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Ausgabe 2/2017

Alle Tage wieder

Mit Freude den Alltag meistern

Sich stets wiederholende, gewohnheitsmäßige Abläufe bestimmen den Alltag in zivilisierten Gesellschaften. Doch Tage des Einen ähneln selten denen eines Anderen. Zu vielschichtig sind die Lebensentwürfe, Gewohnheiten und individuellen Eigenheiten jedes Einzelnen.

Es gibt Menschen, für die ist das Wort „Alltag“ zwangsläufig mit dem Wort „grau“ verbunden. Die Schreckensvision eines immer gleichen Ablaufs tut sich ihnen auf, verbunden mit der Vorstellung von Langeweile und fehlender Inspiration. Andere wiederum schöpfen aus einem geregelten Verlauf die nötige Ruhe und Routine, die sie für ihre vielfältigen Aktivitäten im Job, in der Freizeit und mit der Familie brauchen. In früheren Zeiten, so scheint es, war das Leben noch klarer strukturiert als heute. Genau definierte Aufgabenstellungen und eine traditionelle Rollenverteilung ordneten etwa der Landbevölkerung stets wiederkehrende Aufgaben zu, die oft den Jahreszeiten entsprachen. Aufstehen, Tiere versorgen, Feld bestellen, Reparaturen in Haus und Hof erledigen, Näh- und Flickarbeiten ausführen, Schlafen. Essen zu genau festgelegten Tageszeiten. Sonntags Kirchgang. Geburt und Festtage unterbrachen den Ablauf im Guten, Tod oder sonstige Schicksalsschläge brachten den immer gleichen Wochenverlauf im Negativen durcheinander. Begleitet wurde der stete Rhythmus von der Kirchenglocke, die am Morgen, zu Mittag und am Abend läutete. Erklang die Glocke außer der Reihe, drohte Brand oder, im schlimmsten Fall, kriegerische Verwüstung. Vermutlich war die beständige Rackerei in der Natur, die heute in Zeitschriften wie der Landliebe so romantisch daher kommt, kein bisschen selbstbestimmter als der Tagesablauf der Stadtbevölkerung zu jener Zeit. Der Alltag der Tagelöhner und ihrer Familien wurde von der Sorge um genügend Arbeit, einer oft eintönigen Plackerei und dem Tönen der Fabriksirenen geprägt. Heute bestimmt der Wecker den Takt.

Meist sieht der Alltag so aus: Aufstehen, Waschen, Frühstücken, Kinder in die Spur bringen, Fahrt zur Arbeit. Acht Stunden Berufstätigkeit, dann alles wieder retour. Ein bisschen Freizeit, wenn die Zeit reicht, obendrauf. Das ist der reguläre Ablauf an fünf Tagen der Woche, 250 Arbeitstagen im Jahr, abzüglich der Ferien. Bei einer Lebenserwartung von 75 Jahren kommen 18.750 Tage zusammen, ohne Sonn- und Feiertage gerechnet. Davon bringen 3.750 Ferientage (Kleinkind- und Rentnerzeit mit eingerechnet) Abwechslung ohne zeitlichen Stress, wenn man es schafft, diese Tage mit anderen Inhalten zu füllen als im Rest des Jahres. So summieren sich im Laufe eines Lebens etwa 15.000 Tage Alltag. Gleichförmiges Einerlei für die Einen, spannendes Erleben im Hier und Jetzt für die Anderen. Denn in Wahrheit ist das alltägliche Leben deutlich vielschichtiger als die Statistik uns glauben macht.

In der Regel sind die Arbeitsinhalte anspruchsvoller und interessanter als zu Zeiten unserer Urgroßeltern. Tatsächlich absolvieren schon Kindergarten- und Schulkinder einen straffen Alltag, der allerdings mit vielen Begegnungen, unterschiedlichsten Aktivitäten und Lehrinhalten immer wieder von Neuem gefüllt wird. Glücklich kann sich schätzen, wer einen Beruf ausübt, der spannend bleibt und einen immer wieder vor neue Herausforderungen stellt, deren Bewältigung ohne Zeitdruck und mit entsprechend positivem Feedback honoriert wird. Das erklärt vielleicht, warum sich so viele Menschen, neben oder nach ihrem Berufsleben, ehrenamtlich engagieren. Hier kann man sich nach eigenem Gutdünken für etwas einsetzen und bekommt im besten Falle auch zurückgespiegelt, dass das, was gemacht wird, hilft und andere unterstützt. Selbst routinemäßig ausgeführte Tätigkeiten, die im beruflichen Alltag gerne vermieden werden, können bei entsprechendem Feedback Freude bereiten. Die Essensausgabe bei einer Tafel kann deshalb mehr Spaß machen als der Job in einer Kantine. Das ist natürlich auch davon abhängig, ob eine Tätigkeit frei gewählt oder unter ökonomischem Zwang ausgeübt wird. Vielleicht ist es auch eine Frage der inneren Einstellung.

Alltagsarchitektur

Trends in der Architektur sagen viel über eine Gesellschaft aus. Doch meist sind es nicht die coolen Highlights, die spektakulären, meist teuren „Würfe“ renommierter Architekten, die unser Umfeld prägen und damit im Wechselspiel auch unsere Lebensgewohnheiten beeinflussen. Als gelungene Alltagsarchitektur wirken Gebäude aus der Nachbarschaft, die Wünschen und Anforderungen veränderter Lebensentwürfe entsprechen, Raum für neue Wohnformen, inspirierende Bildungseinrichtungen sowie kulturellen Ausdruck bieten und weiten Teilen der Bevölkerung zur Verfügung stehen.

Hier sind die Helden des Alltags zuhause

„Glauben, Wohnen, Arbeiten, Kochen, Lieben ... Alltag prägt uns Menschen und wir prägen ihn. Früher wie heute. Alltag ist geronnen in Einstellungen, in Tätigkeiten und in den Dingen“, heißt es auf der Website des Museums für Alltagskultur Schloss Waldenbuch, einer Außenstelle des Landesmuseums Württemberg und eines der bedeutendsten Volkskundemuseen im deutschsprachigen Raum. Die große Abteilung „Wohnwelten“ wurde Ende 2016 durch den Themenraum „Wohnstudio“ ergänzt. Es lädt zu einem kreativen und interaktiven Umgang mit dem Thema Wohnen ein und ermuntert dazu, sich auf spielerische Art und Weise ein Wohnzimmer einzurichten. Neben dem Ausstellungsbereich Wohnen erwarten die Besucher auf über 2.500 Quadratmetern weitere spannende Themenwelten – Arbeit, Werbung, Religion, Mode und Rituale. Weitere Informationen: www.museum-der-alltagskultur.de

Kunst des Zeichenlesens

„Mythen des Alltags“, ein 1957 erschienenes Buch des französischen Philosophen und Schriftstellers Roland Barthes, ist längst selbst zum Mythos geworden. Bis heute gilt Barthes als brillanter Interpret der Welt der Zeichen. Seine Untersuchungen über das Catchen, das Sehnsuchtspotenzial von Pommes frites oder etwa das Glücksversprechen von Waschmittelwerbung ermunterten Generationen von Lesern, das scheinbar Selbstverständliche kritisch zu hinterfragen und den Blick für mögliche Veränderungen zu schärfen. Er und andere Soziologen befassten sich ab den 60er Jahren mit der sogenannten Alltagskultur – unter anderem mit Kino, Fernsehen, Fahrrad- und Esskultur, Mode, Design, Werbung – und ihren Auswirkungen. Seit die Popkultur, ihrerseits eine zeitgenössische Alltagskultur, an Einfluss gewinnt, wird in der öffentlichen Wahrnehmung eine wertende Aufteilung in Alltags- und Hochkultur in Frage gestellt.
Mythen des Alltags, Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-46338-3

Auf das Leben bezogen bei einer Lebenserwartung von 80 Jahren

12 Jahre Reden

24 Jahre und 4 Monate Schlaf

8 Jahre Arbeit

12 Jahre Fernsehen

1 Jahr und 7 Monate Sport

5 Jahre Essen

Künstler, so meint man, könnten ihren Alltag ganz nach kreativem Gutdünken gestalten. Dabei unterscheidet sich der Ablauf des Alltags des Literaten Paul Auster kaum von jenem eines Buchhalters. Der inzwischen 70-jährige amerikanische Schriftsteller bringt in steter Folge alle zwei Jahre ein Buch heraus, das jüngste Großwerk „4 3 2 1“ umfasst 1.200 Seiten. Das gelingt ihm nur, weil er sich in seinem frei gewählten Alltag in konsequenter Regelmäßigkeit Tag um Tag an seinen Schreibtisch setzt. Seine Arbeitstage sind gleichförmig, was im Kopf geschieht, ist entscheidend. So lässt er seinen Protagonisten im jüngsten Werk parallel gleich vier Lebensentwürfe durchlaufen: „Ja, alles war möglich, und nur, weil etwas auf eine bestimmte Weise geschah, hieß das noch lange nicht, dass es nicht auf eine andere Weise geschehen könnte. Alles konnte anders sein.“ Sich dieses Potenzial im Alltag zu vergegenwärtigen, heißt, das eigene Leben in die Hand zu nehmen und immer wieder von Neuem die Möglichkeiten auszuloten, die es dem Einzelnen bietet.Susanne Ehrlinger

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