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Paul Kronenberg, © Crown Fotos

Ausgabe 2/2016

Mit Träumen und Wut

Ein Leben für Veränderungen

Sabriye Tenberken leidet seit ihrem neunten Lebensjahr an einer Netzhauterkrankung, durch die sie graduell erblindete. Mit zwölf Jahren war sie vollständig blind. Von diesem Umstand hat sie sich jedoch nie abhalten lassen, ihren eigenen Weg zu gehen.

Da will ich gar nicht hin.“ Das ist ein Satz, den Sabriye Tenberken bis heute öfters sagen muss, wenn jemand sie, die blinde und vermeintlich hilflose Person, ungebeten am Arm packt und über die Straße führen will. Und er steht sinnbildlich für das, was in ihren Augen in der Gesellschaft falsch läuft. Menschen mit einer Behinderung wird die Selbstständigkeit häufig verwehrt. Sie werden lieber in eine Richtung geführt. „Ich habe immer das Gefühl gehabt, ganz genau zu wissen, was Menschen von mir erwarten“, erinnert sich Tenberken. „Und sie erwarten im Allgemeinen nicht viel.“ Ein Umstand, der Tenberken wütend machte. Und der für sie zum Anlass wurde, etwas zu verändern.
„Ich möchte reisen, ich möchte Abenteuer erleben, ich möchte aber auch etwas Sinnvolles tun“, antwortete die damals schon begeisterte Reiterin und Wildwasserfahrerin auf die Frage ihres Lehrers an der Blista (Deutsche Blindenstudienanstalt), was sie nach dem Abitur machen wolle. Daraufhin riet er ihr, sich einen Job bei einer Hilfsorganisation zu suchen. Als sie sich um ein Praktikum bewarb, bekam sie die Antwort, dass das wegen ihrer Behinderung unmöglich sei. Von wegen! „Dann gründe ich eben meine eigene Organisation“, dachte sich Tenberken. „Und kann mich quasi selbst in ein Land verschicken.“

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Ihre Wahl fiel auf Tibet. Dort konnte sie sowohl reiten und Kajak fahren als auch etwas Nützliches machen. Ihr Ziel war, eine Schule für blinde Kinder zu gründen. In Tibet gilt Blindheit als eine Strafe für im vorherigen Leben begangene Verbrechen oder als ein Zeichen für Besessenheit. Infolgedessen werden Blinde gemieden, eingesperrt oder zum Betteln geschickt. Auf die Bildung von blinden Kindern wird daher wenig Wert gelegt. „Diese Einsamkeit der blinden Kinder, das Gefühl, abgewertet zu werden und nicht dazu zu gehören, hat mich sehr betroffen gemacht“, berichtet Tenberken. „Diese Symptome haben mich an meine eigene Kindheit erinnert.“ Und daran wollte sie etwas ändern.
Um ihren Traum zu verwirklichen, studierte Tenberken Tibetologie, Soziologie und Philosophie. Während ihres Studiums entwickelte sie eine spezielle Braille (Blindenschrift) für die tibetische Schriftsprache. 1997 reiste sie mit 26 Jahren allein nach Tibet. Unterstützung erhielt sie dabei von ihren experimentell und abenteuerlustig veranlagten Eltern. Das allgemeine Credo war hingegen: „Blinde machen so was nicht.“ Tenberken machte es aber vor. 1998 eröffnete sie gemeinsam mit ihrem Freund und Gründungspartner Paul Kronenberg die Blindenschule in Lhasa. Ihre ersten Schüler waren fünf blinde Kinder, die noch nie zuvor eine Schule besucht hatten. Kronenberg und Tenberken und ihre ersten Kollegen lehrten sie Lesen und Schreiben sowie Englisch und Chinesisch. Tenberkens Botschaft an sie war die, die ihr auch an der Blista vermittelt wurde. „Wenn ihr die Techniken gut beherrscht, steht euch die Welt offen.“

„Kanthari ist kein Institut, es ist eine Bewegung!“

Paul Kronenberg

Die Kinder seien mit sehr viel Angst in die Schule gekommen, erzählt Tenberken. Nach kurzer Zeit hätten sie jedoch gelernt, ihre Blindheit anzunehmen und sie als Sprungbrett für ihren weiteren Weg zu betrachten. Heute leben 37 Kinder im Blindenzentrum in Lhasa, das seit 2000 „Braille without Borders“ heißt. Die Schüler bleiben zwei bis drei Jahre dort, bevor sie in eine Regelschule gehen. Kronenbergs und Tenberkens ehemalige Schüler haben entweder die Leitung der Schule übernommen, studieren oder leiten erfolgreiche Unternehmen, unter anderem die größte medizinische Massageklinik in Tibet. „Sie setzen sich selbst keine Grenzen“, erklärt Tenberken. „Und sie lassen sich keine Grenzen setzen.“ Als Nächtes planten Kronenberg und Tenberken eine Berufsausbildungsfarm für Blinde in Shigatse. Die Reaktion ihrer Sponsoren darauf: „Hört auf zu träumen.“ Solche Phrasen treiben die Partner jedoch eher an. „Diese Wut darüber ist der Funke, der uns zum Handeln bringt und uns am Aufgeben hindert“, erklärt Tenberken. „Wir können uns das Aufgeben gar nicht mehr leisten.“ Umgesetzt haben sie seither alles, was sie sich in Tibet vorgenommen haben. Aktuell werden auf der Farm über 70 blinde Jugendliche und Erwachsene unter anderem in der Käseproduktion, in Ackerbau und traditioneller, tibetischer Musik ausgebildet.

„Die Tür steht offen, ihr müsst nur durchgehen.“

Sabriye Tenberken

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2005 errichteten Kronenberg und Tenberken das Kanthari Institut in Kerala, Indien. Der Name geht zurück auf eine in Kerala wild wachsende Chili-Art, die zum einen sehr widerstandsfähig ist, zum anderen dem Essen Würze verleiht. Eigenschaften, die das Team vermitteln will. Ihre Studenten lernen sieben Monate lang, wie sie ihre Träume von einem sozialen Projekt verwirklichen können. Kronenbergs und Tenberkens Konzept fußt darauf, dass die Teilnehmer durch persönliche Erfahrungen und gegebenenfalls auch durch Scheitern erkennen, wie sie die Situation einer Randgruppe verändern können. „Paul und ich nehmen Menschen, die aus dem absoluten Abseits kommen“, berichtet Tenberken. Nicht nur Blinde, sondern auch Menschen mit Albinismus aus Afrika oder Teilnehmer, die sich für die Rechte der Frauen oder die Behandlung kranker Kinder einsetzen. Tenberkens Meinung nach setze man viel zu sehr auf den Mainstream und somit auf das falsche Pferd. „Man baut nicht auf die Menschen, die die Probleme wirklich erlebt haben und aus den Problemen heraus Lösungen entwickeln.“ Diese Menschen brauchen nicht die Hand, die sie in die vermeintlich richtige Richtung führt. Sie werden selbst zu den Leadern, die die notwendigen sozialen Veränderungen herbeiführen.
Tenberken hat ihr Recht auf Herausforderung eingefordert. Und seither haben sie und Kronenberg anderen Menschen die Fertigkeiten und das Selbstvertrauen vermittelt, dasselbe zu tun. 141 Menschen graduierten bisher am Kanthari Institut, angetrieben von Träumen und Wut. 86 von ihnen haben ihre Projekte umgesetzt, die wiederum Tausende von Menschen erreichen. „Wir wissen beide, was das Ziel ist: eine Welt, in der Einrichtungen wie das Kanthari Institut unnötig werden“, sagt Kronenberg. „Dieses Ziel ist so groß, dass man es nicht aus den Augen verlieren kann.“Pia Hoppenberg

Links

www.kanthari.org
www.blinden-zentrum-tibet.de

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