Ausgabe 3/2015

Mit Wonne wohnen

Wohnwelten im Wandel

Wer wohnt, der liebt. Zumindest sprachgeschichtlich. Im althochdeutschen Wort „wonên“ klingt neben der „Liebe“ gleich ein ganzer Reigen weiterer Begriffe mit, wie etwa „zufrieden sein“ oder „bleiben“.

In ihrem „Wörterbuch der deutschen Sprache“ zeigen die Brüder Grimm die tieferen Bedeutungsschichten des Wohnens auf. Von der Höhle bis zur Hütte meint Wohnen stets mehr als nur einen Schutz vor Witterung und wilden Tieren. Es beschreibt eine grundlegende Erfahrung unseres Menschseins, die privatesten Räume unserer Umwelt. In ihnen drückt sich unsere Vorstellung vom Leben aus – bewusst oder unbewusst. Wohnen bedeutet das „Gebundensein an einen Ort“, meint Heimat. Egal ob in der Stadt oder auf dem Land. Doch die feste Bindung an einen Wohnort fürs ganze Leben wird zunehmend brüchiger. So hat das „Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung“ festgestellt, dass die Deutschen durchschnittlich fünf Mal im Leben ihre Wohnung wechseln. Und auch sonst ist das Wohnen im Wandel begriffen. Das Erfolgsmodell Stadt lässt den Wohnraum in vielen Orten Deutschlands knapp werden. In Metropolen wie Hamburg müssen rund 5.000 Wohnungen entstehen, um die steigende Nachfrage zu decken. Und das jedes Jahr!

Auf dem Land

„Wie Menschen denken und leben, so bauen und wohnen sie.“

Johann Gottfried von Herder (1744 – 1803),deutscher Kulturphilosoph, Theologe, Ästhetiker, Dichter und Übersetzer

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Wohnen im Landhaus mitten in den Weinbergen von Umbrien www.nidodelfalcone.it.

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© HeidelbergCement (Steffen Fuchs)

Grenzen des Wachstums

Diese Veränderung hat tiefgreifende Konsequenzen für Städte und ihre Bewohner. Trotz neuer Wohnungen steigen die Mieten, das Erscheinungsbild der Städte verändert sich und mit ihm die Bevölkerungsstruktur der Quartiere. Die heftig diskutierte Mietpreisbremse ist ein Versuch, dieser Entwicklung gegenzusteuern. Denn vor allem bezahlbare Wohnungen sind rar. Wie in London oder New York droht auch in deutschen Städten das Wohnen in der Innenstadt zum unerschwinglichen Luxus zu werden. Bereits jeder fünfte Deutsche fühlt sich laut dem Statistischen Bundesamt durch seine Wohnkosten belastet. Da rächt es sich, dass der soziale Wohnungsbau in den 1990er Jahren nur noch als Ladenhüter galt.

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© Mr Doomits - Fotolia.com

In der Stadt

„Der Charakter unserer Zeit soll in unseren Bauten spürbar sein. Wir wollen die Form unserer Bauten aus dem Wesen der Aufgabe heraus gestalten, aber mit den Mitteln unserer Zeit.“

Ludwig Mies van der Rohe (1886 – 1969),deutsch-amerikanischer Architekt

Wohnvisionen

Heute stehen die Fragen rund um das Wohnen in der Stadt dagegen wieder ganz oben auf der Agenda von Architekten, Stadtplanern und Politik. Die soziale Mischung von Quartieren und neue Wohnformen werden zur Herausforderung. Es gilt als ökonomisch und ökologisch gleichermaßen sinnvoll, Wohnen und Arbeiten in den Städten enger zusammenzulegen. Das erzeugt Dichte. Doch die massive Nachfrage nach innerstädtischem Wohnraum bringt längst nicht nur die Metropolen an die Grenze ihres Wachstums. Immer öfter stellt sich die Frage: Wohin können wir überhaupt noch wachsen?
Wie von selbst werden daher in den kommenden Jahren auch in Deutschland neue Wohnhochhäuser entstehen müssen, die in den vielen Megacitys dieser Welt längst das Stadtbild prägen.

Wohnen auf Zeit

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© SARL Museumotel - SCI Modules, Joël Morel - Bruno Tourmen

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Dietmar Tollerian

Urlaub am New Yorker Times Square und keine Lust auf ein überteuertes Hotel? Kein Problem. Über eine der Online-Plattformen lässt sich schnell das richtige Domizil finden. Kostengünstig, mit Küche und zentral gelegen. Das klingt fast sozialromantisch und ist dennoch knallhartes Business. Denn die Sharing-Ökonomie kommt schnell an ihre Grenzen: Dort, wo Touristen Urlaub machen, können keine Dauermieter wohnen. Ferienwohnungen vertreiben die Mieter aus den bevorzugten Wohnlagen und lassen Mieten steigen. Städte wie Berlin, Hamburg, München oder Köln steuern seit längerem auch rechtlich dagegen, indem sie die Umwandlung von Dauerwohnraum in Ferienwohnungen untersagen.

Wohnvisionen

In den schönen neuen Wohnwelten vernetzt uns künftig das Smart Phone mit unserem Heim. Vom anderen Ende der Welt aus lässt sich so die Jalousie im Kinderzimmer nach oben fahren und die Heizung drosseln. Für alle Skeptiker, die in solchen Hightech-Visionen intelligenter Gebäude eher Horrorszenarien sehen, hat der britische Thriller-Autor Philip Kerr bereits vor 20 Jahren geschildert, was passieren kann, wenn die Technik endgültig die Herrschaft über das Haus übernimmt und nichts mehr läuft: Game Over. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Wichtiger als eine Hightech-Ausstattung sind angesichts einer alternden Gesellschaft in Deutschland barrierefreie Erschließungen und Grundrisse der Wohnungen. Nur dann bleiben sie auch im Alter gut nutzbar. Bis 2030 werden acht Millionen Menschen in Deutschland über 80 Jahre alt sein – doppelt so viele wie heute. Die dafür benötigten 2,9 Millionen altersgerechten Wohnungen entsprechen einem Investitionsvolumen von umgerechnet 50 Milliarden Euro.

Sie schien endgültig vorbei zu sein: die Zeit der riesigen Wohnmaschinen, wie sie Le Corbusier mit der Unité d’Habitation erfunden hatte. Ein Haus wie eine Stadt. Doch auch wenn manchem die Wohnvisionen des gebürtigen Schweizers eher als Dystopie denn als Utopie erschienen – das Wohnen gehörte zu den Kernthemen der architektonischen Moderne, und mit ihm der soziale Wandel. Von den Mietskasernen der Gründerzeit führt der Weg zu den hygienisch einwandfreien Siedlungen der Avantgarde der 20er Jahre. Unter gläsernen Kuppeln wollte der legendäre amerikanische Visionär Buckminster Fuller das Wohnen vor störenden Umwelteinflüssen schützen. Heute lassen sich seine geodätischen Kuppeln im Kleinformat als schicke Gartenhäuser nachbauen.

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Zukunftswohnen

Vielfältige Wohnformen

Neben der Frage, wie wir im Alter wohnen wollen, prägen die Gesellschaft immer stärker individualisierte Lebenskonzepte. Sie treten an die Stelle des normierten Wohnens mit zwei Zimmern, Küche und Bad. Bewohner entscheiden selbst, mit wem sie wie und wo künftig zusammen wohnen wollen. Um solche Lebensmodelle im eigenen Wohnumfeld angemessen abzubilden, sind besonders in den Städten die Baugruppen auf dem Vormarsch. Häufig genossenschaftlich organisiert, bilden sie eine wirtschaftlich interessante Alternative zum tradierten Wohnungsbau. So herausfordernd das gemeinsame Bauen in der Baugruppe sein kann, so viele Freiräume kann es für eine attraktivere Grundrissgestaltung eröffnen, wie sie in Ländern wie der Schweiz schon längst üblich ist.

Mehr Raum

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© Tiberius Gracchus - Fotolia.com

Zu den entscheidenden Ursachen für den steigenden Wohnungsbedarf gehört neben der Renaissance der Städte der gestiegene Flächenverbrauch an Wohnraum pro Kopf. Waren es laut „Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung“ 1998 noch durchschnittlich 38 Quadratmeter pro Person, so stieg die Zahl auf 45 Quadratmeter im Jahr 2013. Und mit dem Flächenbedarf wächst auch der Anspruch an die Ausstattung der Wohnungen: Ohne Balkon geht heute kaum noch etwas.

Doch bei allem Erfolg der Städte ist der alte Traum vom Einfamilienhaus in Deutschland noch längst nicht ausgeträumt. Knapp 30 Prozent aller Deutschen leben in einem Einfamilienhaus, häufig im Speckgürtel einer der großen Städte. Mit allen positiven und negativen Folgen – von den blühenden Büschen im Garten bis hin zu den langen Anfahrtswegen zu Arbeitsplatz und Einkauf. Und während es gerade Familien mit kleinen Kindern noch immer nach Suburbia zieht, kehrt die ältere Generation immer häufiger wieder aus den Vorstädten zurück in die Stadtzentren, angelockt durch die Nähe zu Versorgungseinrichtungen und zu Kulturstätten. Wem das Wohnen in den Städten zu eng, zu laut, zu schnell und zu schmutzig wird, der findet auf dem Land nach wie vor Alternativen. Die ausgebaute Scheune oder das gemütliche Fachwerk-Bauernhaus besitzen ihren eigenen Charme. So bewegt sich das Wohnen zwischen Luxus und Suffizienz. Wohnen ist heute so individuell wie nie zuvor und ein präzises Abbild unserer Gesellschaft. Ihrer Versäumnisse. Ihrer Vorlieben. Ihrer Träume.Jürgen Tietz

Auf 18 Quadratmetern leben? In vielen japanischen Großstädten ist das nichts Ungewöhnliches. Wer es sich leisten kann, zieht diesen auch in Japan so genannten „Hasenställen“ das Leben in einer komfortableren Wohnung oder – noch besser – einem freistehenden Einfamilienhaus vor. Wie in Deutschland ist diese Wohnform auch in Japan mit Abstand am begehrtesten. In Städten wie Tokio sind die Grundstücke, auf denen gebaut werden kann, allerdings winzig, so dass vom „Garten“ im besten Fall ein schmaler Abstandsstreifen rund um das Haus bleibt. Wenig Platz, um sich individuell zu verwirklichen – dennoch finden sich zwischen Fertighäusern und simplen Holzständerbauten immer wieder auch Perlen. Nur drei auf sechs Meter etwa beträgt die Grundfläche der Tower Machiya des Atelier Bow-Wow. Der kleine Turm, der dort in die Höhe wächst, interpretiert das klassische japanische Stadthaus der Edo-Zeit neu. Fast surreal wirkt hingegen das House H von Sou Fujimoto, bei dem die offenen Räume durch zahlreiche Treppen miteinander vernetzt sind. Die Kunst, kleine Häuser zu bauen – japanische Architekten haben sie perfektioniert.

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© Iwan Baan, Amsterdam

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© Iwan Baan, Amsterdam

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© Atelier Bow-Wow, Tokio

Wohnen in Japan


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