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Die grob gespitzten Betonmauern sichern das Gelände und nehmen Bezug auf historische Gemäuer

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© HeidelbergCement (Steffen Fuchs)

Ausgabe 2/2016Thema: Herausforderung

Schützen und Stützen

Gespitzte Sichtbetonmauer in Holnstein

Eine am Hang gelegene Tageseinrichtung wird durch gestaltete Sichtbetonmauern flankiert. Die Mauerabschnitte mit bearbeiteten Betonoberflächen sichern das Gelände und schaffen barrierefreie Außenbereiche. Ein horizontaler Sehschlitz in entsprechender Höhe ermöglicht Rollstuhlfahrern einen Blick in die Landschaft.

Zwanzig Meter hoch ragt ein Tuffsteinfels über Holnstein, einem Ort im heutigen Landkreis Neumarkt in der Oberpfalz. In der ehemaligen Schlossanlage residiert eine der acht eigenständigen kirchlichen Regens-Wagner-Stiftungen, die ihren Hauptsitz in Dillingen haben. Mehr als 250 Menschen mit Behinderung werden in Holnstein ihrem individuellen Hilfebedarf gemäß begleitet und gefördert. Für das Dorf selbst, mit insgesamt 500 Einwohnern, ist die Stiftung längst der bedeutendste Arbeitgeber geworden.

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Die Mauer mit der natürlichen Anmutung erfüllt hohe statische Anforderungen.

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In einem solch landschaftlich und baukulturell geprägten Umfeld ist es naheliegend, dass sich auch Erweiterungsbauten behutsam einfügen müssen. Selbst die Außenanlagen, etwa die Mauern rund um die neue Tageseinrichtung für Erwachsene nach dem Erwerbsleben (TENE), sind daher nicht nur funktional, sondern auch optisch entsprechend gestaltet. Die Tagesstätte, ein Entwurf der Münchner Architekten Haindl + Kollegen, ist in unmittelbarer Nähe zum Haupthaus entstanden, um eine barrierefreie und leicht zu bewältigende fußläufige Anbindung zu gewährleisten.

Gestalterisches Ziel war, den künstlich hergestellten Stützmauern einen natürlichen Charakter mit regionalem Bezug zu geben.

Für Welsch + Egger Landschaftsarchitekten aus Freising bestand die planerische Herausforderung darin, die Regeln der Barrierefreiheit im abschüssigen Außenbereich umzusetzen. Ihr gestalterisches Ziel war, den künstlich hergestellten Stützmauern durch die gezielte Zugabe von natürlichen Zuschlägen sowie einer geeigneten Nachbearbeitung einen natürlichen Charakter mit regionalem Bezug zu geben. Auf Erdgeschossniveau plante das Büro großzügige Aufenthaltsflächen vor dem Speisesaal ein. Dem Untergeschoss, das aufgrund der Hanglage auch direkten Zugang zum Garten hat, lagerten sie eine Außenfläche mit Terrassen vor. Östlich des Gebäudes ordneten die Planer abgewinkelte Mauern so zueinander versetzt an, dass auch hier ein barrierefreier Gartenbereich geschaffen wurde. Auf diese Weise gehen die verschiedenen Geländeniveaus fließend ineinander über.

Der Sichtbeton enthält Kalksteinschotterzuschläge in großer Körnung von regionalen Lieferanten.

Um das längliche Gebäude und die rund 1.550 Quadratmeter große Außenanlage auf dem Baugrund unterzubringen, musste jedoch zunächst das Gelände baulich abgefangen werden. Zur Sicherung der Baugrube war daher eine Bohrpfahlwand erforderlich, die das Erdreich auf zwei Geschosshöhen abstützte. Eine oberflächenbearbeitete Vorsatzmauer dient nun zu ihrer Verblendung.
Bauherrenvertreter Diplom-Sozialpädagoge Richard Theil, Gesamtleiter von Regens Wagner Holnstein, hatte sich gewünscht, dass die sichtbaren Teile der Abstützungen in ihrem Charakter zu den vorhandenen historischen Mauern passen. Naturstein kam aus statischen Gründen nicht in Frage; den entsprechenden Regionalbezug schaffte ein Beton, der mit großem Natursteinzuschlag, einem gebrochenen, gelblichen Kalkstein, und einer speziellen Oberfläche ausgeführt wurde. Der Beton wurde grob gespitzt, wodurch die optische Anlehnung an die ortstypischen Felsen der Hanglagen des Altmühl- und Labertals sowie an die in unmittelbarer Nähe befindlichen Reste der ehemaligen Schlossmauer geschaffen wurde.
Den Normalbeton für die Fundamente sowie den Spezialbeton für die gespitzten Mauern lieferte die TBG Transportbeton Werner, eine Beteiligung von Heidelberger Beton. Rund 400 Quadratmeter Sichtfläche wurden durch grobes Abspitzen nachbearbeitet. So ließen sich die unterschiedlichen funktionalen und räumlichen Anforderungen bei gleichbleibender Optik erfüllen. Der Sichtbeton enthält Kalksteinschotterzuschläge in großer Körnung bis 56 Millimeter von regionalen Lieferanten. Die Bewehrungsüberdeckung lag bei mindestens 80 Millimetern, um nach der Oberflächenbearbeitung eine ausreichende Restüberdeckung gewährleisten zu können. Eine besondere Herausforderung bestand darin, Mischwerke zu finden, die Zuschläge in dieser Größe beigeben konnten. Auch die Verfüllung und Verdichtung des grobkörnigen Betons war mit großer Sorgfalt auszuführen. Das Knowhow für das Abspitzen hatte sich das Bauunternehmen Englmann aus Berching durch die Erstellung von Musterstücken wieder angeeignet und verfeinert. Die gewählte Ausführungsmethode ermöglichte sowohl die Verblendung der Bohrpfahlwand als auch die Verwendung für eigenständige Stütz- oder freistehende Mauern zur Absturzsicherung. Mit einem horizontalen Schlitz in einem Mauerabschnitt an der Terrasse und diversen Mauerversprüngen schaffen es die Landschaftsplaner, auch Rollstuhlfahrern einen Blick auf die umgebende Landschaft zu gewähren.Susanne Ehrlinger

Zusätzliche Informationen

Landschaft, Baukultur und soziale Verantwortung

Schon in der Altsteinzeit sollen im aufragenden Tuffsteinfels über Holnstein, in einem ‘hohlen Stein‘, Menschen in einer Höhle Schutz gesucht haben. Vor 1.000 Jahren wurden auf der Anhöhe über dem Tal der Weißen Laber eine Pfarrkirche und eine Burg erbaut. Die Anlage diente ab dem Mittelalter als Residenz der Grafen von Holnstein. Schließlich wurde das Schloss 1880 von Dillinger Franziskanerinnen erworben und als Kloster und Einrichtung für gehörlose und geistig behinderte Mädchen genutzt. Heute ist das Dorf Sitz einer der acht eigenständigen kirchlichen Regens- Wagner- Stiftungen, die ihren Hauptsitz in Dillingen haben. In Holnstein werden mehr als 250 Menschen mit Behinderung ihrem individuellen Hilfebedarf gemäß vollstationär, teilstationär oder auch ambulant begleitet und gefördert. Für den Ort selbst, mit insgesamt 500 Einwohnern, ist die Stiftung längst der bedeutendste Arbeitgeber geworden.

Sichtbeton mit Regionalbezug

Das gestalterische Ziel der Landschaftsarchitekten Welsch + Egger war es, den künstlich hergestellten Mauern durch die gezielte Zugabe von natürlichen Zuschlägen und eine geeignete Nachbearbeitung einen natürlicheren Charakter mit regionalem Bezug zu geben. Der Beton erhielt Kalksteinschotterzuschläge in großer Körnung bis 56 Millimeter von regionalen Lieferanten. Die Bewehrungsüberdeckung lag bei mindestens 80 Millimetern um nach der Oberflächenbearbeitung eine ausreichende Restüberdeckung gewährleisten zu können. Die Oberfläche wurde grob gespitzt, wodurch eine optische Anlehnung an die ortstypischen Felsen der Hangsituationen des Altmühl- und Labertals sowie an die in unmittelbarer Nähe befindlichen Reste der ehemaligen Schlossmauer geschaffen wurde.

Funktionale Mauern aus Sichtbeton

Die höchste Vorsatzschale im nördlichen Lichthof ist rund 3,10 m hoch. Zusätzlich ragt eine freistehende Mauerscheibe 1,10 Meter als Absturzsicherung über das Gelände hinaus.
Die höchste Winkelstützmauer ist 4,60 Meter hoch und dient zugleich als Auflager für die Zugangsbrücke über den Lieferhof zum Haupteingang im Erdgeschoss. Seitlich in die Mauer wurden bereits beim Betonieren die Montageschwerter für die Fortführung der Stahlbauabsturzsicherung der Brücke entlang der Mauerkrone zur Straße mit berücksichtigt.

Begrünung

Die Begrünung passt sich an die unterschiedlichen Situationen an. An der Terrasse im Erdgeschoss vermittelt sie zwischen den beiden hohen Stützmauern, lockert somit die Situation an dieser Stelle auf und schafft in den warmen Monaten ein angenehmes Aufenthaltsklima.
Die Begrünung im nördlichen Lichthof bildet ebenfalls einen Kontrast zur hohen Stützmauer. Mit der Bepflanzung schaffen Welsch + Egger Landschaftsarchitekten einen Schattengarten, der auch eine teilweise Mauerbegrünung beinhaltet und somit eine sanftere, beruhigende und kontemplative Atmosphäre in die Ruheräume des Untergeschosses trägt. Zusätzlich sorgen sie mit den Begrünungen der Mauerfüße für eine natürliche Einbindung der Mauern in die Geländesituation

Mehr als ein Zuhause für Menschen mit Behinderung

Regens Wagner Holnstein ist einer von insgesamt 14 Regens Wagner Standorten in Bayern. Es ist ein Ort zum Leben für erwachsene Frauen und Männer mit geistiger oder mehrfacher Behinderung sowie für Menschen mit Autismus. Zurzeit werden hier mehr als 250 Menschen mit Behinderung dem individuellen Hilfebedarf entsprechend vollstationär, teilstationär oder auch ambulant begleitet und gefördert. So bietet Regens Wagner Holnstein ein differenziertes Wohn-, Förder- und Beschäftigungsangebot sowie offene Hilfen und mobile Betreuungsdienste an. Die Wohnangebote gewährleisten Lebensgestaltung für Erwachsene – soweit erforderlich, während ihrer gesamten Lebenszeit. Zum vielfältigen Angebot gehören unter anderem Wohnen und Lebensbegleitung sowie Arbeit und Beschäftigung in den Holnsteiner Werkstätten, in der Förderstätte und in der Tagesstätte für Senioren. www.regens-wagner-holnstein.de

Objektsteckbrief

Projekt:
Außenanlagen der Tagesstätte für Erwachsene nach dem Erwerbsleben (TENE) in Holnstein

Bauherr:
Regens-Wagner-Stiftung Holnstein, als Rechtsträger von Regens Wagner Holnstein, vertreten durch die Direktion der Regens-Wagner-Stiftungen, Dillingen a. d. Donau

Architekt:
Haindl + Kollegen GmbH, Planung und Baumanagement, München

Landschaftsarchitekt:
Welsch + Egger Landschaftsarchitekten, Freising

Tragwerksplanung:
Nutsch Ingenieure GmbH, Germering (vormals Fahmüller-Meincke-Weywadel Ingenieur GmbH)

Ausführende Baufirma:
Englmann Bau GmbH, Berching

Zement:
HeidelbergCement AG, Werk Burglengenfeld

Betonlieferant:
TBG Transportbeton Werner GmbH & Co. KG, eine Beteiligung der Heidelberger Beton GmbH

Betonlabor:
Betotech Nabburg, eine Beteiligung der Heidelberger Beton GmbH

Fertigstellung:
2016

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