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© HeidelbergCement (Steffen Fuchs)

Ausgabe 3/2017Thema: Detail

Bunt und vielfältig

Zeichen für eine tolerante Stadtgesellschaft

Mit einem Kunstprojekt im öffentlichen Raum hält die Stadt München die Erinnerung an die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen wach. Mit 90 unterschiedlichen, farbigen Betonplatten komponierte die Künstlerin Ulla von Brandenburg ein eindrucksvolles Bodendenkmal.

Der Narr trägt ein Kostüm aus bunten Stoffflicken. Nur er darf dem König die Wahrheit sagen. Für die in Paris lebende Künstlerin Ulla von Brandenburg, die mit unterschiedlichsten Medien arbeitet, symbolisiert das Gewand mehr als ein lustiges Outfit. Es deute darauf hin, dass allen, gleich welcher Hautfarbe, Religion oder sexuellen Ausrichtung, ein Platz in der Gesellschaft zustehe und es letztlich gar keinen König brauche. Patchwork-Motive sind seit Langem Teil ihrer künstlerischen Arbeit. Bislang waren große, aus unterschiedlichen Geweben zusammengesetzte Installationen und raumgreifende Wandbilder als Schwerpunkt ihrer Werke bekannt. Für München hat die deutsche Malerin, Grafikerin, Installations- und Videokünstlerin mit einem Bodendenkmal erstmals ein Kunstwerk im öffentlichen Raum geschaffen. Mit ihrem Entwurf hatte sie einen Wettbewerb gewonnen, der vom Kulturreferat der Stadt ausgelobt worden war.

Weitere Informationen

  • Bodendenkmal aus Betonplatten

    Mit dem Entwurf eines vielfarbigen Winkel, der sich nach Art eines Patchworks mit bunten Bodenplatten um eine Häuserecke mit historischer Bedeutung erstreckt, hat die international agierende Künstlerin Ulla von Brandenburg einen vom Kulturreferat der Stadt München ausgelobten Wettbewerb gewonnen. 90 unterschiedlich farbige Bodenplatten aus Beton, bilden nun in verschiedenen Formaten in der Münchner Innenstadt ein großflächiges Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Lesben und Schwulen. Bis auf zwei integrierte Dreiecke sind die Platten trapezförmig; sie bilden einen Winkel um die Häuserecke eines verschwundenen Ortes, der nun in der öffentlichen Erinnerung weiterlebt. Eine Razzia im vormaligen Schwulenlokal „Schwarzfischer“ und in ganz Bayern hatte 1934 den Auftakt zur Verfolgung und Ermordung homosexueller Männer gegeben.

  • Gekonnt eingefärbt

    Bei der Realisierung der verschiedenen Farbbetone mit Trockenpigmenten kooperierte Josef Härle von Lithonplus mit dem Farbenhersteller, der ihn labortechnisch bei Farbwahl und Mischungsverhältnis der Pigmente unterstützte. Der Betonspezialist setzte dann die jeweils gewünschte Farbe aus der Pantone-Farbpalette in die Betonrezeptur um. Die Bodenplatten mussten den hohen Anforderungen bezüglich Tausalzwiderstand, Abrieb und Rutschfestigkeit genügen, die im Verkehrswegebau gelten. Gefordert war ein hochfester Beton mit einer Druckfestigkeit von 50 bis 60 Newton pro Quadratmillimeter. Zur Sicherheit führte Härle die Platten mit 80 bis 100 Newton pro Quadratmillimeter aus.
    Für den Beton verwendete er zwei verschiedene Zemente, die in ihrer Färbung Auswirkungen auf die Intensität der Farben hatten. Weißzement etwa kann Farben kräftiger erscheinen lassen als Grauzement. Die differenzierte Einfärbung des Betons gelang ihm mit vier unterschiedlichen Zuschlägen und Splitt mit Größtkorn 0,8. Er wählte grauen Granit für die Grüntöne, weißen oder roten Quarz für rötliche oder hellere Töne und dunkelgrauen Basalt für den schwarzen Winkel. Über die Wahl der Zuschläge konnte Josef Härle die Farbe, die der Zementleim angenommen hatte, erhalten. So unterstreicht der Farbton des Gesteins die jeweilige Farbpigmentierung des Betons. Auch aufgrund der Härte des Materials zeigen die Platten nach dem Sandstrahlen jeweils einen individuellen Charakter. Durch das Sandstrahlen erhielten die Oberflächen nicht nur den gewünschten Rutschfaktor R 13 für öffentliche Flächen. Je nach Härte des Zuschlags lassen sich auch die Oberflächenanmutung und dadurch die Intensität der Farbe beeinflussen. Auf diese Weise entstanden, ausgehend von den Grundfarben, 90 verschiedene Farbtöne. Die Hälfte der Farben konnte Härle von der Hauptrezeptur ableiten. Erst die Summe aller Faktoren – der prozentuale Anteil und das Mischungsverhältnis der Pigmente, die gewählte Zementfarbe, die Trocknungsdauer und die Oberflächenbearbeitung – ergab den natürlichen Effekt, der Beton als Naturprodukt auszeichnet.

  • Speziell gefertigt

    Auch die glatten Holzschalungen für die Betonplatten wurden einzeln und mit Silikonfasen für schmalste abgeschrägte Kanten gefertigt. Die Formate, spitz zulaufende, in alle Richtungen verschobene Trapeze und die beiden Dreiecke waren per CAD vorgegeben. Größe und Gewicht der Betonplatten variieren bei einer Dicke von 14 Zentimetern von 80 Kilogramm bis 1,2 Tonnen. Die größte Tafel umfasst 2 mal 2,5 Meter, die kleinste rund 60 mal 60 Zentimeter. Insgesamt war der ganze Ablauf auch für den gewieften Betonexperten eine nervenaufreibende Sache, bei der zwei Millimeter Toleranz pro Platte erlaubt waren. Gleichwohl eine befriedigende Arbeit, die, so Josef Härle „nicht unter Zeitdruck“ entstehen kann.

  • Langer Weg zur Gleichheit

    „Die Eröffnung des Denkmals ist eine Gelegenheit, als Oberbürgermeister und als Stadtgesellschaft Verantwortung zu zeigen“ so Dieter Reiter, Oberhaupt der Stadt München anlässlich der Eröffnung des Denkmals im Juni 2017 in München. Das Denkmal geht als Ort der Erinnerung auf die Initiative der Rosa Liste zurück, die im Stadtrat vertreten ist, und wurde von diesem Anfang der 2000er Jahre mit breiter Zustimmung befürwortet. Zuvor waren Aktive der Community über Jahre hinweg der „Nichterinnerung“ entgegengetreten, wie ein Sprecher des Kulturreferats resümierte und ihnen dafür seine Anerkennung aussprach. „70.000 abgeurteilte Männer in der NS-Zeit waren nicht Teil des öffentlichen Gedächtnisses.“ Erst seit jüngerer Zeit gibt es verschiedene Mahnmale in Deutschland, die besonders an die verfolgten Homosexuellen erinnern, etwa der Frankfurter Engel von Rosemarie Trockel (1994), der Kölner Rosa Winkel von Achim Zinkann (1995) oder der vom Künstlerduo Elmgreen und Dragset entworfene Betonquader in Berlin (2008). Das Bodendenkmal der Künstlerin Ulla von Brandenburg ist ein weiteres Mahnmal dieser Art. Und, wie einer der Münchner Initiatoren, der ehrenamtliche Stadtrat der Rosa Liste, Thomas Niederbühl, bemerkte, ist es auch ein Statement der Stadt gegen Ausgrenzung, ein Mahnmal, dass es nie wieder so sein solle, wie in jener politischen Zeit.

  • Verantwortung zeigen

    Die Kriminalisierung bezüglich der sexuellen Orientierung Erwachsener (Paragraf 175) wurde in der DDR 1968, in der Bundesrepublik ab 1969 schrittweise bis 1994 aufgehoben; Urteile, die nach dem Krieg bis zu diesem Zeitpunkt erfolgten, blieben jedoch rechtskräftig. Erst im April 2017 ist ein Gesetzentwurf der Bundesregierung zur strafrechtlichen Rehabilitierung der nach dem 8. Mai 1945 wegen einvernehmlicher homosexueller Handlungen verurteilten Personen im Bundestag in Erster Lesung auf den Weg gebracht worden. Alle Fraktionen erklärten ihren Willen, das Gesetzgebungsverfahren noch in dieser Legislaturperiode zu Ende zu bringen. Für Heiko Maas, Bundesminister der Justiz und für Verbraucherschutz, zeigt sich in diesem Schritt die Stärke eines Rechtsstaates: „Er hat die Kraft, seine eigenen Fehler zu korrigieren.“

Dieser sah ein Erinnerungszeichen am historischen Ort eines ehemaligen Schwulenlokals im Zentrum der bayerischen Landeshauptstadt vor. Nun hält ein großflächiger Winkel, der sich nach Art eines buntgefächerten Patchworks aus Betonplatten um eine neubebaute Häuserecke erstreckt, die Erinnerung an die Razzia im Lokal „Schwarzfischer“ wach. Diese war 1934 Auftakt zur Verfolgung und Ermordung von Homosexuellen durch die Nationalsozialisten. Für die Künstlerin „bezieht sich das bunte Muster des Denkmals auf die Regenbogenfahne, die ein wichtiges Symbol der Lesben- und Schwulenbewegung ist und auch allgemein als Zeichen für Toleranz, Vielfältigkeit und Hoffnung steht.“ Anlässlich der Eröffnung beschrieb die Künstlerin ihre Intention, den Erinnerungsort als Bodendenkmal zu gestalten, mit einem Zitat des französischen Philosophen Jean Baudrillard: „Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst.“ Mit ihrem Werk stellt sie sich diesem Vergessen entgegen: Menschen betreten das Denkmal, „sie gehen über Geschichte, die nicht vergessen werden darf, sie werden auch von Geschichte getragen“, so Ulla von Brandenburg.

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Künstlerin Ulla von Brandenburg hat in München ihr erstes Kunstwerk im öffentlichen Raum geschaffen

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Der Regenbogenchor unter Leitung von Mary Ellen Kitchens sang zur bunten und feierlichen Eröffnung.

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Die ästhetische Konzeption und die tiefe Bedeutung des Denkmals sind die eine Seite seiner Entstehung. Zur anderen, nicht minder wichtigen Seite gehört die fachgerechte und sensible Ausführung der 90 verschiedenen Betonplatten. Erst in der vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen Künstlerin und Manufaktur konnte sich das gesamte Werk so entfalten, wie es heute in München zur Geltung kommt und mit seiner unterschwelligen Intensität auf die Betrachter wirkt. Betonspezialist Josef Härle von Lithonplus hat sich in seiner Arbeit mit dem authentischen Werkstoff verstärkt auf die Ausführung künstlerischer Projekte spezialisiert. Ein Glücksfall für dieses Werk, das sich im Verlauf seiner Realisierung immer weiter konkretisierte. Äußere Gestalt und Größe der einzelnen Formate, der trapezförmigen Platten sowie der beiden Winkel, die an die Zwangskennzeichen in den Konzentrationslagern erinnern, waren per CAD-Zeichnung seitens der Künstlerin vorgegeben.

„Das bunte Muster des Denkmals bezieht sich auf die Regenbogenfahne, die ein wichtiges Symbol der Lesben- und Schwulenbewegung ist und auch allgemein als Zeichen für Toleranz, Vielfältigkeit und Hoffnung steht.“

Ulla von Brandenburg

Die definitive Farbgestaltung entwickelte sich dagegen in einer Art work in progress, abhängig von verschiedenen Faktoren. Rutschhemmung, Abrieb, Festigkeit, Tausalzwiderstand sind Aspekte, mit denen sich Kreative selten auseinandersetzen – für eine öffentliche Wegeführung waren sie allerdings unerlässlich. Josef Härle hat durch jahrzehntelange Erfahrung ein intuitives Gespür für durchgefärbte Betone entwickelt. Ausgehend von einer vorgegebenen Pantone-Farbpalette hat er in Kooperation mit der Künstlerin jede der einzelnen Betontafeln mittels Trockenpigment dem gewünschten Farbton angenähert, wohl wissend, dass auch die abschließende Sandstrahlung ihren Anteil am Farbausdruck haben würde.

„Das Denkmal setzt in seiner Buntheit zugleich ein Zeichen gegen Intoleranz und Ausgrenzung und steht für eine offene Stadtgesellschaft.“

Ulla von Brandenburg

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Jede der durchgefärbten Betonplatten unterscheidet sich in Format und Farbton.

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Aus zwei verschiedenen Zementfarben, Weiß- und Grauzement, dazu vier Splittzuschlägen – grauem Granit, rotem und weißem Quarz, sowie dunkelgrauem Basalt – hat der Fachmann von Lithonplus das differenzierte Farbenspektrum erreicht. Auch wegen der Härte des Materials zeigen die Platten nach dem Sandstrahlen jeweils einen individuellen Charakter. Die Farbe wurde häufig in minimalen Abstufungen, mit wenigen Prozentpunkten Differenz eingemischt. „Es war ein Herantasten an die Farbe, bei minimaler Differenz erreichten wir ein helleres Grün oder es ging in Richtung Oliv“, erinnert sich Josef Härle. Auf Handmuster allein konnte er sich nicht verlassen, der Trockenvorgang führte bei gleicher Rezeptur aufgrund unterschiedlicher Temperaturen beim Abbinden zu jeweils anderen Ergebnissen. Auch früheres oder späteres Ausschalen beeinflusste das Resultat. „Knalligere Farben, wie oft von Architekten gewünscht, lassen sich mit dem Naturprodukt Beton bei geforderter Festigkeit nicht realisieren“, weiß der Fachmann. „Vorteil des Projekts war, dass sich feinste Farbnuancen im Herstellungsprozess entwickeln ließen. So ist das Denkmal nicht nur ein künstlerisches, sondern auch ein handwerkliches Unikat. Keine einzige der 90 Platten kann nochmals identisch kopiert werden.“Susanne Ehrlinger

Objektsteckbrief

Projekt:
Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Lesben und Schwulen
Bodendenkmal mit durchgefärbten Betonplatten, 90 Quadratmeter

Künstlerin:
Ulla von Brandenburg, Paris

Auftraggeberin:
Landeshauptstadt München, Kulturreferat

Betreuung der Realisierung:
Baureferat München

Bauleitung:
Ingenieurbüro Haas, Gräfelfing

Bauunternehmung:
Pfeifer Pflaster- und Straßenbau GmbH, München

Hersteller Betonwaren:
Lithonplus GmbH & Co. KG, Lingenfeld, eine Beteiligungsgesellschaft der HeidelbergCement AG

Produkt:
Hochfester Farbbeton mit Pantone Trockenpigment, R 13, 90 unterschiedlich geformte, trapezförmige Bodenplatten in Sondergrößen mit 5 Millimetern Fase, objektbezogene Sonderrezepturen

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