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Die 13 Hektar große Turley-Anlage der ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Kaserne ist von allen sieben Konversionsflächen in Mannheim baulich am weitesten fortgeschritten.

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Christian Buck, Heidelberg

Ausgabe 3/2016Thema: Stadt|Land|Fluss

Raushalten ist schwierig

Konversionsprojekt "13ha Freiheit" in Mannheim

Eine Stadt wandelt ihr Gesicht: Nach dem Abzug der US-Army läuft in Mannheim der Prozess der Nachnutzung. Die freiwerdenden Areale von über 500 Hektar bieten eine einmalige Chance, die Quadratestadt nachhaltig und zukunftsfähig weiterzuentwickeln.

Mannheim tritt das Erbe der US-Streitkräfte an. In kaum einer anderen Stadt war das amerikanische Militär so präsent wie in der drittgrößten Stadt Baden-Württembergs. Die von den Amerikanern genutzten Flächen umfassten mehr als 500 Hektar, verteilt auf die ganze Stadt. „Eine große Hinterlassenschaft, aber auch eine Chance für Mannheim, ein neues Profil zu entwickeln“, so Johanna Rossmanith, Referentin der MWS Projektentwicklungsgesellschaft (MWSP), die für den Kauf der Flächen, deren Entwicklung sowie die Verhandlungen mit Investoren zuständig ist.

„Miteinander, nicht nebeneinander“ – gemäß diesem Leitsatz zeigt sich der Konversionsprozess in Mannheim als ein gutes Beispiel für die gemeinsame Zukunftsgestaltung mit den Bürgern. Mannheim hat dazu eigens Bürgerbeteiligungsprozesse ins Leben gerufen. Die Vorschläge wurden in dem Buch „1.000 Ideen für eine Stadt, die sich neu baut“ zusammengefasst, kontrovers diskutiert, und die vielversprechendsten – begleitet von Expertenteams – konkretisiert.

Mietshäusersyndikat „13 ha Freiheit“

„13ha Freiheit“ gehört dem Miethäusersyndikat an. Bei diesem Modell werden Direktkredite von Freunden und Unterstützern sowie aus den eigenen Reihen als nachrangiges Darlehen in die Finanzierung eingebracht. Gleichzeitig sorgt die Beteiligung des Syndikats von 49 Prozent an der „F 13 Turley GmbH“ dafür, dass keine Privatisierung möglich ist. Das garantiert günstigen Wohnraum in Häusern, in denen die Bewohner selbst das Sagen haben und ihre Immobilien dem Verkauf und der Spekulation entzogen sind. Der Mietpreis bei „13ha Freiheit“ liegt aktuell bei 7,60 Euro pro Quadratmeter.

Ein solidarisches, respektvolles Miteinander steht im Mittelpunkt

Eine dieser Ideen stammt von der Gruppe „13ha Freiheit“, die auf dem Turley-Areal das denkmalgeschützte Gebäude 472 gekauft hat und in Eigenleistung zu einem selbstverwalteten Mietshaus saniert und renoviert. Turley gilt im Konversionsprozess in Mannheim aufgrund seiner zentralen Lage als Filetstück der Stadt. Künftig soll es mit einer Mischung aus Neu- und Bestandsbauten ein lebendiges, urbanes Viertel werden, das in sich funktioniert, sich aber auch nach außen öffnet.

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Christian Buck, Heidelberg

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Auf die Umzugskisten, fertig, los: Insgesamt 60 Bewohner, darunter Familien, Singles, Künstler, Menschen aller Altersklassen, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund sowie mit und ohne Behinderung, haben im Gebäude 472 einen neuen Lebensmittelpunkt gefunden.

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Christian Buck, Heidelberg

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13haFreiheit, Ulf Tramsen

Tolerant und offen präsentiert sich auch das größte Wohnprojekt auf Turley. Mittlerweile engagieren sich rund 60 Mitglieder in der Initiative „13ha Freiheit“: Familien, Singles, Künstler, Menschen aller Altersklassen, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Seit Anfang des Jahres bilden sie die 29 Mietparteien, die im Gebäude 472 ein neues Zuhause gefunden haben. Als alternative Wohnform könnte man das Projekt bezeichnen. „Aber nicht kommunenhaft – einfach anders“, sagt Britta Schlichting, Bewohnerin und eine der Pionierinnen, die das Projekt von Anfang an begleitet haben. Im Mittelpunkt der Gemeinschaft steht ein solidarisches, respektvolles Miteinander, gegenseitige Hilfe und Entscheidungen nach dem Konsensprinzip. „Das bedeutet auch persönliches Engagement und das Einbringen von Energie, Wissen und Fähigkeiten aller Mitbewohner, um das Projekt voranzubringen“ so Schlichting. „Das muss man wollen.“ Aber letztlich ist genau das der Grund, warum sich viele der Bewohner für diese alternative Wohnform entschieden haben: „Wir wollen nicht anonym nebeneinanderher leben.“ Ein Ansatz, der weit über gute Nachbarschaft hinausgeht.


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Christian Buck, Heidelberg

Im Rahmen der Sanierung wurde das rund 3.500 Quadratmeter große ehemalige Mannschaftsgebäude nach den Wünschen der Bewohner in Wohnungen unterschiedlicher Größe und Gemeinschaftsräume aufgegliedert. Die Grundrisse bieten viel Raum für gemeinschaftliche Begegnungen, die eigene Wohnung bleibt privat. Um das Projekt auch für nachfolgende Generationen attraktiv zu gestalten, wurden ökologische Baustoffe wie Holzböden oder Kalkrollputz verwendet. Ebenso berücksichtigt wurden Barrierefreiheit und die Belange des Denkmalschutzes.
Als starker Partner steht das Mietshäuser-Syndikat hinter der Mannheimer Gruppe. „Das Syndikat hilft uns, selbstbestimmt und dauerhaft zu sozial verträglichen Mieten zu leben – in eigenen, selbstverwalteten Häusern, unabhängig von Mieterhöhungen, Abrissvorhaben oder Umnutzungsplänen der Vermieter“, so Schlichting. „Dadurch sind wir Mieter und Eigentümer zugleich.“
Rund sechs Jahre dauerte es von der Idee bis zur Umsetzung des Projekts. Die Herausforderung lag darin, dass sich die Bewohner des Gebäudes zuvor nicht kannten, aber mit der Zeit und der Arbeit am gemeinsamen Projekt als Gruppe zusammengewachsen sind – nicht immer ohne Probleme. „Zur Gemeinschaft gehört Reibung“, erklärt Britta Schlichting. Persönlich hat sie das als sehr positiv für ihren individuellen Entwicklungsprozess bewertet. „Man lernt ganz viel über sich. Vor allem, auch mal Frustration auszuhalten. Es geht um Geduld, darum Kompromisse einzugehen oder auch Grenzen zu akzeptieren. Raushalten ist schwierig.“Conny Eck

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