Ausgabe 3/2016

Unberühmte Orte

Wo sich Stadt und Land berühren

Eine Fahrt zwischen Städten führt durch unbekannte Welten. Neues liegt am Weg, aber die Muster einer perfekt organisierten Gesellschaft sind deutlich erkennbar. Noch tun wir uns schwer, die effizienten Landschaften der Bundesrepublik so zu akzeptieren, wie sie sind. Architekten und Planer müssen lernen, damit umzugehen. Ein unverstellter Blick ist Voraussetzung, dann führt die Reise ins Weite.

Amsterdam, Australien, Amazonas.“ Stadt-Land-Fluss. Das Spiel wird anstrengend. Die Fahrgemeinschaft entschließt sich zu einer Verschärfung der Regeln. Es geht um Städte in Deutschland und klar benennbare Landstriche in der Fläche. Wir fahren durch den Fläming. „Lindau, Lommatzsche Pflege, Lech.“ Jetzt setzt die Diskussion ein. „Wo ist die Lommatzsche Pflege? Das gibt es nicht!“ „Dessau, Dübener Heide, Donau.“ Keine Einwände, schließlich stand Dübener Heide eben auf der Hinweistafel an der Autobahn. Was wissen wir über das Land? Eine Gegenfrage: Was wissen wir über die Stadt – oder genauer: Was wissen wir über die Städte? In Deutschland gibt es 2.059 Kommunen, die das Stadtrecht besitzen. Davon haben 13 Städte mehr als 500.000 Einwohner. Wenn wir von der Stadt sprechen, dann meinen wir Berlin, Hamburg, Köln ... Ich empfehle eine Landpartie, da wird die Stadt ganz schnell zum Land!

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Es ist schwer zu sagen, seit wann ich mich für die „Unberühmten Orte“ interessiere, von denen hier die Rede ist. Da gibt es eine Entdeckerfreude in mir und wenn ich in die erstaunten Gesichter meiner Stadtfreunde blicke, dann sehe ich dort ihre Verblüffung über meine Abenteuerlust. Sie können allerdings meistens nicht mitreden, wenn ich von Apothekenbriefkästen, Sparkassen oder seltsamen Gaststätten berichte. Das bekümmert mich etwas, aber wer aus der Stadt über den ländlichen Raum spricht, der verirrt sich leicht ins Allgemein-Theoretische. Das hilft wenig hier draußen. „Auerbach, Altmark, Aar.“ Das Land ist nicht theoretisch. Seine Probleme sind genauso real wie seine Chancen: Die Preise für landwirtschaftliche Nutzflächen explodieren, die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe geht zurück, die Größe der bewirtschafteten Schläge wächst. Die Landwirtschaft Deutschlands ist eine der effizientesten Industrien Europas. Immer größere Maschinen bewirtschaften immer größere Felder. Es entstehen Energielandschaften, die für viele Menschen schwer verdaulich sind, denn sie entsprechen nicht dem gewünschten Bild. Hier herrscht vielleicht sogar Goldgräberstimmung: Immer weniger Menschen arbeiten auf immer größeren Flächen, Fördermillionen werden verteilt, der Milchpreis verfällt. Natürlich gibt es Verlierer. Wer bleibt im Dorf? Was braucht das Dorf? Was macht das Land? Das sind berechtigte Fragen. Hier ist was los!

Neuzulassungen Elektroautos in Deutschland 2015
12.363

Zugelassene Fahrzeuge 2016
61,5 Millionen

Singlehaushalte in Deutschland 2011
37% aller Haushalte

Deutschland
52% der Landesfläche wird landwirtschaftlich genutzt

13 Bundesländer

3 Stadtstaaten

9 Flüsse über 200 km

80 Großstädte

32% Waldfläche

550 Flughäfen

2015
61,5% der im Jahr 2015 fertiggestellten knapp 106.000 Wohngebäude nutzen erneuerbare Energien zum Heizen.

Gesamtbevölkerung (BRD und DDR zusammen)
1960 ca. 70 Mio.
2010 ca.81,8 Mio.
2060 (Prognose) ca. 65-70 Mio.
61,5%
der im Jahr 2015 fertiggestellten knapp 106.000 Wohngebäude nutzen erneuerbare Energien zum Heizen.

Wanderungssaldo von Ost nach West mit
3.300 Personen nahezu ausgeglichen.

31,5 %
Abbau der Beschäftigten in Gemeindeverwaltungen zwischen 1991 und 2011

Kulturausgaben 2011
in Großstädten über 500.000 Einwohner
122 Euro pro Kopf
in Gemeinden über 3.000 Einwohner
3 Euro pro Kopf

Absatzentwicklung E-Bikes
2007: 60 Tausend Kopf
2008: 100 Tausend Kopf
2009: 140 Tausend Kopf
2010: 180 Tausend Kopf

Umsatz an Geldautomaten
2001: 31,5 Mrd. Euro
2011: 117,9 Mrd. Euro

Jahresumsatz
deutscher Online-Handel:
46 Milliarden Euro

Deutschland 2015
1.388 Brauereien
88 Mio. Hektoliter Bier

Leerfahrten 2011
37% aller überregionalen Transportfahrten

Die globalen Abhängigkeiten lassen sich nicht wegdiskutieren: Immer größere Unternehmen agieren in Zusammenhängen, die längst dem regionalen Kontext entwachsen sind. Das gilt allerdings sowohl fürs Land wie für die Stadt. Da kommen ungewöhnliche Ansätze leicht unter die Räder. Hier wie dort entstehen Monokulturen. In den Innenstädten bestimmen die großen Handelsketten das Bild, während Logistikparks und Maisfelder die Fläche besetzen. Ich erschrecke bei jedem Spaziergang aufs Neue angesichts der Öde, die um sich greift. Das Neue und Andere etabliert sich in den Nischen, dort, wo man es sich noch leisten kann, dort, wo Bodengüten schlecht sind oder der Leerstand hoch. Vielleicht ist dies ein Grund für meine Abenteuerlust, denn das Neue muss man sich in unbekannten Räumen suchen und erarbeiten.

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Über die ertragreichen Flächen müssen wir nicht reden. Sie zeichnen sich durch so hohe Pachtabgaben aus, dass es sich längst nur noch große Unternehmen leisten können, hier zu agieren. In der Stadt wie auf dem Land: Wo die Erträge stimmen, sind Veränderungen unmöglich, hat sich eine ökonomische Verfestigung eingestellt, die eine Revision des Entstandenen schlicht ausschließt. Die Fütterung in Putenaufzuchtanlagen erfolgt automatisch, GPS-gesteuerte Traktoren bringen Düngemittel punktgenau in den Boden, der Bauer beobachtet am Computer die Güllebörse, ein T-Shirt kostet einen Euro. Wer könnte hier wirklich etwas verändern, wer wollte das?

Das Neue und Andere etabliert sich in den Nischen

„München, Magdeburger Börde, Murg.“ Die neue Landschaft wird akzeptiert. Gerade fahren wir an Leipzig vorbei, da sind ihre Formen klar ersichtlich. Ich unternehme einen neuen Anlauf: „Netto, Nuthe-Nieplitz, Neckar.“ Erst fällt es nicht auf. Dann setzt der Protest ein: Netto sei ein Supermarkt und mein Vorschlag berücksichtige damit keine Regel und eine Stadt sei das ja wohl schon überhaupt nicht. Die Diskussion driftet ab. Häufig ist der kleine Supermarkt mit einem diskontierten Sortiment ja die letzte Bastion der Versorgung auf dem Land: eine Bastion der Freiheit, der Begegnung – in gewissem Sinn öffentlicher Raum. So meine Argumentation. „Unsinn!“, kontert ein Städtebauer auf dem Rücksitz. Öffentlicher Raum ist klar beschrieben und zumindest nicht privat. Damit gehört der Parkplatz vor dem Autohof nicht dazu, auch wenn sich die Dorfjugend dort trifft. Mit einem Cappuccino starten wir wieder auf die Autobahn. Es bleibt dabei: Öffentlicher Raum, so wie wir das definieren, ist eine Sache für die Stadt, betrifft Architektur und Baukultur. Wie sehr das stimmt, zeigt uns der Blick auf die hässlichen Logistikhallen am Schkeuditzer Kreuz. Nur dann, wenn Gebäude der kulturellen Selbstvergewisserung dienen, wird in ihnen das Gestaltungspotenzial gesehen. Eingangspavillons, Museen oder Innenstädte: Orte, die touristische Relevanz haben könnten, treiben uns an in unseren sentimentalen Reisen des Herzens. Architekten sind Romantiker. Sie haben keine Augen für dieses neue Land, sie sind keine Fürsprecher für das Land. Wir müssen also weiter. Ein Halt auf freier Strecke ist nicht vorgesehen.


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Stadt-Land-Fluss macht nun richtig Spaß. Da können Dinge zusammengebracht werden, die in unseren Köpfen so klar getrennt sind, dass sie nur noch einzeln betrachtet werden. Das Kinderspiel erlaubt einen Standortwechsel und neue Blickwinkel. Die enzyklopädische Leistung regt an zum Denken. Plötzlich stehen Dinge nebeneinander, die in dieser Form noch nie betrachtet wurden. Seit es das Satellitenfernsehen gibt – und erst recht, seit das Internet für alle verfügbar ist –, ist der Informationsfluss lückenlos. Die Mitfahrer nutzen ihre Mobiltelefone auf der Suche nach neuen Kombinationen. Ist das „Land“ denn nicht längst auch ein Raum für neue Ideen und andere Lebensformen? Haben sich, im Windschatten der Digitalisierung, nicht auch neue Optionen ausgebildet, die die Phantasie anregen? „Uslar, Uckermark, Uber.“ Gibt es jenseits der Biogasanlagen, der Windräder und Erlebnisbauernhöfe vielleicht etwas Neues? Was wäre, wenn das „Land“ ein Möglichkeitsraum ist? „Diepholz, Deister, Dropbox.“ Haben wir den Mut, uns vorzustellen, dass die Dinge nicht mehr getrennt betrachtet werden müssen? „Zeitz, Zollernalb, Zalando.“ Nach einer halben Stunde Diskussion wird von der Fahrgemeinschaft der Fluss Zalando akzeptiert. Das Suchwort „Fluss“ integriert nun generell auch alle Formen von Datenaggregation: Amazon, Facebook, Snapchat ... Gibt es das „Land“ eigentlich? Was zeichnet es aus? Was unterscheidet die Stadt vom Land? What’s App? Noch 3,5 Stunden bis nach Heidelberg.Wilhelm Klauser

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