH, Landsberg

Pumpendienst:Willi Jebok Maschinenbau Baumaschinen OHG, Chemnitz

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