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Ausgabe 02/19

Einen Augenblick bitte!

Ganz entspannt im Hier und Jetzt

Zwischen der Vergangenheit und der Zukunft liegt die Gegenwart als einzige Zeit, die bewusst erlebbar ist. Die meisten lassen das „Jetzt“ jedoch als Phase des flüchtigen Übergangs verstreichen. Wer nicht nur mit Wehmut auf Verlorenes oder auf ein ungewisses Morgen blicken mag, muss einen Augenblick verharren und sich bewusst dem Hier und Jetzt hingeben.

Manchmal setzen ein freudiges Ereignis, ein Schicksalsschlag oder eine getroffene Entscheidung im unaufhörlichen Verlauf der Zeit für einen Augenblick eine spürbare Zäsur. Einen Coup de foudre, einen Blitzschlag, nennen es die Franzosen, wenn sich eine Liebe auf den ersten Blick entfaltet und die unerwartet Glücklichen für einen Moment den Atem anhalten und ewig in der Gegenwart verharren wollen. „Mein Atem heißt / jetzt“ lauten die letzten beiden Verszeilen eines Gedichts von Rose Ausländer (1901 – 1988), die damit vielleicht weniger die Liebe als das nackte Überleben im Sinn hatte. Die in der Bukowina geborene Dichterin, die den Holocaust in ihrer Geburtsstadt Czernowitz überlebte und – anders als es Adorno nach dem Krieg formulierte – auch nach Auschwitz daran glaubte, dass Schreiben noch möglich sei, hat in einem weiteren Gedicht, „Perspektiven der Zeit“ , den Stellenwert beschrieben, den sie Jahren, Wochen, Monaten und Tagen beigemessen hat. In der letzten Strophe drückt sie die Bedeutsamkeit des Augenblicks so aus:

Nur der Moment

ist ewig

Er brennt

unausgesetzt

im Augenblick des Jetzt

dem Gott der Gegenwart

Als eine dem Jetzt verbundene Sentenz ist „Carpe diem“ als „Nutze den Tag“ in den deutschen Sprachgebrauch eingeflossen. Sie stammt aus einer Ode des antiken römischen Dichters Horaz und meint die bewusste Hinwendung zur Gegenwart. Augenblicklich, akut, derzeit, eben, flugs, geradewegs, gegenwärtig, just, kurzerhand, momentan, nun, postwendend, soeben und sofort sind ebenfalls Begriffe, die mit „jetzt“ assoziiert werden. „Jetzt“ kann zunächst ganz neutral als Zeitangabe zwischen Vergangenem und Künftigem stehen. Mit einer gewissen Betonung kann es als Adverb aber auch Verärgerung spürbar werden lassen. „Was ist denn jetzt schon wieder los?“ ist nicht selten mit einer Schuldzuweisung verbunden. Als Antwort auf die Frage: „Wann?“ oder verbunden mit fordernden Handlungsanweisungen kann das kleine Wörtchen „jetzt“ das Gegenüber mächtig unter Druck setzen. An der Aufforderung, dass etwas explizit „jetzt“ und damit sofort geschehen oder postwendend entschieden werden soll, zeigt sich, welcher Akteur das Sagen hat. Nur Feuerwehrleute, Rettungsdienste oder Notfallärzte müssen von Berufs wegen jederzeit gefeit sein, dass es „jetzt“ losgehen kann. Sie müssen im Notfall immer ad hoc reagieren, um ihrem Auftrag für die Gemeinschaft gerecht zu werden.

Bei eigenen Entscheidungen, die dem Leben eine andere Wendung geben könnten, fällt ein klares „jetzt“ oft schwer. Wann den Job wechseln, wann ein Kind bekommen, wann die Beziehung beenden, wann das eigene Verhalten ändern? Tatsächlich wird vieles auf die lange Bank geschoben, selbst im Wissen, dass sofortiges Handeln oder Unterlassen eigentlich sinnvoll wäre. Irgendwann, nur nicht jetzt Energie sparen, Plastik vermeiden, weniger konsumieren oder politisch aktiv werden. Derart zögerlich im Persönlichen, verkehrt sich die Anspruchshaltung nach außen hin in ihr Gegenteil. Ärgerlich, wenn eine E-Mail nicht gleich beantwortet wird. Kaum mehr vorstellbar, dass vor nicht allzu langer Zeit noch Postweg und Bearbeitungszeit berücksichtigt werden mussten. In einer saturierten Gesellschaft, in der in der Regel alles sofort verfügbar ist, möchte der Online-Käufer die Waren am liebsten am gleichen Tag, besser sofort verfügbar haben. Der Kunde möchte nicht mehr so lange auf sein neues Gerät warten. Neue Lösungsansätze, um Prozessgeschwindigkeiten zu erhöhen, sind längst angedacht, bald kommt das Paket per Drohne ins Haus. Sogar der Spezialbeton für den Neubau sollte möglichst ad hoc lieferbar sein, nicht zu verwechseln mit just in time, also termingerecht zum exakt richtigen Zeitpunkt nach vorheriger Planung.

Dass alles jetzt und augenblicklich zu geschehen habe, ist meilenweit entfernt vom Carpe Diem, vom ganz entspannten Hier und Jetzt, oder dem bewussten Erleben. Das Beharren auf dem „jetzt sofort“, das die Befriedigung des Warenkonsums und eigener spontaner Wünsche im Blick hat, erinnert eher an einen trotzigen Dreijährigen, der noch Frustrationstoleranz zu lernen hat. Dagegen zielen gegenläufige gesellschaftliche und vor allem auch spirituelle Bewegungen, wie sie zu allen Zeiten postuliert worden sind, auf den Menschen, der mit sich und der Welt im Einklang ist. Wie weit sich der Einzelne auf einen solchen Weg einlässt, hängt von vielen persönlichen Faktoren ab. Der in Kanada lebende Eckhart Tolle hatte vor etlichen Jahrzehnten ein Erweckungserlebnis und schrieb aus dieser Erfahrung heraus sein Debüt: „Jetzt! Die Kraft der Gegenwart. Ein Leitfaden zum spirituellen Erwachen.“

Jetzt! Die Kraft der Gegenwart.


Ein Leitfaden zum spirituellen Erwachen.
Autor: Eckhart Tolle
Verlag: Kamphausen, Bielefeld 2010 | 11. Auflage 2018
ISBN 978-3-89901-301-6

„Was Du heute kannst besorgen, das vertage nicht auf morgen.“ Volksmund

Prokrastination

Was umgangssprachlich als Aufschieberitis bezeichnet wird, geht bei Menschen, die selbstgesteuert arbeiten müssen, oft mit Stress, Depression und Erschöpfung einher. Prokrastination kommt aus dem Lateinischen: Procrastinare – vertagen – setzt sich zusammen aus pro („für“) und crastinum („Morgen“), meint also konkret, eine Sache nicht jetzt zu erledigen, sondern sie erst einmal auf Morgen zu verschieben. Wissenschaftler haben unlängst im Rahmen des Forschungsschwerpunkts Medienkonvergenz der Johannes Gutenberg-Universität Mainz die Verbreitung und Risikomerkmale für Prokrastination in der deutschen Bevölkerung untersucht. Betroffen sind oft junge Menschen in Studium oder Schule, die mit Selbstorganisation und -disziplin nicht zurechtkommen und sich von Vielerlei ablenken lassen. Offenbar gebe dagegen ein gesichertes Beschäftigungsverhältnis eine feste Struktur und Orientierung, so die Wissenschaftler. Die Studie birgt darüber hinaus ein weiteres Erkenntnispotenzial. Künftige Auswertungen der Studie könnten Aufschluss geben, inwieweit sich das allseits präsente Online-Angebot via Computer und Smartphone auf Prokrastination auswirkt. Interessant wäre auch, zu erfahren, wie und ob das Phänomen beim Arbeiten im Home-Office verstärkt auftritt.

Alles und zwar sofort!

Präkrastination

Schön, wenn jemand alles schnurstracks erledigen kann und nichts auf die lange Bank schiebt. Doch auch hier gibt es Menschen, die zu befremdlichem Übertreiben neigen und mit dem Drang, alle Aufgaben unmittelbar und nicht erst morgen zu schultern, sich und ihre Mitmenschen belasten. Sogenannte Präkrastinasten wollen zwanghaft alles sofort angehen oder erledigt wissen. Damit riskieren sie allerdings auch, vorschnell oder unüberlegt zu handeln, und nicht tiefgründig genug über die Aufgabenstellung nachzudenken. Das verhindert eine kreative, teils spielerische und innovative Herangehensweise an ein Problem und setzt, etwa bei Teamarbeit, die Mitstreiter unter Druck. Auch neigen diese Vorschnellen dazu, im steten Abarbeiten die Familie und Freunde zu vernachlässigen. Der Wirtschaftspsychologe Dr. Franz J. Schaudy hat in seinem wissenschaftlichen Aufsatz: „Prokrastination – Präkrastination. Eine unheilige Allianz“ auch dieses Phänomen trefflich zusammengefasst. In der Tat neigen viele Menschen dazu, Dinge unmittelbar anzugehen, ohne darüber nachzudenken, ob dieses Vorgehen auch am effizientesten zum gewünschten Ziel führt.

„Jetzt sind die guten alten Jahre, nach denen wir uns in zehn Jahren zurücksehnen.“

Peter Ustinov

Seitdem gilt der Bestsellerautor mit Millionenauflage international als erfolgreicher spiritueller Lehrer, der selbst die Essener Grugahalle für seine Botschaften füllen kann. Was für die einen simples Küchenlatein ist, nehmen andere als Weg zur Erleuchtung. „Stelle das Jetzt ins Zentrum deines Lebens“, lautet sein Mantra, das Erfahrungen aus der Vergangenheit und Verantwortung für die Zukunft weitgehend ausblendet und das den Autor selbst glücklich – und wohl auch reich – gemacht hat.

Susanne Ehrlinger

Musikalisches Gespür für das Jetzt

„Flamenco und Jazz sind Brüder“, sagt Pianist Daniel García, eine der aktuell wohl aufregendsten Stimmen der neuen Generation des spanischen Jazz. „Beide haben sie ähnliche Wesensmerkmale: Selbstausdruck, völlige Hingabe im Moment des Musizierens sowie das tiefe Erleben im Augenblick.“ So stimmt das Musiklabel ACT auf die neue CD „Travesuras“, auf Deutsch so viel wie Unfug, ein: „García taucht tief in die Musik seiner Heimat Spanien ein und verbindet diese Einflüsse mit dem Vokabular des modernen Jazz-Pianotrios.“
https://www.actmusic.com/Kuenstler/Daniel-Garcia/Travesuras/Travesuras-CD
Pressefotos: https://www.actmusic.com/Kuenstler/Daniel-Garcia/(presse)/52475

„Genaugenommen leben sehr wenige Menschen in der Gegenwart, die meisten bereiten sich gerade vor, demnächst zu leben.“

Jonathan Swift
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