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Die authentische Betonfläche des Leichtbetonhauses in Riederau am Ammersee bildet den klaren Hintergrund für ausgefallene, maßgefertigte Möbel und Kunst. Beide Projekte wurden beliefert von der Heidelberger Beton GmbH, Gebiet München.

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© HeidelbergCement (Steffen Fuchs).

Ausgabe 3/2015Thema: Wohnen

Der Ästhet unter den Baustoffen

Leichtbeton - wie gemacht für ökologisches Bauen

Leichtbeton gilt in der Branche als Exot. Zu Unrecht, meint Prof. Dr. Karl-Christian Thienel im Gespräch mit context. Denn der leichtgewichtige Bruder des herkömmlichen Betons hat eine Reihe vorzüglicher Eigen-schaften. Und gerade die machen ihn für nachhaltiges Bauen attraktiv.


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© Michael Voit

context: Herr Professor Thienel, wie wird man Leichtbetonexperte?

Karl-Christian Thienel: Eher durch Zufall. Aber das Thema Bauen und Bau hat mich schon während der Schulzeit fasziniert. Mein Vater war Bauingenieur, und in den Ferien jobbte ich auf Baustellen. Nach meinem Bauingenieurstudium und einem Forschungsaufenthalt in den USA heuerte ich bei der Firma Liapor an – und entdeckte dort die weite Welt dieses genialen Baustoffs. Seit 2003 lehre ich an der Universität und gebe mein Wissen an die Studierenden weiter.

c: Wie wecken Sie bei ihren Zuhörern die Begeisterung für diesen Baustoff?

K-CT: Ich beginne gerne mit der Geschichte des Leichtbetons. Viele Bauwerke aus Opus Caementitium sind nach heutiger Definition Leichtbetonkonstruktionen. Ein herausragendes Beispiel ist das Pantheon in Rom, gebaut in den Jahren 114 – 118 nach Christus. Bekannte moderne Bauwerke für die ganz oder teilweise Leichtbeton verwendet wurde sind hierzulande zum Beispiel die Rheinbrücke Köln-Deutz (1976 – 1980), das BMW-Hochhaus in München (1968 – 1973) und die Skiflugschanze in Oberstdorf (1973). Wenn ich meine Zuhörer dann nach der Druckfestigkeit von Leichtbeton frage, liegen die meisten daneben. Und sie staunen, wenn sie hören, dass Leichtbeton genauso druckfest sein kann wie Normalbeton – bei nur halb so großer Dichte wohlgemerkt.

„In Deutschland entstanden die ersten Bauwerke mit Blähton-Beton Ende der 1960er Jahre“

c: Welche Meilensteine kennzeichnen die Entwicklung des Leichtbetons?

K-CT: Die Römer verwendeten Bims, Lava oder Ziegelsplitt als leichte Gesteinskörnung. Anfang des 20. Jahrhunderts begannen die Amerikaner mit der industriellen Produktion von Blähschiefer für die Betonherstellung. Seither spricht man auch von Leichtbeton. Die Amerikaner bauten damit Brücken und Hochhäuser, aber auch Schiffe – mehr als 100 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. In Deutschland entstanden die ersten Bauwerke mit Blähton-Beton Ende der 1960er Jahre. Inzwischen haben die Norweger und Niederländer mit ihren weitgespannten Brücken und Offshore-Bauwerken aus Leichtbeton die Führungsrolle in Europa übernommen.

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Das Atelier- und Gästehaus am Ammersee besticht durch eine Außenwand aus rot durchgefärbtem Beton.

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© Michael Christian Peters

c: Was macht Leichtbeton in Ihren Augen so wertvoll?

K-CT: Ich kann die Dichte des Baustoffs exakt einstellen, indem ich die normale und die leichte Gesteinskörnung passend auswähle. Das Entscheidende ist aber die hohe Dauerhaftigkeit. Und die Tatsache, dass diese nicht an die Festigkeit gekoppelt ist. Norwegische Forscher haben die Lebensdauer von Leicht-beton-Offshore-Anlagen untersucht; sie liegt nach ihren Schätzungen weit jenseits von 200 Jahren, während für Normalbeton nur 100 Jahre prognostiziert werden. Gerade im Hinblick auf nachhaltiges Bauen ist das ein schlagkräftiges Argument.

„ … so werden damit Brücken und Offshore-Anlagen gebaut“

c: Wo liegen die Hauptanwendungsgebiete?

K-CT: Haufwerksporige Leichtbetone, also Betone mit viel Hohlraum zwischen den Körnern, sind der bevorzugte Baustoff für Mauersteine und Wandelemente. Gefügedichter Leichtbeton wird dagegen eher bei Wänden, Decken und weit gespannten Konstruktionen favorisiert. So werden damit beispielsweise Brücken und Offshore-Anlagen gebaut. Gerade in puncto ökologischem Bauen – wenn es um Dauerhaftigkeit und Wärmeschutz geht – sehe ich für Leichtbeton ein Riesenpotenzial. Leider wird das noch zu wenig genutzt.

c: Woran liegt das?

K-CT: Bei Ausschreibungen ziehen Verantwortliche den Leichtbeton nur selten in Erwägung. Weil sie verkennen, dass Leichtbeton eben fest und dauerhaft ist. Da ist noch viel Überzeugungsarbeit nötig. Aber Bedenken auszuräumen gehört eben auch zu meinem Job.

„Ökologisches Bauen ist in“

c: Welche Projekte bearbeiten Sie aktuell?

K-CT: Beratend begleite ich das wohl derzeit größte Leichtbetonprojekt in Deutschland, den Bau der neuen internationalen Beschleuniger-Anlage zur Forschung mit Antiprotonen und Ionen in der Nähe von Darmstadt. Für den Bau der Gebäudefassade – der Rohbau wird gerade geplant – ist Leichtbeton vorgesehen. Und in Zusammenarbeit mit Heidelberger Beton München befasse ich mich mit Wohnungsbauprojekten, bei denen zum Teil sehr leichte wärmedämmende Leichtbetone verwendet werden.

c: Welche Chancen räumen Sie dem Leichtbeton in der Zukunft ein?

K-CT: Gegenüber herkömmlichem Beton wird er allein des Preises wegen auch künftig ein Nischendasein fristen. Aber: Ökologisches Bauen ist in. Und was die Kombination aus Dauerhaftigkeit, Festigkeit und wärmedämmenden Eigenschaften angeht, ist Leichtbeton unschlagbar.Susanne Ehrlinger


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