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© HeidelbergCement (Steffen Fuchs)

Ausgabe 2/2017

Die Kunst, sich selbst genug zu sein

Alltagsmenschen aus Beton

Die Künstlerin Christel Lechner gestaltet scheinbar unspektakuläre Alltagsmenschen. Dabei widersetzen sich die großen Skulpturen aus Beton dem Diktat von Selbstoptimierung und Jugendlichkeit. Jenseits aller Musealität spiegeln sie im öffentlichen Raum eine selbstbewusste Gelassenheit, die dem Zeitgeist einen kritischen Spiegel vorhält.

Sie stehen alleine oder in Gruppen, verharren andächtig oder sind in Bewegung. Große, liebevoll bemalte Figuren, lebensgroß bis überdimensioniert, die Opa Hans von gegenüber, Frau Müller von nebenan auf liebenswerte Weise darstellen könnten. Ältere Herren im Smoking stehen auf einem Museumsdach, biedere Nonnen in ihrer dunklen Tracht betrachten eine Kirche. Ein paar Schwimmerinnen, mollig und im welligen Badeanzug, mit Kappen bekleidet, sind geradewegs auf dem Weg ins Wasser. Nichts Ungewöhnliches, es sei denn, man wundert sich, dass die älteren Frauen Surfbretter unterm Arm tragen. Ein kleiner humorvoller Bruch im ansonsten braven Bild, das die großmütterliche Damengruppe bietet. Meist sind es Blitzeinfälle von Christel Lechner, die solche Installationen entstehen lassen. Kunst zum Anfassen – jenseits der musealen Inszenierung findet sie im öffentlichen Raum ein begeistertes Publikum. Ein demokratischer Ansatz: Kunst für alle, weg von der Hochkultur in Ausstellungshallen, hin zum Alltag der Menschen. In Fußgängerzonen oder Parkanlagen wecken die temporär aufgestellten Figuren große Aufmerksamkeit und bieten den Betrachtern Gelegenheit, sich einzureihen, sich gemeinsam mit den Gestalten knipsen zu lassen und darüber nachzusinnen, wer das Vorbild für die lebensechten Skulpturen gewesen sein könnte und woraus sie hergestellt sind.

Termine Ausstellung

Bingen am Rhein, Ausstellung „Nah und Fern“
Noch bis 8. Oktober 2017

Rheda-Wiedenbrück, Ausstellung „Alltagsmenschen“
Noch bis 17. September 2017

Braunschweig, Ausstellung „Alltagsmenschen“
Noch bis 9. Juli 2017

Mosbach, Ausstellung „Alltagsmenschen“
21. Juli bis in den Spätherbst

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Im Atelier erhalten die Figuren ihren lebendig wirkenden Anstrich.

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© HeidelbergCement (Steffen Fuchs).

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Sympahtische Figuren aus dem Leben gegriffen.

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© HeidelbergCement (Steffen Fuchs).

Weitere Informationen:

  • Kunst ist schön, macht aber Arbeit

    Jeweils für drei Monate verleiht die Künstlerin ihre Skulpturen und Skulpturengruppen an Städte und Gemeinden oder gibt sie zu Ausstellungen. Vor Ort sucht sie geeignete Standorte oder stellt die Installationen entsprechend zusammen. Die aufwendig gefertigten Figuren werden auch immer wieder von Kunstinteressierten für private Zwecke gekauft. Gleichwohl kann man vielen von ihnen an öffentlichen Orten begegnen, und gleichzeitig die Interaktion zwischen den realen Menschen und den stets sympathischen Alltagsmenschen beobachten. So trifft stapelweise Fanpost auf dem überraschend idyllisch gelegenen Lechnerhof bei Witten ein. Dem Wunsch nach einem Tag der offenen Tür oder Atelierbesuchen kann Christel Lechner aus Zeitgründen nur noch selten nachkommen. Zu aufwendig sind Vorbereitung und Durchführung eigener Veranstaltungen. Mit Kunsthistorikerin Dr. Manuela Borkenstein steht ihr längst eine Assistentin zur Seite, die Vermarktung und Abwicklung ihres Kunstbetriebs koordiniert. Auch ihre Tochter, Malerin und Meisterschülerin von Kunstprofessor Peter Doig an der Kunstakademie Düsseldorf, unterstützt zusammen mit weiteren Helferinnen die Arbeit im Team, etwa durch das sorgfältige Bemalen der Alltagsmenschen. Zwei langjährige Mitarbeiter helfen beim Bau der Unterkonstruktion der Figuren, dem Betonieren mit einem Spezialbeton und der Montage auf einer Stahlplatte. Auch der Transport der bis zu 150 Kilogramm schweren Einzelfiguren an die jeweiligen Ausstellungsorte wird mittels angemietetem 7,5-Tonner selbst organisiert und durchgeführt.

  • Ein Projekt ohne Ende

    So vielschichtig wie reale Menschen sind auch die Alltagsmenschen. Keine Skulptur gleicht der anderen. Sorgfältig angezogen, sprich bemalt, mit freundlichen Gesichtern, einnehmend und vertraut treten sie uns gegenüber. So ist auch die Idee zu einem Biografieprojekt entstanden, das Schüler und Schülerinnen ermuntert, sich mögliche Lebensgeschichten zu den einzelnen fiktiven Persönlichkeiten auszudenken. Das weckt ein Geschichtsbewusstsein, das auch im Alltag zum Tragen kommen kann und Neugierde weckt im Umgang mit der Familie oder den Mitmenschen. Für Christel Lechner war die Konzentration auf das Skulpturieren von Alltagsmenschen, die für sich eine Insel gefunden haben und ein Stück Zufriedenheit ausstrahlen, ein bewusster Akt, der sich nie vom Zeitgeist oder einem angesagten Kunsttrend hat leiten oder irritieren lassen. So birgt die scheinbare Naivität dieser Figuren eine Tiefe, die sich jedem Einzelnen auf individuelle Weise erschließen kann. Autor Wolfgang Zemter, der frühere, langjährige Leiter des Märkischen Museums in Witten, hat es so formuliert: „Mittlerweile sind sie in die heiligen Museumshallen eingezogen, besetzen die Innenstädte, bewohnen Parkflächen und Bürgersteige, erklimmen Dächer. Ob oben oder unten, bodenständig muten sie uns an. Weit weg von der Reklamerealität thematisieren sie die kleinen Eigenheiten der Menschen, bilden die leisen und unspektakulären Zwischentöne ab. Gerade deshalb sind sie andererseits auch überaus spektakulär.“

Seit fast dreißig Jahren hat sich die Keramikmeisterin Christel Lechner in ihrer Kunst gerade jenen Menschen verschrieben, die in scheinbarer Alltäglichkeit ihr Leben verbringen und keinem Ideal entsprechen. Menschen im Café oder Freibad, beim Einkaufen, am Bahnsteig, auf der Parkbank, im selbstvergessenen Spiel oder im alltäglichen Plausch miteinander. Nicht auffällig schön, eher durchschnittlich, sind sie wie du und ich, eben nur in Beton gegossen. „Ich hatte stets das Bild des Taubenzüchters aus dem Ruhrpott vor Augen, der mit sich im Einklang ist und nach getaner Arbeit mit der Bierflasche in der Hand in seinem Schrebergarten sitzt“, erläutert die Künstlerin. „Er verkörpert für mich ein Stück heile Welt.“ Seither hat sie weit über hundert Figuren gestaltet, die längst international präsentiert und immer wieder für temporäre Ausstellungen, etwa zu den Skulpturen-Triennalen nach Bingen oder Bad Ragaz in der Schweiz, angefragt werden. Vor einigen Jahren hat ein solventer Kunstsammler eine ganze Skulpturengesellschaft mit 80 Figuren angekauft und inzwischen der Burckhard-Kramer-Stiftung vermacht, mit der Auflage, diese Alltagsmenschen jedes Jahr für sechs Monate in der Stadt Rheda-Wiedenbrück zu platzieren. Das finanzielle Polster ermöglichte ihr in Folge, eine ganze Reihe von Alltagsmenschen nicht für den Verkauf herzustellen. In immer wieder neuen Arrangements und um Figuren ergänzt dienen sie als Basis für Aus- und Aufstellungen in der ganzen Republik und im europäischen Ausland.

„Gesichter, die eine Geschichte zu erzählen haben, sind viel spannender als ein perfekter Teint und eine makellose Haut.“

Christel Lechner

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Jeder Charakter erhält seinen spezifischen Standort.

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Ein Paar auf einem sommerlichen Ausflug.

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© Michael Schellhoff

Christel Lechner ist – so wie es die potenziellen Biografien ihrer Alltagsmenschen entgegen dem äußeren Anschein auch sein könnten – alles andere als bieder. Schon als junge Frau gründete die 1947 geborene Künstlerin zusammen mit ihrem Mann ein familiäres Mehrgenerationenprojekt, das sie nun mit ihrer Tochter und den Enkeln weiterführt. 40 Jahre lang hat sie in einer Band gesungen, lange Zeit bewohnte sie während der Sommermonate ein Hausboot in Amsterdam, das als kulturelle Kleinbühne diente. Das Töpfern von Kleinteiligem war der Keramikmeisterin bald zu banal, über den Bau großer Schalen kam sie zum Werkstoff Beton und fand 1988 ihr Lebensthema im Bau der großen Skulpturen.

Kann das Alltägliche Kunst sein, soll Kunst nicht Außergewöhnliches darstellen und außerdem kritisch sein? Fragen, die sich für Christel Lechner leicht beantworten lassen. Es geht ihr um Menschen, die Ausstrahlung haben, stolz und jenseits jedes Schönheitsideals selbstbewusst und mit sich und ihrem Inneren im Gleichklang sind. Allein das ist Kritik genug an einer Welt, die sich dem Diktat von Mode, Aussehen, Jugendlichkeitswahn unterworfen hat. Die Alltagsmenschen spiegeln, dass es auch anders geht. „Gesichter, die eine Geschichte zu erzählen haben, sind viel spannender als ein perfekter Teint und eine makellose Haut“, meint sie. „Die Alltagsmenschen sind aus mir herausgesprudelt. Und je älter ich werde, desto mehr nehmen sie Züge von mir an“.Susanne Ehrlinger

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