Ausgabe 2/2017

Aus dem Vollen schöpfen

Vom ganzheitlichen Leben des Franz Leinfelder

Präzise Vermessung und archaischer Ausdruck sind für Franz Leinfelder keine Gegensätze. Das umfassende Werk des Künstlers und Ingenieurs lebt aus dem Zusammenspiel der kontradiktorischen Kräfte.

Der Tag hat 24 Stunden: acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden Kunst“, antwortet Franz Leinfelder auf die Frage, wie sich der Alltag eines erfolgreichen Planers mit dem des Künstlers verbinden lasse. „Das verlangt Disziplin“. Doch mit Disziplin allein lässt sich die überbordende Fülle an Skulpturen, Collagen, großformatigen Bildern und Installationen für den öffentlichen Raum nicht erklären, die ihm in freien Stunden nach dem Tagesgeschäft gelingen. Sein Antrieb ist, und das gilt für Beruf wie Berufung, eine unbändige Leidenschaft für Material und Formgebung, ein Drang nach Struktur und Gestaltung. Ein nie versiegendes Verlangen nach schöpferischer Betätigung, dem originellen Umgang mit Farben, Werk- und Baustoffen, treibt den Menschen Leinfelder an.

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© HeidelbergCement (Steffen Fuchs).

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Das kreative und produktive Gen ist ihm schon in die Wiege gelegt. Sein Vater Franz Xaver, Spross eines bayerischen Guts- und Brauereibesitzers, besuchte in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Kunstakademie München und ließ sich gleichermaßen zum Landwirt ausbilden. Als Gutsverwalter in Emmerich am Niederrhein und später auf dem Bauernhof „Höfchen“ in Haan schuf der leidenschaftliche Künstler zeitlebens 3.000 Öl- und Temperabilder, die in Privatbesitz oder an öffentliche Einrichtungen gingen. Sohn Franz, Jahrgang 1941, malte im Atelier des Vaters erste Materialbilder, die dem romantischen Ansatz in den frühen 60er Jahren eine moderne, abstraktere Weltsicht gegenüberstellten.

„Mein Brotberuf gab mir die Freiheit, künstlerisch stets das zu tun, was ich wollte.“

Franz Leinfelder

Die körperliche Arbeit auf dem Hof und in der freien Natur weckte einen Schaffensdrang, der sich nicht allein im künstlerischen Elfenbeinturm bändigen ließ. Der Rat der Mutter, „werde Landvermesser, dann kannst Du zeichnen und immer im Freien sein“, führte zur Ausbildung als Vermessungsingenieur, die ab 1965 die Grundlage bildete für eine fünf Jahrzehnte währende Tätigkeit als öffentlich bestellter Vermessungsingenieur. Im Laufe seines Berufslebens wird er außerdem Gründer beziehungsweise Mitbegründer eines Ingenieurbüros für Tiefbautechnik, eines Stadtplanungsbüros sowie eines Unternehmens für Projektentwicklung, deren Leitung nun in den Händen seiner jüngeren Partner liegt.

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© HeidelbergCement (Steffen Fuchs).

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Was versteht man unter...

  • Kunst im Öffentlichen Raum

    Schweißen, Malen, Arrangieren und das Kombinieren ungewöhnlicher Materialien sind die Leidenschaften des Künstlers Franz Leinfelder. Der Blick fürs Wesentliche ist ihm gegeben, und das eigenverantwortliche Arbeiten lag ihm von Anfang an, was seinem ganzheitlichen Schaffen als Künstler und Ingenieur zugute kam: „Ein guter Vermessungsingenieur muss etwa bei komplexen Brückenbauwerken auch kreativ sein und sich etwas trauen, sonst kann er sich auch tot messen“, meint Ingenieur Leinfelder. Vielen Menschen in seiner Region begegnet eine Arbeit von Franz Leinfelder tagtäglich auf dem Weg zur Arbeit. Der Haans, eine vier bis fünf Meter hohe Stahlfigur, die manchen an das HB-Männchen, eine Werbe-Ikone der frühen 60er Jahre, erinnern mag, findet sich in mehreren Städten im öffentlichen Raum, etwa auf Verkehrsinseln oder in Parkanlagen. Über den Haans, die Figur, die eine Art Maskottchen seiner Heimatstadt geworden ist, ist Leinfelder in seiner Kunst längt hinausgewachsen. Er hat sich vom Grafisch-Figürlichen befreit, wenn auch vielen Objekten noch der Schalk und Humor innewohnt, von der schon die übergroße Gestalt, die einem Comic entsprungen scheint, zeugt. Längst haben große Ausstellungen, auch Retrospektiven – etwa im Kunstverein Langenfeld –, dem Künstler Franz Leinfelder Anerkennung gebracht, die dem Erfolg in seinem „Brotberuf“ nicht nachsteht.

  • Ingenieur und Künstler, ein ganzheitlicher Ansatz

    Wurde Ingenieur Franz Leinfelder in den Jahren seiner Berufstätigkeit als eigenständiger Künstler anerkannt? Andere Künstler, so Leinfelder, hätten keine Probleme mit seiner zweifachen Berufung gehabt. Es seien eher die Galeristen gewesen, die befürchteten, eine Berufstätigkeit würde den Ruf eines Künstlers mindern, und ihn – allerdings vergeblich – baten, mit seinem sonstigen Geschäftsleben hinterm Berg zu halten. Er selbst hatte mit der Dualität keine Probleme. Im Gegenteil. „Mein Brotberuf gab mir die Freiheit, künstlerisch stets das zu tun, was ich wollte“, so Leinfelder. „Ich musste mich nie dem Markt oder dem Geschäftsinteresse eines Galeristen beugen.“ Früh haben zwei in der Kunstwelt anerkannte Persönlichkeiten das Potenzial des Künstlers Franz Leinfelder erkannt und sind ihm bis heute verbunden. Franz Joseph van der Grinten, gleichfalls Künstler, Sammler von Werken von Joseph Beuys und jahrelang Direktor des Beuys Archivs sowie Mitgründer der „Stiftung Museum Schloss Moyland“, beschrieb den Prozess der künstlerischen Arbeit in einem Text für ein Buch über Materialbilder Leinfelders einmal so: „Man könnte es, im besten, umfassendsten, ins Geistige übertragenen Sinne, Feldarbeit nennen. Da bietet sich denn, jenseits aller Trendbewegungen, der Begriff der Zeitlosigkeit an. Franz Leinfelders Bildwerke sind nicht erzählerisch, das Anekdotische ist so gut wie nie im Spiel. Sie sind einfach da, so wie sie und der Künstler sich in ihre jeweilige Ordnung gefunden haben und in dem Bewusstsein, dass Dasein sich bezeugt in überdauernder Anwesenheit.“ Im Aufsatz „Mit Formkraft und Leidenschaft“ äußert sich auch Professor Dr. Frank Günter Zehnder, bis 1996 Oberkustos im Wallraf-Richartz-Museum in Köln, bis 2004 Direktor des Rheinischen Landesmuseum Bonn und derzeit Direktor der Internationalen Kunstakademie Heimbach in der Eifel ist: „Die Werke dieses Künstlers ziehen die Blicke auf sich, konzentrieren sie zur genaueren Betrachtung , lassen die Betrachter nach den technischen Konditionen suchen und lassen sie damit sehr direkt an ihrem Gestaltungsprozess und an ihrer Erscheinung teil haben. Zu ihrem besonderen Reiz gehört es, dass sie trotz bekannter Materialien und oft auch der erkennbaren Technik etwas Geheimnisvolles bewahren. Insbesondere auch davon lebt seine Kunst.“

Sein umfangreiches Geschäftsleben hinderte ihn nicht daran, in den 70er Jahren Reisen nach West-afrika, Senegal, Elfenbeinküste, Togo, Obervolta und Gabun zu unternehmen: Seine Masken, Gesichter und Metallskulpturen aus gefundenen Objekten, die er nach dem Tagesgeschäft gestaltete, zeugen von archaischer Intensität. Neugierde und Interesse an anderen Kulturen führten ihn in den 80ern nach Spanien, Frankreich, Italien, Holland, Dänemark, Schweden und an die Westküste der USA. Es folgten Einladungen zu Ausstellungen nach Moskau, Kalifornien und Buenos Aires. Anfangs waren es Exkursionen, die künstlerische Inspiration boten, später war es auch die Präsentation des eigenen Werks, die ihn nach Übersee reisen ließ.


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© HeidelbergCement (Steffen Fuchs).

Zwei Leben in einem, so scheint es: Alltag im Büro, daneben die Arbeit in den Ateliers, die dem Drang nach meditativem Schaffen Raum geben. Mal hatte er sich auf seinem Grundstück in Haan in einer ausrangierten Wuppertaler Schwebebahn ein Studio eingerichtet, dann nutzte er eine alte Schreinerwerkstatt, um seine zweite Leidenschaft auszuleben. Seit 1998 entstehen seine Werke in seinem jüngsten Atelier in Langenfeld-Richrath. Ein Werkraum zum Schweißen, einer zum Malen, genügend Unterstellmöglichkeiten für „Objets trouvés“, die früher oder später wie ein Kunstwerk behandelt oder als Teile eines Kunstwerks in eine Skulptur oder ein Materialbild eingebunden werden. Wasserhähne, verrostete Schaufeln, alte Zinken, Treibholz, Waschbretter, antike Wäscheklammern, klinisch anmutende Nierenschalen, Kanister, Stofffetzen. Es gibt nichts, was nicht durch seine gestaltende Hand zu skulpturaler Größe oder zu landschaftlich anmutenden Reliefs arrangiert werden und damit eine ungeahnte Bedeutung erhalten könnte, die sich der Betrachter allerdings selbst erschließen muss.Susanne Ehrlinger

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