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Ausgabe 02/19

Live dabei

Vom Segen kultureller Auftritte

Der Besuch klassischer Konzerte oder öffentlicher Lesungen erfordert nicht nur Interesse an Kultur, sondern auch Konzentration. Sich unmittelbar auf Musik und Literatur einlassen zu können gibt reizvolle Anregung und verschafft im besten Fall Glücksgefühle.

  • Klangfülle in der Konzertkirche

    Eine Melange aus streng konzertanter Aufführung und intimem Musikerlebnis verspürten die Besucher einer öffentlichen Generalprobe in der Konzertkirche Neubrandenburg. Am Morgen der eigentlichen Aufführung spielte die Neubrandenburger Philharmonie unter Leitung des Gastdirigenten Ruben Gazarian die Vierte Sinfonie von Peter Tschaikowski und dessen bekanntes Klavierkonzert op.23 in b-Moll. Pianist war der derzeitige Artist in Residence, Bernd Glemser. Für den Solisten Glemser sei das Klavierkonzert wie ein vertrautes Heimspiel, erfuhr man, da er zu jedem Takt eine besondere Beziehung habe. Schließlich hatte der am Fuße der schwäbischen Alb geborene Pianist in jungen Jahren mit diesem Konzert bei einem Musikwettbewerb in Athen reüssiert. Ruben Gazarian, bis 2018 Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Württembergischen Kammerorchesters Heilbronn und derzeit Chefdirigent des Georgischen Kammerorchesters Ingolstadt, führte in das Konzert ein. Dass Tschaikowski das bekannte Thema der Einleitung seines fulminanten Klavierkonzerts im gesamten Opus nicht noch einmal aufgreifen musste, weil dies der Komponist in der Fülle melodischer Gedanken gar nicht nötig gehabt hatte, ließ sich im Anschluss direkt nachvollziehen. „Die Musiker des Orchesters sind bei einer ausverkauften öffentlichen Generalprobe genauso präsent wie bei der Aufführung abends“, weiß Ruben Gazarian. „Eine CD hat natürlich die Perfektion einer Studio-Aufnahme, aber die Vorzüge eines Live-Auftritts sind doch bemerkenswert. Wenn man das Konzert spielt oder erlebt, ist man unmittelbar eingebettet, das ist jedes Mal ein unwiederholbarer, kollektiver Vorgang“, beschreibt der Dirigent, der seinen Musikern die verbindlichen Tempi vorgibt und die interpretatorische Gestaltungshoheit innehat, diese Erfahrung. „Eine enorm große Rolle spielt der Raum, er ist integraler Bestandteil einer Aufführung. Wie die Akustik beflügelt, wie sie letztlich den Klang formt, ist verbal schwer zu fassen“, meint der Maestro. Die Zuhörer spüren jedoch die Klangfülle, die sie wie gebannt aufnehmen. Mit ihrer wunderbaren Akustik verträgt die Konzertkirche in Neubrandenburg ein großes Orchester, dessen Spiel von zwei Seiten her zu hören, zu sehen und in jedem Augenblick ganzheitlich zu erleben ist. Auf der Orgelempore direkt hinter der großen Pauke überträgt sich die Resonanz der Musik geradewegs körperlich auf die Besucherin und vibriert bis in die Haarspitzen. Ein derartiges musikalisches Glücksgefühl ermöglicht die Marienkirche schon seit Beginn der 2000er Jahre – damals wurde sie durch den finnischen Architekten Pekka Salminen in eine Konzertkirche umgebaut. Den modernen, akustisch bemerkenswerten Konzertsaal hat er in die gotische Backsteinhülle integriert und dafür 2003 unter anderem auch den Deutschen Architekturpreis Beton erhalten. Glas, Sichtbeton, Stahl und Holz bilden seither eine bemerkenswerte Komposition mit dem historischen Bestand und bieten ein unverwechselbares Raum-Klang-Erlebnis, das sich nur im direkten Hier und Jetzt erschließt
    www.konzertkirche-nb.de

  • Ganz Ohr

    Über 40 Personen sitzen beengt vor gefüllten Bücherregalen in einem Verkaufsraum, manche ein Glas Wein in der Hand. Die engagierte Ueckermünder Friedrich-Wagner-Buchhandlung, die mehrmals schon den Deutschen Buchhandlungspreis als „Beste Buchhandlung“ gewinnen konnte, hat zur Lesung geladen und muss wegen des Andrangs Stühle aus den hinteren Büroräumen herbeischaffen. Judith Schalansky, die bekannte Autorin aus Greifswald, liest aus ihrem neuen Werk „Verzeichnis einiger Verluste“. Die Vorbemerkung in dem von ihr selbst gestalteten Buch hat mich aufmerken lassen. Die Autorin beschreibt, natürlich in subjektiver Auswahl, was in der Zeit, in der sie an ihrem Buch gearbeitet hat, unwiederbringlich in dieser Welt verloren ging, aber auch neu entdeckt worden ist. Das Jetzt, so scheint es, unterliegt einem dynamischen Prozess, nichts ist gewiss, alles kann augenblicklich anders und verloren sein, verschwinden, zerstört oder neu erkannt und wahrgenommen werden.
    Ich bin gespannt, kenne die Bücher der bemerkenswerten Schriftstellerin bereits und möchte nun einige der eindrücklichen Geschichten aus ihrem neuesten Werk direkt aus ihrem Munde hören. Intelligent stelle ich sie mir vor, wissbegierig, präzise im Ausdruck und bedeutungsvoll. Kindern ist der Gedankenaustausch mit dem Vorlesenden wichtig. Bei einer öffentlichen Lesung spielt sicher auch eine Portion Neugier eine Rolle, vielleicht bewundernde Wertschätzung? Wie liest Judith Schalansky ihre tiefgründigen Geschichten? Glaubhaft? Geht sie auf Fragen ein? Gibt sie etwas von sich preis? Ja, der direkte Kontakt zum Publikum scheint die selbstsichere Lehrerstochter nicht zu schrecken; die Einblicke in ihren Schaffensprozess bringt sie mir näher. Wir erfahren etwas über die Entstehung der einzelnen Geschichten. Manche hat sie in kurzer Zeit geschrieben, für andere hat sie ein Jahr lang in der Bibliothek recherchiert. Sie liest „Kaspischer Tiger“, eine Geschichte, so intensiv, dass ich fast an der Menschheit verzweifeln möchte, und „Der Knabe in Blau“, eine Geschichte über Greta Garbo, für die die Autorin eigens die Sprache der 50er Jahre rekapituliert hat; wobei dieser Sprachduktus den älteren Semestern im Publikum nicht weiter aufgefallen ist. Eindrücklich beschreibt sie einen Spaziergang im Greifswalder Rycktal. Nach dieser Naturbeobachtung wird klar, warum Judith Schalansky auch Herausgeberin der Buchreihe Naturkunden ist. Fernreisen braucht es nach dieser eindringlichen Beobachtung vor der eigenen Haustüre nicht mehr. Das Beeindruckende ist jetzt und unmittelbar verfügbar, man muss es nur erfassen. Nach der Lesung werden die neu gekauften Bücher nach vorne getragen. Schalansky signiert nicht. Sie stempelt. Schade, dass ich mein Buch nicht von zuhause mitgebracht habe, nach diesem Abend hätte ich es doch ganz gern von ihr markieren lassen.

Die Einführung der Compact Disc Anfang der 1980er Jahre bot, eine gute Anlage vorausgesetzt, die Gelegenheit, Musik in konzertreifer Hörqualität bis ins private Wohnzimmer zu holen. Die Qualität vieler klassischer Konzertaufnahmen, der rasante Zuwachs an anspruchsvollen Hör-CDs seit jener Zeit scheint Beleg für ein starkes Interesse an hörbarer Kultur für den Hausgebrauch zu sein. Die eigene Erfahrung zeigt, dass die Konzentration auf Inhalte medial vermittelter Kultur von vielerlei Faktoren eingeschränkt wird. Da kommt mitten im Rondo ein Anruf, da kann zwischendurch ein Bier geholt, da muss kurz gelüftet oder die Heizung reguliert werden. Per Fernbedienung lässt sich der musikalische Genuss problemlos unterbrechen, man kann jederzeit von neuem starten oder vermeintlich langweilige Passagen überspringen. Wer sich dagegen vor Ort im Konzertsaal, im Theater oder in einer Buchhandlung eine Aufführung oder Lesung gönnt, teilt nicht nur die gemeinsame Erfahrung und die daraus resultierende spezielle Stimmung mit vielen anderen. Persönlich wird der Einzelne auch durch die äußeren Umstände, etwa einen besonderen Raum oder eine anregende Atmosphäre, dazu angehalten, sich ganz auf das akustische Ereignis einzulassen

Susanne Ehrlinger
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