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Ausgabe 2/2016

Ermutigt Euch!

Von den Herausforderungen des Alltags

Anspruchsvolle Aufgaben und komplexe Zeiten fordern heraus. Schon immer hat die Auseinandersetzung mit drängenden Fragen der Gegenwart in eine veränderte Zukunft geführt. Sie im positiven Sinne zu gestalten liegt ganz in unserer Hand.

Die Welt scheint aus den Fugen. Gab es je Zeiten ohne all die Notlagen, die uns gedanklich Sorge bereiten und deren Bewältigung oft schier unlösbar erscheint? Bekanntermaßen können Herausforderungen zu wichtigen, teils gar bedeutenden Schöpfungen im Leben, in der Arbeit oder im künstlerischen Schaffen ermutigen. Angesichts der Überfülle an gefühlten Herausforderungen kann jedoch schon ein kleines Engagement zur Überforderung werden. Lassen wir einmal Revue passieren: Arbeitsmarktkrise, Demokratiekrise, Energiekrise, Eurokrise, Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Klimakrise, Krimkrise, Lebensmittelkrise, Nah-Ost-Krise, Ölkrise, Terrorkrise, Krise des Verfassungsschutzes, Wirtschaftskrise, Wohnungsmarktkrise und so fort.
In jüngster Zeit scheint das Übermaß dessen, was uns herausfordert, eher zu Abschottung und zu spürbarer Unlust am kreativen Umgang mit all den anstehenden, gesellschaftlichen Aufgaben zu führen als zu deren Bewältigung. „Ich will nichts mehr davon hören“ ist ein gängiger Satz, wenn das Gespräch im Freundeskreis die eine oder andere politische oder wirtschaftliche Problematik berührt.
Denn zu den weltpolitischen Herausforderungen, die uns mental begleiten, kommen die persönlichen, die das Leben mit sich bringt. Eigentlich beginnt es mit dem ersten Schrei: Ins pralle Leben geworfen, spornen die einfachsten Bedürfnisse, die das Lebendigsein mit sich bringt, das Neugeborene an. Lustvoll erregt, voller Sehnsucht nach Nähe und neugierig, wenn auch noch hilflos, begreift der kleine Mensch nach und nach sein Ich, seine nähere und ferne Umwelt. Die Unentbehrlichkeiten der ersten Zeit spannen den Bogen vom Anfang bis zum Ende. Satt- und Behütetsein, Geborgenheit, anregende Beschäftigung und Sinnhaftigkeit bleiben die elementaren Wünsche jedes Einzelnen. Einen sicheren Platz und Anerkennung in Familie und Gesellschaft zu finden ist gleichermaßen wichtig wie sich den eigenen Fähigkeiten gemäß zu entfalten.

„Wir lieben neue Herausforderungen – vor allem, wenn wir die alten nicht erfüllen konnten.“

Ernst Reinhardt (*1932),Dr. phil., Schweizer Publizist und Aphoristiker

Es gehört zu den Besonderheiten des menschlichen Daseins, diese individuellen Möglichkeiten immer wieder auszuloten und sich stets neuen, auch diffizilen Aufgaben zu stellen. Dies könnten positive Erfahrungen sein, wenn sie nicht vielfach von beunruhigenden Ängsten begleitet würden. Der Schulwechsel oder der Einstieg ins Berufsleben, Partnerschaft und Trennungen, finanzielle oder gesundheitliche Nöte: Jeder Lebensabschnitt bringt neue Aufregungen, die mit mehr oder weniger Gelassenheit zu meistern sind.
Das eingangs aufgelistete Krisen-ABC unterstützt nicht beim Bewältigen der persönlichen Anliegen. Zwar schwächt sich, wie man weiß, manche Krise ab oder gerät aus dem Blick, dafür treten neue Herausforderungen in den Fokus. Wird das täglich konsumierte Krisenmenü zu einer unverdaulichen, fast lähmenden Kost, hilft die Konzentration auf Aspekte, die wir mit unseren Möglichkeiten im Alltag, im Arbeitsumfeld oder der Freizeit bewältigen können. Sich selbst kreative Herausforderungen suchen zu können, ist hingegen ein Privileg, bei dem persönliche Ziele die Richtung weisen. Da gibt es beispielsweise Menschen, die sich eigens immer wieder neue, teils kaum fassbare Aufgaben stellen: Gipfelstürmer, Dauerläufer, Bungeespringer oder Kanalschwimmer. Sie setzen sich freiwillig enormen Anstrengungen aus, um gesteckte Ziele zu erreichen. Andere werden aufgrund von Schicksalsschlägen unverhofft vor schier Unmögliches gestellt. Unglücksfälle, Arbeitslosigkeit, Krankheiten, Naturkatastrophen oder Kriege treffen den Einzelnen wie ganze Gesellschaften. Doch immer wieder tauchen Betroffene wie Phönix aus der Asche wieder auf; sie beißen sich durch, wagen einen neuen Anfang und lernen aus ihren Erfahrungen.

Unglücksfälle, Arbeitslosigkeit, Krankheiten, Naturkatastrophen oder Kriege treffen den Einzelnen wie ganze Gesellschaften.


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© HeidelbergCement (Steffen Fuchs)

Der kompromisslose Künstler Boris Lurie, dessen posthume Retrospektive gerade im Jüdischen Museum in Berlin gezeigt wird, schuf als Ankläger von Rassismus, Sexismus und Konsumkritik in den 1960er Jahren ein bis heute hochaktuelles Werk. Provokant schrieb der 1924 geborene Lurie, dessen Mutter, Schwester und Jugendliebe 1941 bei Massenerschießungen nahe Riga ermordet wurden und der mit seinem Vater die KZ-Haft überlebte: „Die Grundlagen meiner Kunst erwarb ich in KZs wie Buchenwald.“ 1946 nach Amerika emigriert, lebte Lurie in einer Gesellschaft, die nicht von Kriegs- und Holocaust-Erfahrungen gezeichnet war. So sah er sich in Zeitschriften neben Berichten über Massenvernichtung und Leichenbergen mit erotisch aufgeladener Werbung konfrontiert. In provokanten Collagen verarbeitete der Künstler seine eigene Geschichte als Verfolgter und gründete mit Künstler-Freunden die NO!art-Bewegung als Gegenpol zu populären Kunstströmungen, wie etwa der kommerziell orientierten Pop Art eines Andy Warhol. Die Gruppe forderte eine kritische Auseinandersetzung mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen anstelle inhaltsleerer künstlerischer Moden. Künstler wie Boris Lurie und NO!art lassen sich in ihrer ästhetischen Radikalität mit den Künstlerinnen von Pussy Riot oder den 70 Aktionskünstlern der Gruppe Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) vergleichen, die unlängst Mauerkreuze an EU-Außengrenzen schaffte oder Flüchtlingsleichen nach Deutschland zur Bestattung überführte. Die zeitgenössischen Aktivisten nehmen gleichfalls in Kauf, sich als künstlerische und gesellschaftliche Außenseiter zu positionieren und erzwingen mit ihrem Engagement einen gesellschaftlichen Diskurs. Das Magazin Stern kommentierte: „Tabubruch und Grenzüberschreitung sind die Markenzeichen des ZPS, das sich in die große Lücke schiebt, die Künstler wie Joseph Beuys und Christoph Schlingensief hinterlassen haben. Beide waren Pioniere der medialen Mobilmachung im Namen der Kunst.“ In diesem Sinne wird nun auch die Kunst eine große Herausforderung.Susanne Ehrlinger

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