Ausgabe 2/2015

Geflecht des Lebens

Die Welt begreifen

Der Kosmos, die Menschen, jedes noch so kleine Ding haben in ihrer Stofflichkeit oder in ihrem Wesen ein eigenes Gefüge, einen inneren Aufbau. Er zeigt, wie die Teile untereinander und zum Ganzen hin verbunden sind. Aus ihrer Struktur resultiert auch ihre ganz eigene Handlungsweise und Wirkung.

Struktur oder Strukturen zu erfassen, ist kein leichtes Unterfangen. In der Geologie beschreibt der Begriff die Eigenschaften eines Gefüges. Bei Textilien und Materialien ist deren Aufbau und Beschaffenheit gemeint. Untersuchungen zur Sozialstruktur geben Auskunft über das soziale Beziehungsgefüge einer Gesamtgesellschaft und forschen nach Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten. Organisationsstrukturen und deren Wandel sind aus der Arbeitswelt vertraut. Strukturmodelle, wie sie die Psychologie kennt, oder mathematische und chemische Strukturen sowie Strukturen in Programmiersprachen sind komplexe, dem Laien selten zugängliche Gebilde. Dabei ist mit Struktur, abgeleitet vom lateinischen Wort „structura“ für Aufbau oder dem Partizip des Verbs „struere“, bauen, zunächst ganz allgemein die Art und Weise gemeint, wie etwas aufgebaut oder angeordnet ist.

Schieferkünstler


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© Detlef Kleinen

Ist Detlef Kleinen nicht in seinem Atelier in St. Goarshausen, ist er auf Materialsuche. Inspiriert von der Poesie der Natur, die schon Goethe angeregt hat, sammelt er Flusskiesel und Schwemmhölzer aus Rhein und Main. Oft gestaltet er seine Kompositionen auch in Kombination mit Rheinischem Schiefer. Derzeit sucht der passionierte Naturkünstler am Uferbereich um den Rheinkilometer 450 bei Worms. Das Rohmaterial sortiert er nach Größe und Querschnitt sowie Farbe. Was die Natur über Jahrmillionen erschaffen und verstreut hat, bringt Kleinen in eine neue, ästhetische Struktur, die vom jeweiligen Fundort geprägt ist. Weil die Zahl extrem flacher Steine sehr begrenzt ist, entsteht auch nur eine kleine Anzahl von Bildern. Große Reliefs entstehen im Verlauf von mehreren Monaten beziehungsweise Jahren.
www.detlefkleinen.de/ausstellungen


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© Detlef Kleinen

Will ein Text beispielsweise nicht gelingen, liegt es meist an der fehlenden Gliederung der Gedanken. Führt die nicht zum Ziel, ist als nächstes der Schreibtisch dran: alles Ablenkende verbannen, E-Mail- Account schließen, Telefon ignorieren. Hilfreich ist, wenn der Tisch nicht überquillt, nicht Zettel mit Notizen nach sofortiger Ausführung rufen. Darauf setzt auch Hans-Jörg Kraus, Geschäftsführer und Inhaber der Kraus Gruppe mit Sitz in Heidelberg. Wenn ihm etwas besonders am Herzen liegt, investiert er auch privat in große Projektentwicklungen. Hinter seinen baulichen Aktivitäten steht dabei meist ein Strukturwandel. So hat er etwa das Altklinikum Heidelberg für urbanes Wohnen revitalisiert oder das Industriedenkmal Heinsteinwerk in ein 8.000 Quadratmeter umfassendes Bürogebäude sowie das angrenzende Viertel zu einem lebendigen Stadtbezirk umgewandelt.

Die Kenntnis der Strukturen und Eigenschaften von Bakterien, Prionen und Viren ist notwendig, um Krankheitserreger wirkungsvoll bekämpfen zu können. Im neuen Hochsicherheitslabor des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin lassen sich lebensgefährliche Erreger unter höchsten Sicherheitsvorkehrungenuntersuchen. Am gleichen Standort ist auch ein bestehendes Labor- und Bürogebäude umfassend saniert worden. Im Zuge der Realisierung der Baumaßnahmen des Bundes waren Kunst-am-Bau-Wettbewerbe ausgelobt worden. Im Bereich des Zugangs steht nun ein massiver Block aus hellem, mit Titandioxid eingefärbtem Beton, der zur Seestraße hin eine Halbkugel ausbildet. Mit Beginn der Dämmerung verwandelt sich diese mittels rechnergesteuerter Projektion in ein dreidimensionales, lebendig wirkendes Objekt.

Zigtausende von digitalen Aufnahmen lässt der isländische Künstler Egill Sæbjörnsson ineinander verschmelzen. Die immer wieder neuen Strukturen erzielen eine faszinierende Wirkung: Mondoberfläche, Einzeller, Schneelandschaft, Mikroben? Keines der Bilder, die den Beton zum Pulsieren bringen, gleicht dem andern. Ihren Ursprung haben Repair Cafés in Amsterdam. Seit Martine Postma dort 2007 das erste eröffnet hat, sprießen Repair Cafés wie Pilze aus dem Boden. Allein in Deutschland gibt es inzwischen über 175, weltweit über 560. So trifft diese Art der Nachhaltigkeit den Zeitgeist und hat durchaus eine ideologische Komponente: So lange sich Gegenstände noch reparieren lassen, eröffnet sich hier eine Alternative zur Wegwerfgesellschaft.
www.rki.de

Belebter Beton

Hans-Jörg Kraus führt den Erfolg seiner Arbeit auf seine strukturierte Vorgehensweise zurück. „Abends sollte alles fertig sein, da darf nichts mehr auf dem Schreibtisch liegen, was an diesem Tag zu erledigen war.“ Zu einer solch eindrücklichen Arbeitsstruktur gehört ein strukturierter Mensch, der klare Abläufe liebt, aber auch Aufgaben delegieren kann und Vertrauen in seine Mitarbeiter hat. Dem Tag einen geregelten, immer gleichen Rhythmus geben, ist vertraut. In manchen Dörfern der Republik läuten immer noch morgens, mittags und abends die Kirchenglocken und rufen zur Arbeit oder zu Tisch. Allgemein bekannt ist auch, dass bereits kleinen Kindern ein geregelter Tagesablauf guttut.

Die Kunst, aufzuräumen

Wer eine Buchstabensuppe nach dem Alphabet ordnet, muss schon ein außergewöhnliches Verhältnis zur Ordnung haben. Auch vor dem Sortieren großer Kunst schreckt der Schweizer Aktionskünstler, Kabarettist und Fotograf Ursus Wehrli nicht zurück. Was zu viel Form oder Farbe hat, kann doch in eine einsichtige Struktur gebracht werden, so sein Tenor. Rot zu Rot, Kreise zu Kreisen, Form zu Form. Man könnte auch nach Größe ordnen. Mit seinem Buch „Die Kunst, aufzuräumen“ hat Wehrli einen internationalen Bestseller geschrieben.

Wo es völlig absurd ist, Klarheit zu schaffen, reizt es besonders. Auf Wehrlis Website kann man selbst aktiv werden und etwa Vincent van Goghs „Schlafzimmer“ neu ordnen. Per Mausklick lassen sich Stühle zusammenrücken oder die Bilder hinter dem Bett abhängen. Bei der absurden Aktion geht das Original verloren, ein neues Kunstwerk lässt sich mit dem Aufräumen nicht erschaffen.
www.kunstaufraeumen.ch

Die Auflösung fester Strukturen wiederum bringt – bis sich neue Modelle des sozialen Zusammenlebens etabliert haben – zunächst Verunsicherung. So ist auch das Wort „Umstrukturierung“ für viele ein Unwort. Umstrukturierung, etwa in Bereichen der Kulturlandschaft, bei den Kirchen oder in Kommunen, erfahren die Betroffenen meist als Fusion, die primär aus Kostengründen erfolgt. Sie bringt oft eine Reduktion der bisher gewohnten Angebote. Tatsächlich verlangen technische Neuerungen, das digitale Zeitalter, die internationale Vernetzung und der soziale Wandel immer wieder nach neuen Strukturen der Arbeitsorganisation. Doch was bringt eine neue Struktur, wie sie sich auch von vielen Unternehmen alle Jahre wieder auferlegt wird?

Von Aari bis Zuni: 2.600 Sprachen, über die ganze Welt verteilt, listet der World Atlas of Language Structures (WALS) auf, den das Max Planck Institut herausgibt. Dass Sprachen in ihrer inneren Struktur und ihrem Aufbau gänzlich unterschiedlich sind, ist der große Stolperstein für digitale Übersetzungshilfen: Eine wörtliche Eins-zu-eins-Übersetzung wird den Texten in der Regel nicht gerecht.

Weil Sprache – mittels Produktion von Zeichen und Zeichensystemen – nicht nur verbaler Ausdruck ist, sondern auch die Struktur des sozialen Handelns bestimmt, wird deutlich, wie komplex und manchmal auch kompliziert das Zusammenleben und -arbeiten von Menschen unterschiedlicher Herkunftsländer und Ethnien ist.
www.wals.info


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Sprachstruktur

2.600 Sprachen

Kommt mehr dabei heraus als das neue Briefpapier, der neue Internet-Auftritt, der Umzug von der einen in die andere Abteilung? Mitarbeiter erkennen oft nicht, wie und warum mit strukturellen Veränderungen auf sich verändernde Prämissen reagiert werden soll. Erfordern die Veränderungen auf dem Weltmarkt, beim Warenfluss und natürlich beim Wechsel in der Firmenführung wie beim Dominoeffekt die Nachjustierung der eigenen Struktur? Arbeitet man alleine erfolgreicher oder im Team? Ist Homeoffice eine Option oder fördert sie den Müßiggang? Fehlt Transparenz und Einsicht, was neu strukturierte Abläufe bewirken könnten, verhindert der Unmut darüber einen positiven Effekt. So wird vieles auch nicht verändert, was sinnvoll und erfolgversprechend sein könnte.

Patchwork – Gesellschaft ist Umbruch


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Sophie ist die Tochter von Elisabeth aus erster Ehe. Beide leben mit Jürgen, dem aktuellen Lebensgefährten der Mutter, und mit Timo, seinem älteren Sohn aus erster Ehe zusammen. Sein jüngerer Sohn lebt bei der Ex-Frau, die inzwischen wieder verheiratet ist und noch eine Tochter bekommen hat. Alle treffen sich zu Familienfeiern im großen Haus von Henry, Elisabeths früherem Mann. Seit die größten Querelen ausgeräumt sind, arrangiert man sich. Es wäre zu kompliziert, eine Vereinbarung zu treffen, wann, wer zu wem zum Feiern der jeweiligen Geburtstage geht. Eine Glosse?

Nein, das bunt gemischte Zusammenleben ist inzwischen Lebenswirklichkeit in einer Gesellschaft, in der das Familienmodell „Papa, Mama und die Kinder“, nicht mehr auf alle Ewigkeit festgeschrieben ist. Familienstrukturen lösen sich auf, neue Konstellationen entstehen und das Leben in Patchwork-Familien ist längst Realität. Die Veränderung von Lebensmodellen hat Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft. Wie, in welchen Zeitläufen und in welchen Schichten dieser Prozess abläuft, erläutern Sozialstrukturanalysen, die auch die Aussagen eines Strukturwandels, den die Demografie vorhersagt, mit Leben füllen.

Für die meisten hat Struktur etwas mit Ordnung zu tun. Wer unstrukturiert arbeitet, so wird gemutmaßt, bekommt nichts auf die Reihe. Man könnte damit kokettieren, eine „unstrukturierte“ Person zu sein, um sich einen fantasievollen Anstrich zu geben. Allenfalls Künstlern wird zugestanden, aus dem Dolcefarniente die Kraft für neue kreative Werke zur schöpfen. Ob es so ist, sei dahingestellt. Der Aktions- und Objektkünstler Dieter Roth gilt als einer der einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Er hat mit seinem „Archiv des flachen Abfalls“ der Ordnungsstruktur, wie sie noch vor dem papierlosen Zeitalter in Amtsstuben üblich war, ein bemerkenswertes Denkmal gesetzt. Über Monate hinweg hat er die Reste des Tages, vom zerknüllten Papierschnipsel, der Eintrittskarte bis zur Zigarettenkippe, fein säuberlich in Plastikhüllen, jeweils nach Datum sortiert, abgelegt und damit einen ganzen Aktenschrank gefüllt. Ein sehr strukturiertes Vorgehen, das gleichzeitig aber auch absurd erscheint. In gesellschaftlichen Zusammenhängen sind Strukturen jedenfalls kein Selbstzweck. Wie beim Bauen lassen sie sich immer wieder neu erschaffen oder weiterentwickeln.Susanne Ehrlinger

Die Struktur eines Gewebes, einer Fruchtschale oder einer Haut zu ertasten, gibt viel über deren Beschaffenheit preis. Das funktioniert auch im Dunkeln. Blindenschriften machen sich die Fähigkeit der sensiblen Fingerspitzen zu eigen.

Mit ihnen wird das Alphabet in eine tastbare Struktur übersetzt, mithilfe derer man auch ohne Augenlicht lesen kann.
www.blindenschrift.net


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Mit sechs Punkten die Welt begreifen


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