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Die Aussichtsplattform auf 232 Metern wird die höchste in Deutschland sein, schon während der Bauphase ist der Turm ein touristisches Highlight.

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Ausgabe 2/2016Thema: Herausforderung

Schwäbisches Mammutprojekt

Aufzugtestturm in Rottweil

Ein 246 Meter hoher Turm kann künftig das Schwingungsverhalten moderner Hochhäuser imitieren. Das von den Architekten Helmut Jahn und Werner Sobek entworfene Bauwerk dient der Erforschung und Zertifizierung von Aufzugsinnovationen.

Aufzugsforschungstürme mit einer Höhe von über 200 Metern gibt es bislang weltweit nur zwei; sie stehen in Japan und Südkorea. Im schwäbischen Rottweil baut nun die thyssenkrupp Elevator AG einen Testturm der Superlative. Er kann künftig das Schwingungsverhalten der höchsten Gebäude der Welt imitieren. In insgesamt zwölf verschiedenen Schächten werden Aufzüge mit Geschwindigkeiten von über 64 km/h, das heißt Fahrgeschwindigkeiten von bis zu 18 m/s, getestet. Von der Aussichtsplattform am süddeutschen Standort – mit der Lage auf 232 Metern der höchsten im deutschen Raum – hat die Öffentlichkeit nach der Fertigstellung einen Rundumblick bis zur schwäbischen Alb, bei günstigen Bedingungen bis in die Schweizer Alpen. Doch eigentlicher Zweck des schlanken Testturms ist seine Funktion als Testeinrichtung für Zukunftstechnologien, insbesondere der neuesten Aufzugsgeneration. Deren Fahrkabinen funktionieren ohne Seil, mit der Magnetschwebetechnologie aus dem Transrapid als Antrieb. Im Innern des schlanken Turms wurde auf 193 Metern Höhe ein riesiges Pendel mit einer Masse von 240 Tonnen installiert, das sich den wirbelerregten Querschwingungen des schlanken Turms als sogenannter Schwingungstilger entgegenstemmt. Mit dem neu installierten Schwingungstilgersystem“, so verlautet thyssenkrupp, „ist der im Bau befindliche Turm nun um eine weitere technische Finesse reicher.“ Denn mit dieser Technologie lassen sich nicht nur wind- und wetterbedingte Bewegungen ausgleichen. Es können auch Schwingungen anderer Gebäude simuliert und damit „Kosten und Zeit von aufwändigen Tests reduziert werden“.

thyssenkrupp und Züblin

thyssenkrupp baut seit 2014 gemeinsam mit dem Generalunternehmen Züblin den Aufzugstestturm in Rottweil. Zu den Zukunftstechnologien, die in Rottweil getestet werden, zählt insbesondere die neueste Aufzugsgeneration, der sogenannte Multi. In der neuen Testeinrichtung sind alleine drei der zwölf Turmschächte für das neue Multi-System vorgesehen. Als Antrieb kommt die Magnetschwebetechnologie aus dem Transrapid zum Einsatz. Diese hat eine Vielzahl von Vorteilen: Durch die seillose Konstruktion können mehrere Aufzugskabinen in einem Aufzugsschacht betrieben werden. Das erhöht die Beförderungskapazität in einem Schacht um bis zu 50 Prozent und reduziert gleichzeitig den Platzbedarf des Aufzugs im Gebäude um die Hälfte. Dazu können sich die Aufzüge sowohl seitwärts als auch ohne Limit in die Höhe bewegen, was völlig neue Anwendungen und eine nie dagewesene Architektur der Gebäude erlaubt.

Die Herausforderungen des Alltags liegen oft nicht in den großen Dingen, sondern im Detail.

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„In einer Welt, in der immer mehr Menschen in den Metropolen auf engem Raum leben, soll der Turm zu erheblichen Verkürzungen der Entwicklungszeit künftiger und bereits in der Konstruktionsphase befindlicher Wolkenkratzer beitragen. So ist für die Hersteller von Aufzügen entscheidend, wie sie es schaffen können, Bewohner und Nutzer schnell, sicher, bequem und effizient von unten nach oben und wieder zurück zu bringen. „Über einen halben Meter schwankt der Turm hin und her“, erläutert Bauleiter Stefan Maier, dessen Unternehmen, die Ed. Züblin AG aus Stuttgart, den Turm als Generalunternehmer ausführt. Für den jungen Bauingenieur ist der 30 Meter tief im Boden verankerte Turm das erste „Großprojekt“ seiner beruflichen Laufbahn; eine komplexe Aufgabenstellung, die ein Höchstmaß an logistischer Projektplanung von der Betonage über die Technische Gebäudeausrüstung bis zum Ausbau erfordert. Nach seiner Fertigstellung wird der Testturm als funktionaler Bau nicht nur von den vor Ort arbeitenden Aufzugstechnikern und Ingenieuren genutzt, sondern auch Bestandteil eines Tourismuskonzepts sein, das die Stadt und seine Highlights in den Mittelpunkt stellt. Vom Foyer über den Panorama-Aufzug bis zur Aussichtsplattform wird dauerhaft ein reger Besucherstrom die angebotenen Besichtigungstermine wahrnehmen.

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Die gebogenen Wände im Inneren sind als Sichtmauerwerk aus Kalksandstein gemauert. Herausforderung für die Maurer war die gleichmäßige Optik der Rundungen.

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Man entschied sich bei der Innengestaltung für eine Anmutung, die dem technischen Arbeitscharakter des Testturms, gleichzeitig aber auch der ausgesuchten Architektursprache des gesamten Bauwerks entspricht. Die Architekten Helmut Jahn aus Chicago und Werner Sobek aus Stuttgart bekleiden den hohen Schaft des Turms mit einer raffiniert angeordneten Hülle aus Glasfasergewebe. Sie wird das Licht je nach Tages- und Jahreszeit unterschiedlich reflektieren. Dem ästhetischen Anspruch, aber auch dem geforderten Brandschutz entsprechend, wurden die internen und die für die Öffentlichkeit zugänglichen Innenräume des Stahlbetonturms, etwa Teile des Foyers oder die Umgebung des Panoramaaufzugs, mit Kalksandstein-Sichtmauerwerk gemauert. Anspruchsvoll war für Polier Frank Trag, die Anforderungen an ein perfektes Sichtmauerwerk auch an den weiten Rundungen der inneren Turmwände umzusetzen. Gelungen ist das auch beim Einsatz großer KS-Steine. Um ein optisch optimales Ergebnis zu erzielen, stimmten die acht Maurer bei der Ausrichtung der Steine auch die Stürze der Türöffnungen mit dem Fugenverlauf ab. So liegen die Herausforderungen des Alltags oft nicht in den großen Dingen, sondern im Detail.


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Die Absicherungen der Nachbarbauten sowie der Aushub für den Bau einer Tiefgarage erforderten vom ausführenden Tiefbauunternehmen Kurt Motz viel logistisches Geschick und Erfahrung. Für die zweigeschossige Tiefgarage unter dem gesamten Quartier musste im Grundwasserbereich gearbeitet und dabei vermieden werden, dass Wasser aus der Baugrubensohle nachdrückt. Auch eine komplette Unterfangung des Bestandsbauwerks, das sich in den Hof des Geländes erstreckt, erforderte Sachverstand. Wie eine einsame Insel ragte letztlich das alte Gemäuer aus der Baugrube. Hierzu wurde der Grund bis zur Bauwerksgrenze abgegraben und die Randbereiche mit Beton ummantelt. Horizontal gebohrte, acht Meter lange Anker, die nun unter dem Bauwerk verlaufen, sichern den Bestand. Ähnlich wie beim Projekt Stuttgart 21 war eine aufwändige Wasserhaltung erforderlich, um die Baugrube freizuhalten und die Zuläufe des Nesenbachs umzuleiten. „Eine komplexe Sache“, so Bauleiter Rainer Oechsle vom Bauunternehmen Erich Schief, das den Rohbau nach Vorgaben der Werksplanung des Stuttgarter Büros bopp herrmann architekten ausführte. Beide Unternehmen bezogen den Beton für ihre jeweiligen Baumaßnahmen just in time von der Heidelberger Beton GmbH & Co. Stuttgart KG aus dem Lieferwerk Nordbahnhof. Nun hält eine weiße Wanne mit wasserundurchlässigem Beton das Fundament und die Tiefgarage dauerhaft trocken, ein Konzept, das, laut Vertriebschefin Dr. Hannemann-Strenger, aus Sicherheitsgründen bei fast allen Bauten von Strenger Bauen und Wohnen angewendet wird.
Für Bauleiter Oechsle war weniger die komplexe Aufgabenstellung als die Verkehrslage rund um das Bauvorhaben eine „absolute Katastrophe“. Trotz der widrigen Bedingungen konnte der Rohbau der fünf verschiedenen Baukörper erfolgreich fertiggestellt werden – mit Stahlbetondecken und tragenden Wänden, die teils aus Beton, teils aus Kalksandstein bestehen. „Für Pumpen war auf dem Gelände kein Platz“, so Bauleiter Oechsle. Drei Kräne, einer im Innern und zwei straßenseitig aufgestellt, beförderten den Beton in Kübeln an den jeweiligen Einbauort. Architektonische Anforderungen, wie die Schrägen an den Balkonbrüstungen, meisterte sein Unternehmen mit individuell vor Ort zusammengestellten Peri-Großflächenschalungen. Die straßenseitigen Wohnbauten erhalten eine gedämmte, städtisch anmutende Fassade, die von großen Öffnungen geprägt wird. Schon in der Rohbauphase zeichne sich laut Vertriebschefin Dr. Lis Hannemann-Strenger ab, „dass wir auch dieses Mal ein erfolgreiches Projekt“ realisieren.Susanne Ehrlinger

Zusätzliche Informationen

Eine Stadt und ihre Wahrzeichen

Rottweil ist die älteste Stadt in Baden-Württemberg. Die Stadt mit ihren 25.000 Einwohnern wirbt mit der Silhouette ihrer historischen Türme, die seit dem Mittelalter das Stadtbild prägen. Zu Kapellenturm, Hochturm, Heilig-Kreuz-Münster oder Pulverturm ist nun mit dem Testturm eine Variante des 21. Jahrhunderts hinzugekommen, die schon aus weiter Ferne Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Wie kommt die Stadt zu einem Bauwerk der international renommierten Architekten Helmut Jahn und Werner Sobek und damit zu einem spektakulären Großprojekt, das mit überschaubarem Widerstand seitens der Bevölkerung und viel Beistand seitens der Politik aufgenommen wurde? Als innovatives Mittelzentrum auf der Technologieachse Stuttgart – Zürich sieht sich die große Kreisstadt selbst. Und schon in den vergangenen Jahrhunderten war Rottweil Standort gewerblicher und industrieller Aktivitäten. Diese Tradition könnte mit dem Testturm wieder aufblühen. Für die thyssenkrupp Elevator AG lag der Standort nahe, bedingt auch durch die räumliche Nähe zum Aufzugswerk in Neuhausen auf den Fildern. Für das Unternehmen gaben „die Einbindung in den Hightech-Gürtel rund um Stuttgart, die politische Unterstützung durch Oberbürgermeister Broß und den Gemeinderat sowie die breite Zustimmung der Bevölkerung“ den Ausschlag für Rottweil.

thyssenkrupp

Thyssenkrupp ist ein diversifizierter Industriekonzern mit traditionell hoher Werkstoffkompetenz und einem wachsenden Anteil an Industriegüter- und Dienstleistungsgeschäften. Über 155.000 Mitarbeiter arbeiten in knapp 80 Ländern mit Leidenschaft und Technologie-Know-how an hochwertigen Produkten sowie intelligenten industriellen Verfahren und Dienstleistungen für nachhaltigen Fortschritt. Ihre Qualifikation und ihr Engagement sind die Basis für den Erfolg des Unternehmens. thyssenkrupp erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2014/2015 einen Umsatz von rund 43 Milliarden Euro.

thyssenkrupp Elevator

thyssenkrupp Elevator umfasst die weltweiten Konzernaktivitäten im Geschäftsfeld Personenbeförderungsanlagen. Mit einem Umsatz von 7,2 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2014/2015 und Kunden in 150 Ländern hat sich thyssenkrupp Elevator seit seinem Markteintritt vor 40 Jahren als eines der führenden Aufzugsunternehmen der Welt etabliert. Das Unternehmen mit mehr als 50.000 qualifizierten Mitarbeitern bietet intelligente und energieeffiziente Produkte, entwickelt für die individuellen Anforderungen der Kunden. Innovative Lösungen ermöglichen die Entwicklung von intelligenten Städten. Das Portfolio umfasst Personen- und Lastenaufzüge, Fahrtreppen und Fahrsteige, Fluggastbrücken, Treppen- und Plattformlifte sowie maßgeschneiderte Servicelösungen für das gesamte Produktangebot. Über 900 Standorte rund um den Globus bilden ein dichtes Vertriebs- und Servicenetz und sichern somit eine optimale Nähe zum Kunden.

Bekenntnis zum Hightech Standort Baden-Württemberg

Um Aufzüge für die weltweit stetig wachsenden Hochhäuser entwickeln und testen zu können, benötigte die thyssenkrupp Elevator AG eine Versuchsanlage in der nun gebauten Größenordnung. Mit 246 Metern wird der Turm der aktuell höchste Testturm der Welt sein. Mit dem schwäbischen Projekt will thyssenkrupp sicherstellen, auch zukünftig technologisch führende und geprüfte Anlagen für Förderhöhen von 600 Metern und mehr liefern zu können. „Gleichzeitig ist das Projekt für uns ein klares Bekenntnis zum Forschungs- und Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg“, so der Tenor des Unternehmens.

Objektsteckbrief

Projekt:
Aufzugstestturm in Rottweil

Bauherren:
thyssenkrupp Elevator AG

Architekten:
Helmut Jahn, Chicago, und Werner Sobek, Stuttgart

Generalunternehmer:
Ed. Züblin AG, Stuttgart

Produkte:
Kalksandsteine der Heidelberger Kalksandstein GmbH
ca. 570 m2 KS Is L-12-1,6-3DF
ca. 285 m2 KS-R(P)-20-2,0-6DF (175)
ca. 65 m2 KS-L(P)-20-1,6-8DF (115)
ca. 1.030 m2 KS L-R(P)-12-1,6-6DF (175)
ca. 60 laufende Meter Sichtmauerstürze
ca. 600 Stück 6 DF 175 U-Schale

Fertigstellung:
2016

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