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Fügt man ein Element klug ans andere, entsteht etwas Stabiles, Funktionales. Doch auch vermeintlich solide konstrukte haben eine fragile Seite.

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© HeidelbergCement (Steffen Fuchs).

Ausgabe 2/2015

Stabilität versus Wandel

Kann man über Strukturen geteilter Meinung sein? Ein Selbstgespräch

„...und empfehle Dir, Deine Gedanken vor der Niederschrift besser zu strukturieren.“ Wiederholt mußte der Schüler diese Randnotiz eines Lehrers auf seinen Klassenarbeiten lesen. Jahre später folgt das Kontrastprogramm: Brainstorming. Oberstes Ziel ist jetzt der freie Fluß der Gedanken. Spontan generierte Ideen der Kreativen – im Coaching-Jargon genannt die Whynotter („Warum nicht...“) – werden an Billboards geheftet, bis die bedenkentragenden Yesbutter („Ja, aber...“) diese kleinreden und in Schubladen entsorgen.

Denkverbote und Scheuklappen: Was tritt an deren Stelle?

Das Wort Struktur hat nicht zufällig seine Wurzeln im Bauwesen. Bauleute fügen ein Element ans andere, und wird das klug gemacht, entstehen nützliche Orte und Räume: stabil, funktional, geordnet. Aber im Licht moderner Systemforschung und aktueller Nachhaltigkeitsdebatten erscheint der Wandel – dynamisch und zielgerichtet – heute als das weitaus verlässlichere Ordnungsprinzip. Veraltete, verkrustete Strukturen erzeugen auf Dauer Strukturprobleme. Die lassen sich prima verdrängen – aber nur, bis der Ernstfall eintritt. Verschleppte Probleme wuchern heran zu „Systemkrisen“. Komplexe Systeme kollabieren, wenn sie sich nicht veränderten Rahmenbedingungen anpassen. Struktur ist eine analytische und zugleich schillernde Kategorie. Mal gewährleistet sie besseren Durchblick, mal stiftet sie blanke Verwirrung: Wenn etwa ökologisch korrekte Verbraucher sich für Windkraft stark machen und doch gegen neue Stromtrassen protestieren. Wenn ein Justizminister sich aus Koalitionsräson für Vorratsdatenspeicherung ausspricht, obwohl er diese aus Überzeugung ablehnt. Wenn ein Staatssekretär für das Familienministerium vor dem Verfassungsgericht die „Herdprämie“ verteidigt, obwohl er an der Klageschrift dagegen selbst mitschrieb.

„Struktur ist eine analytische und zugleich schillernde Kategorie.“

Wie viele strukturelle Widersprüche verträgt die Gesellschaft?

Rationales, strukturiertes Handeln wird im Licht aktueller Mega-Krisen (Klimawandel, Ressourcenverknappung, eine irrlichternde Finanzindustrie) zur riesigen Herausforderung; nicht nur für Politik und Wirtschaft, sondern auch für jeden Einzelnen. Mit der Kreditkarte in der Hand kämpfen Bürger an den Ladenkassen nicht nur um Lebensstile, sie prägen dort auch die materiellen und kulturellen Perspektiven ihrer Zivilisation. Als Marktteilnehmer funktionieren sie in der „Crowd“ wie Politiker oder Unternehmer – verteidigen etwa als Demokraten ihre Privatsphäre. Oder verramschen auf den Flohmärkten des Internets ihre persönlichen Daten an anonyme Konzerne und Institutionen. Individuelles Konsumverhalten kann in der Summe destruktiv sein oder nachhaltig. Der Ökonom Joseph A. Schumpeter (1883 – 1950) wurde berühmt durch die originelle Denkfigur einer „schöpferischen Zerstörung“, mit der innovative Unternehmer dem störanfälligen Kapitalismus stets wieder auf die Sprünge helfen; aber die Nachrichten unserer Medien bilden diesen kreativen Optimismus immer seltener ab – häufiger sind Konflikte, Gewalt und Destruktion das Thema. Höchste Zeit also, den Planeten zu retten.

„Höchste Zeit also, den Planeten zu retten.“

Ist guter Wille vernunftbegabt?

Ungeklärt ist, ob man nun auf einen Strukturwandel von oben warten muss – angestoßen von Politik, Wirtschaft oder großen gesellschaftlichen Kräften. Oder einfach mal loslegen kann, einzeln und in Gruppen, immer hoffend, die Zahl solidarischer Pioniere möge zu einer kritischen Masse anwachsen. Der Schriftsteller Erich Kästner prägte 1931 in seinem Roman „Fabian“ den Sinnspruch: „Es gibt nichts Gutes, außer: man tut es“. Da ist viel dran. Aber die Meinungen darüber, was gut sei, oder noch besser, gehen oft auseinander. Struktur hin, Strukturwandel her: Lässt man die Innovativeren unter den Akteuren der Bauwirtschaft Revue passieren – angefangen bei Stadtplanern, Architekten und Ingenieuren über Produkthersteller und Baukonzerne bis hin zum Handwerk, dann steht es um das Nachhaltigkeitspotenzial der Bauwirtschaft ganz gut. Dass die realen Fortschritte der Branche trotz Leichtbau, Hochleistungsmaterialien und „intelligenter“ Gebäudetechnik dennoch begrenzt sind, hat seine Ursachen eher auf der Kundenseite: Investoren und Endverbraucher lassen von unkonventionellen Immobilien lieber die Finger.

„Es gibt nichts Gutes, außer: man tut es.“

Attraktive Zukunft – eine Sache der Wortwahl?

Vielleicht erzeugen ja schon Begriffe wie „schadstoffarm, „Leichtbau“, „zeitlos“, „raffiniert einfach“ oder „Nullenergiehaus“ unter oberflächlichen Zuhörern unnötig negative Assoziationen: Arm ist arm; leicht klingt unsolide; zeitlos ist uncool und einfach nicht hip. Die Null bezeichnet, tja: Nix, womit man Eindruck schinden könnte. Gute Ratschläge werden, wo sie nur als Schläge interpretiert werden, schnell überhört. Den Wettlauf um die Deutungshoheit von Nachhaltigkeit werden jene gewinnen, die das Wort „Verzicht“ aus ihrem Vokabular gestrichen haben – und die Aufmerksamkeit des Publikums gleichzeitig auf die Wellness-Aspekte einer intelligenteren Güterproduktion lenken, deren Konsum ohne Hauch von Sünde ist. Ein richtiges Leben im falschen sei unmöglich, lautete ein berühmter Satz im 20. Jahrhundert. Heute geht es eher um die Verheißung, ein falsches Leben leichten Sinnes im richtigen zu ermöglichen.Christian Marquart

„Den Wettlauf um die Deutungshoheit von Nachhaltigkeit werden jene gewinnen, die das Wort „Verzicht“ aus ihrem Vokabular gestrichen haben.“

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