Diese Webseite erhebt Nutzungsdaten mittels Cookies. Weitere Informationen zu Ihrem Widerspruchsrecht und darüber, wie Sie das Speichern von Cookies verhindern können, finden Sie hier. context-Magazin_Icons_CHECKBOX-AUS_45x45-weisscontext-Magazin_Icons_CHECKBOX-EIN_45x45-gruen

Foto

Fotolia/©nikkytok

Ausgabe 2/2018Thema: Faszination

Mit allen Sinnen

Faszination Leben

Was manche fasziniert, ist für andere belanglos. Ob etwas zum Faszinosum wird, hängt von vielen Faktoren ab. Eine starke Anziehungskraft, die äußerstes Interesse auslöst, entspringt meist individuellen Erfahrungen, speziellen Vorlieben und tausendfältigen Interessenslagen.

Sie kann ein ganzes Leben andauern: Die Faszination für eine Landschaft, für die Weite der Steppe, das Flimmern der Wüstenhitze, die Gipfel der Achttausender oder die Unermesslichkeit des Firmaments. Oft fasziniert die Menschen dabei die Schönheit der Natur ebenso wie die Entdeckung unbekannter Sphären. Doch ob die Anziehungskraft so weit reicht, dass Patagonien, der Himalaja, Namibia oder die Wüste Gobi aus eigenem Antrieb auch durchwandert werden, hängt nicht zuletzt vom Geldbeutel sowie von der Zeit und Kraft ab, die zur Verfügung stehen. Der Extrembergsteiger und Abenteurer Reinhold Messner hat im fortgeschrittenen Alter die Faszination, die die Bergwelt auf ihn ausübt, in einem gigantischen Museumsprojekt konzentriert. An sechs phänomenalen Standorten lässt er nun andere an seiner konzentrierten Erfahrung und der beispielhaft versammelten Erlebniswelt teilhaben, sei es in moderner oder historischer Architektur – immer vor erhabener Bergkulisse. Manche halten diese Sammlung in mittlerweile sechs Museen für ein geniales Geschäftsmodell, tatsächlich ist die Begeisterung der staunenden Besucher vor Ort enorm. Eine andere Art Faszination, noch unvermittelter, aber sozusagen aus zweiter Hand am Couchtisch, entfachen zahlreiche Fernsehproduktionen, wie unlängst „Der blaue Planet“, eine Koproduktion von WDR und BBC. Die Sendereihe führte den Betrachter im Schnelldurchlauf auf 125 Expeditionen und Reisen in 39 ferne Länder. Aus allen Ozeanen zeigte sie aus 6.000 Stunden Tauchgang derart komprimierte fantastische Unterwasserwelten, wie sie vermutlich kein Normalsterblicher je in Gänze zu Gesicht bekommen würde.

„Die großartigsten Ideen sind diejenigen, die zu jeder Zeit aktuelle Faszination ausüben.“

© Gjergj Perluca (*1944), emer. Prof. für Physik und freier Journalist aus Shkoder, Albanien

Es gibt tatsächlich Menschen, die – vielleicht angezogen von solchen Bildern – die Faszination der Fremde durch eigene Anschauung authentisch erleben wollen. Da ist der erfolgreiche Banker, der Job und altes Leben aufgibt, um auf einer weltumfassenden Wanderschaft Länder und Leute mit anderen Augen zu sehen, der Student, der mit einem Fahrrad genau ein Jahr lang die Welt umradelt, die Familie, die mit Kind und Kegel die Welt umsegelt, nicht zuletzt auch die ehemalige Unternehmerin und Ralleyfahrerin, die sich mit knapp 80 Jahren einen Lebenstraum erfüllt und mit einem Oldtimer, dem Hudson „Great Eight“, Baujahr 1930, den gesamten Erdball umtourt. In einer Mischung aus Anerkennung und Staunen werden ihre Abenteuer in der Presse oder auf eigens eingerichteten Blogs verfolgt. Faszinierend daran ist vor allem, dass diese Menschen quasi stellvertretend für einen selbst die Dinge in die Hand nehmen, die sie seit langem umtreiben. Nicht das Aufregende der Welt oder das Reisen an sich fasziniert, vielmehr, dass diese selbst ernannten Globetrotter den Mut aufbringen, die Sicherheit der gewohnten Abläufe zu verlassen und sich auf mehr oder weniger Unbekanntes einzulassen.

Foto

Fotolia/©nikkytok

Foto

Fotolia/©nikkytok

Foto

Fotolia/©nikkytok

Foto

Fotolia/©nikkytok

Doch was den Einzelnen fasziniert, ist dem anderen ein Graus. So kann auch die dunkle Seite der Macht oder des Menschen eine starke Anziehungskraft ausüben, im besten Falle befriedigt durch eine rege Kriminallektüre, die die Faszination für das Böse in gesittete Bahnen lenkt. Weil individuell so verschieden, ist der Begriff Faszination also schwer zu fassen. Faszination Technik, Faszination Musik, Faszination Fliegen, Faszination Fußball, es gibt kaum ein intellektuelles, spielerisches, sportliches oder sinnliches Betätigungsfeld, kein bekanntes oder unbekanntes Fach- und Sachgebiet, das nicht Impuls für Faszination bieten könnte. Beneidenswert sind jene, die eine Leidenschaft für etwas entdeckt haben, das sie ein Leben lang gedanklich oder inhaltlich auf Trab hält. Das forciert die Beschäftigung mit einem Thema, lässt Menschen in Beruf und Freizeit zur Höchstform auflaufen oder treibt die Forschung voran. Nicht immer sind die Auslöser so klar wie bei der Künstlerin Kiki Smith. In jungen Jahren begeisterte sich die Grafikerin und Bildhauerin für den berühmten Wandteppich „Zyklus der Apokalypse“, einen mittelalterlichen Teppichzyklus, der auf 103 mal viereinhalb Metern im Schloss von Angers zu finden ist. Er stellt die Offenbarung des Johannes aus dem Neuen Testament dar – übertragen in Szenen, die den historischen, sozialen und politischen Hintergrund des Frankreichs im 14. Jahrhundert abbilden, ein Jahrhundert der politischen Umbrüche, geprägt von Naturkatastrophen, der Pest und dem Hundertjährigen Krieg. Fast 30 Jahre nach der Besichtigung des Werks in Frankreich setzte die amerikanische Künstlerin die Wirkung, die dieser Wandteppich auf sie hatte, in ihrer eigenen Arbeit um, und ließ ihrerseits künstlerische Jacquard-Tapisserien mit Motiven aus Mythologie, Natur und Religion fertigen. Ihre Wandbilder sind Teil einer Kunst, die sich in einem dynamischen Prozess entfaltet: einer Kunst, die sich auf komplexe Weise und in vielerlei Facetten mit der „conditio humana“ befasst, einem Kosmos, der sich ständig aus sich selbst heraus zu einem mitreißenden Œuvre erweitert. Das Faszinierende daran ist die geballte Kraft des künstlerischen Werks, unabhängig davon, ob dieses als schön empfunden wird. Jenseits der Kunst gibt es aber auch durchaus Eindeutiges, das auf uns Faszination ausüben kann, denn wer würde schon einen traumhaften Sternenhimmel oder einen Sonnenuntergang als interessant, anregend oder spannend bezeichnen. Zugegeben: Vieles, was uns im Innersten ergreift und fasziniert, ist einfach schön oder wird von uns als schön empfunden. Und damit schließt sich der Kreis: Susan Sontag hat es in einem ihrer fünf Essays mit Namen „Standpunkte beziehen“ so ausgedrückt: „Das Schöne erinnert uns auch an die Natur als solche – und weckt und vertieft unser Bewusstsein von den Ausmaßen und der Fülle der Wirklichkeit, die uns umgibt – der unbelebten, wie der pulsierenden“. So ist also das, was der Einzelne für sich als faszinierend, beeindruckend, mitreißend oder begeisternd empfindet, Teil einer komplexen Welt, die sich nur dem erschließt, der sich ganz auf sie einlässt. Susanne Ehrlinger

Links

www.messner-mountain-museum.it
www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/mit-dem-fahrrad-um-die-welt-102.html
www.redbull.com/ch-de/vagaboom-k%C3%BCndigt-bankjob-und-reist
www.3sat.de/mediathek/?obj=71538

Top

Dieser Inhalt ist schon bald verfügbar!

Zur Webseite zurückkehren