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Ausgabe 02/19

Im Jetzt leben

Gespräch mit dem Soziologen Hartmut Rosa

Hartmut Rosa ist seit 2011 Sprecher der Kollegforschungsgruppe „Landnahme, Beschleunigung, Aktivierung. (De-)Stabilisierung moderner Wachstumsgesellschaften“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). 2018 erhielt er den Paul-Watzlawick-Ehrenring sowie den Erich-Fromm-Preis. context sprach mit ihm über das Leben in bewegten Zeiten.

context: Was bedeutet es für Sie, im Jetzt zu leben?

Hartmut Rosa: Im Jetzt zu leben bedeutet für mich, bereit und offen zu sein, sich anrufen beziehungsweise ergreifen zu lassen von dem, was mir begegnet: von dem Menschen, der mir gegenüber steht, oder dem Vogel, der singt, oder dem Bild, das dort an der Wand hängt. Es bedeutet also, nicht gefangen zu sein in den Gedanken an das Vergangene oder der Hoffnung auf die Zukunft und auch nicht gefangen zu sein im Hamsterrad des zu Erledigenden, weil uns das taub macht für all das, was uns erreichen und berühren will. Leider aber gelingt es mir natürlich auch nicht immer, auf diese Weise im Jetzt zu sein. Wenn wir uns nicht mehr anrufen lassen, verlieren wir alle Lebendigkeit, dann häufen wir nur noch tote Potenzen an, in der Hoffnung, diese Möglichkeiten irgendwann in der Zukunft nutzen zu können.

c:  In den letzten Jahren hat die Sorge, dass die Momente der Verbundenheit immer seltener werden und sich dadurch die Lebensqualität stark mindert oder dies im schlimmsten Fall sogar zu psychischen Krankheiten führen kann, zugenommen. Eine Ursache dafür sehen viele Menschen im Erstarken moderner Kommunikationsmittel. Etwa, wenn man eigentlich gerade einen wunderschönen Sonnenuntergang beobachtet, aber dabei das Handy nicht aus der Hand legen kann...

HR: Man ist nicht mehr da, wo man eigentlich ist. Die physische und die geistige Präsenz gehen auseinander. Das gefühlte Jetzt, mit dem man es zu tun hat, wird ortlos. Wir können die ganze Zeit hier zusammen sitzen, aber durch das Smartphone bin ich geistig vielleicht bei einem Fußballspiel oder irgendwo anders. Durch die technischen Möglichkeiten ist das schon eine Neuentwicklung, die die Situationswahrnehmung stark einschränkt.

Resonanz

Gegen die fortschreitende Entfremdung zwischen Mensch und Welt setzt Hartmut Rosa die „Resonanz“, und meint damit eine unberechenbare Beziehung mit einer nicht verfügbaren Welt. Zu Resonanz kann es durch „Berührung“ und „Anrufung“ kommen, etwa, wenn uns etwas Irritierendes ergreift oder innerlich bewegt und wir uns darauf einlassen. Die „Berührung“ kann dazu führen, dass wir uns in unserem Verhältnis zur Welt verändern, indem wir neugierig und aufmerksam werden, wach bleiben und nicht verstummen. Diesem Ereignis wohnt stets auch ein Moment des „Unverfügbaren“ inne. Selbst wenn alle Voraussetzungen gegeben sind, kann eine Resonanzerfahrung ausbleiben – sie lässt sich nicht planen oder vorhersagen.
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„Die Problematik der ständigen Verfügbarkeit wird gern unterschätzt.“

Hartmut Rosa

c:  Wenn wir uns doch aber im Klaren über die Konsequenzen sind und vermehrt die negativen Auswirkungen unbegrenzter Erreichbarkeit vor Augen geführt bekommen, was bewegt uns dazu, genau konträr dazu zu handeln?

HR: Wir wollen die Gesellschaft, die Kultur und viele weitere Dinge verfügbar haben. Computer, Internet und insbesondere die Smartphone-Technologie haben dafür gesorgt, dass alles nur noch einen „Klick“ weit weg ist. Alles, was es zu wissen gibt, ist einen Klick weit weg, aber auch alle Freunde und Verwandte können über einen Klick erreicht werden und es gibt eine Art gefühlter Kopräsenz. Die räumliche Distanz ist keine soziale oder gefühlte Distanz. Und die bekannte Folge ist eine Fragmentierung des Bewusstseins. Also genau genommen lebt jeder von uns zwischen den verschiedenen „Jetzten“. Wir unterhalten uns jetzt gerade, aber wir sind jetzt vielleicht auch gleichzeitig in einem Chat mit Freunden, die alle irgendwie offen und auch da sind. Und nun kann man darüber spekulieren, ob das die Intensität des Moments reduziert. Wir werden dadurch erlebnisreicher, aber erfahrungsärmer. Der Unterschied ist, dass Erlebnisse Sachen sind, die uns stark beschäftigen, aber nicht wirklich in unser Gedächtnis eingehen oder sogar unsere Identität prägen. Eine Erfahrung hingegen ist eine Begegnung oder ein Erlebnis, das uns irgendwie verändert, Einfluss auf uns hat. Anschließend brauchen wir dann auch kein Souvenir, um uns daran zu erinnern.

c: Oder kein Foto?

HR: Das ist wirklich ein interessantes Phänomen. Sobald man etwas Schönes sieht, will man ein Foto machen, will es dingbar machen, verfügbar, damit man es später noch angucken kann. Aber schon die Suche nach dem richtigen Bild zieht eine Distanz zu dem Geschehen, die eigentlich die Resonanzqualität untergräbt. Der eigentliche Kern des Lebens ist es aber doch, Resonanzbeziehungen herzustellen. Eine intensive Begegnung mit einer Sache sozusagen, die mir letzten Endes aber nicht verfügbar bleibt, die ich nicht vollständig beherrschen kann.

c: Auch an den sozialen Medien lässt sich kritisieren, dass sie es erschweren, wirkliche Resonanzmomente zu ermöglichen. Wie würden Sie diesen Zusammenhang bewerten?

HR: Soziale Medien sind eine Suche nach Resonanz. Wir wollen uns als selbstwirksam, sprich, verbunden mit der Welt erfahren. Sobald es in der Hose vibriert, ist das, als ob die Welt den Kontakt zu mir sucht. Da denkt einer an mich, da ruft mich einer an. Eigentlich behaupte ich immer, der Drangmoment für Resonanz ist eine Anrufung, also eine gewisse Ergriffenheit. Aber eigentlich meine ich damit Musik, einen religiösen Gedanken, eine wunderschöne Landschaft, die mich anruft und nicht: Jemand, also eine Person, ruft mich an. Das ist etwas anderes, aber trotzdem auch eine Art Verbundenheit mit der Welt, auf die wir antworten wollen. Diese Art der Selbstwirksamkeit hat alle Resonanzmomente: Etwas berührt mich, ich antworte darauf und verwandle mich auch irgendwie. Aber offensichtlich befriedigt uns das nicht richtig, weil diese Selbstwirksamkeit ständig verfügbar ist, etwas Additives hat. Sie muss darum immer schneller geschehen, der Vorgang unterliegt der Steigerungslogik: mehr ist besser. Und sobald man nicht mehr online ist, rutscht man wieder zurück auf den Ausgangspunkt.

c:  Lässt sich dies vielleicht mit einem Besuch in Freizeitparks vergleichen? Wenn ich die Achterbahn dauerhaft ohne Anstehen fahren kann, verliere ich schon nach kurzer Zeit den Spaß daran, wenn ich aber vor jeder Fahrt warten muss, ist auch noch die fünfte Fahrt am Tag ein Ereignis.

HR: An diesem Beispiel kann man sehr gut erkennen, dass etwas, wenn wir es dauerhaft verfügbar haben, den Reiz verliert. Eine Tragödie des Lebens: Lass es uns möglichst unerreichbar machen, damit es interessant bleibt. Die Achterbahn hat nur noch Donnerstagmorgens offen.

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Hartmut Rosa, Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena

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c: Kann man auch Gegentendenzen zum allgemeinen Trend der Dauerverfügbarkeit und der damit verbundenen Reizüberflutung feststellen?

HR: Im Privaten lassen sich da schon Bewegungen beobachten. Gesamtgesellschaftlich ist es schwierig: Denn zum einen will jeder selber entscheiden können, wie er mit den Möglichkeiten der neuen Technologie umgeht, und zum anderen gibt es ja durchaus auch viele Vorteile, wenn einem mehrere Optionen offenstehen. Nehmen wir etwa den Vorschlag eines „No-email-Friday“, der Angestellte in Unternehmen entlasten soll. Wieso soll mir jemand vorschreiben dürfen, dass ich freitags nicht schreiben darf? Bei solchen Regulierungsversuchen gibt es Riesenwiderstände aufgrund unserer liberalen Freiheitsvorstellung. Die Problematik der ständigen Verfügbarkeit wird aber gern unterschätzt. Mein Lieblingsbeispiel ist hierbei Weihnachten. Wenn jeder Weihnachten an dem Tag feiern würde, an dem er dazu Lust hat, würde es den Charakter vom „kollektiven Anderssein“ von Weihnachten zerstören. Das gleiche gilt für den Sonntag. Man könnte ja sagen, jeder soll dann freimachen dürfen, wann es ihm passt, was ja tatsächlich einige fordern. Aber es ist komplett anders. Wenn man durch die Stadt geht und alle Geschäfte geschlossen haben, sind Shoppen und Arbeiten keine Option. Das ändert die Art und Weise, wie man Dinge wa0hrnimmt und anderen Menschen begegnet.

c: Wie eben angesprochen findet die Gegenbewegung bisher eher im privaten Bereich statt. Welche Maßnahmen gibt es da? Was machst du, um dich wieder richtig auf das Jetzt einlassen zu können?

HR: Ich persönlich lasse mich nicht mehr von E-Mails unter Druck setzen. In meinem E-Mail-Account schlummert ganz viel, was ich noch nie gesehen habe. Wenn ich ein Buch schreiben will, dann gehe ich da auch zwei Wochen nicht rein, egal, was drin ist. Die Leute, mit denen ich wirklich viel zu tun habe, wissen dann, dass sie mich nur über Instant-Messaging oder SMS erreichen können. Andere machen ab 18 Uhr das Handy aus, gehen auf Wochenend-Retreats oder besuchen Yoga-Kurse. Diese Gegenmaßnahmen lassen sich in den Alltag integrieren. Radikalere Varianten sind dann zum Beispiel Pilgerreisen oder etwa eine Alpenüberquerung. Dabei kann sich das komplette In-der-Welt-sein ändern. Ich bezeichne es als künstliche Weltreichweiten-Verkleinerung. Du kannst dann zum Beispiel nur etwa zehn Kilometer am Tag gehen und viele Möglichkeiten fallen weg, da es nur diese kleine Welt gibt. Da scheint sich die Zeit plötzlich zu dehnen, während eine stressige Woche wie im Flug vorbei gehen kann.

Das Gespräch führte Henric Meinhardt
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