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Ausgabe 01/19Thema: Identifikation

Welterbe Dom

Sichtbeton im Hildesheimer Dom

Der Dom St. Mariä Himmelfahrt in Hildesheim geht baugeschichtlich bis ins 9. Jahrhundert zurück. Als eine der ältesten Bischofskirchen Deutschlands hat das sorgsam sanierte Kulturerbe für Gläubige und Besucher aus aller Welt eine herausragende Bedeutung.

Als der Hildesheimer Mariendom 1985 mit dem Domschatz zusammen mit der wenige Gehminuten entfernten evangelischen Kirche St. Michaelis in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen wurde, prägten bereits Bauteile aus verschiedenen Epochen und ein kompletter Wiederaufbau nach dem Krieg das Raumgefüge der romanischen Basilika. Seit über tausend Jahren verbindet dieser Ort Menschen auf besondere Weise mit Gott. Die Kirche hat sich beim Erhalt ihrer historisch bedeutsamen Bauwerke immer auch als Kulturträger verstanden, ein Engagement, das von kirchlich nicht gebundenen Menschen gleichermaßen wahrgenommen wird. So übernahm das Bistum Hildesheim mit der Sanierung des Doms im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts eine weitreichende Aufgabe und große Verantwortung für das ihr anvertraute Welterbe. Nach umfassenden Überlegungen erfolgten der Umbau und die Sanierung des Doms sowie der Neubau des Dommuseums nach einem gewonnenen Wettbewerb durch das Architekturbüro Schilling Architekten aus Köln. Die Maßnahme umfasste die Grundkonzeption und die damit verbundene Herstellung räumlicher und liturgischer Bezüge im Dom, die Neuordnung des Domvorplatzes, die Integration des Dommuseum in die ehemalige Antonius-Kirche sowie einen Museumsanbau aus Beton, der einen bemerkenswerten städtebaulichen Akzent setzt. Erst 50 Jahre nach dem Wiederaufbau war beim Hildesheimer Dom eine umfassende Sanierung notwendig geworden, die man zum Anlass nahm, das Bauwerk nochmals in Bezug auf seine ursprüngliche Raumwirkung zu überarbeiten, frühere bauliche Entscheidungen zu revidieren und die Sarkophage der Bischöfe wieder in die Krypta zu betten.

Nach dem Grundsatz „Viel bewirken, ohne viel zu verändern“ gelang es den Architekten, den sakralen Raum zu klären, massive Einbauten aus der Wiederaufbauzeit rückzubauen und damit auch die Beziehung zwischen Krypta, Langhaus und Vierung im ursprünglichen Zustand neu kenntlich zu machen. So entfernten sie die breite Treppenanlage und legten den Zugang zur Krypta wieder frei. Außerdem ordneten die Architekten den Raum gemäß der katholischen Liturgie. Sie verlegten die Bernwardstür weiter nach innen, wodurch wieder die ursprüngliche Vorhalle, das sogenannte Westparadies, zurückgewonnen wurde. Das bronzene Portal bildet nun den Anfang der Mittelachse des Hauptschiffes von Westen nach Osten, der Altarbereich wurde näher zur Gemeinde gerückt. Durch den Rückbau des in den 50er Jahren über einen halben Meter höher gelegten Bodens gelang es, die nach dem Krieg in Beton gefertigten Säulen besser zu proportionieren, indem die Basis aus Beton neu ausgebildet wurde. Gestalterisch wollten die Architekten Bauteile so, wie sie sind, sichtbar machen und Neues klar vom Bestand trennen. Im Westparadies zeigen die Innenwände und Decken, im Unterschied zum weiß verputzten Kirchenraum, rohes Mauerwerk und sichtbaren Beton. Die Öffnung der neuen Bischofsgruft – ein Glücksfall für die Archäologen – stellte eine zusätzliche konstruktive und technische Herausforderung dar.

Hildesheimer Mariendom

Bereits im Jahr 815 soll der Legende nach ein Reliquienwunder an einem Rosenstock Kaiser Ludwig den Frommen dazu veranlasst haben, an dieser Stelle eine Marienkapelle zu errichten. Wenig später gründete Bischof Altfrid am Ort des heutigen Domhofes den ersten Dombau, der unter Bischof Bernward 1015 reich mit Kunstwerken ausgestattet wurde. Weltberühmt sind die Bronzegüsse aus jener Zeit, etwa die Bernwardstür, die Christussäule oder zwei prächtig gestaltete Leuchter. Viele der Kunstschätze, wie das Bernwardskreuz und liturgische Gegenstände, haben im neuen Dommuseum einen adäquaten Platz gefunden. Abriss, Neubau, Ertüchtigung oder Anpassung an den Zeitgeist veränderten im Laufe der Jahrhunderte den Kirchenbau, der immer auch den liturgischen und kirchenpolitischen Vorgaben gemäß verändert wurde. Vorkriegsbilder zeigen die stuckverzierte, barocke Ausgestaltung des Doms, die aus dem frühen 18. Jahrhundert stammt. Kurz vor Kriegsende im März 1945 wurde das ortsbildprägende Gebäude mit seinem mächtigen Westwerk und dem Vierungsturm weitgehend zerstört. Nur der Westbau, die südlichen Langhausarkaden und Teile der Außenmauern blieben erhalten. Auch der „tausendjährige“ Rosenstock, der über Jahrhunderte die Domapsis umrankt hatte, fiel den Flammen zum Opfer. Der Wiederaufbau erfolgte unter schwierigen Bedingungen bezüglich verfügbarem Material und Finanzierung und fand erst 1960 mit der erneuten Weihung des Doms einen vorläufigen Abschluss. Dass die Wildrose unter den Trümmern gleich nach Kriegsende aus ihren Wurzeln neu ausgetrieben hat und wieder am Dom emporrankt, gilt nicht nur den Hildesheimern als zweites Rosenwunder.

„Viel bewirken, ohne viel zu verändern.“

Architekt Johannes Schilling

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Planung und Umgestaltung Dom und Dommuseum: Grundriss Erdgeschoss

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Planung und Umgestaltung Dom und Dommuseum: Längsschnitt

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Der Altarbereich im Dom vor 1945

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Der Hildesheimer Dom nach Kriegsende

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Sichtbeton unterstreicht nun den klaren Raumeindruck einer romanischen Basilika, in dezentem Kontrast zu den hellen, teils freigelegten Flächen. Für Betonspezialist Detlef Willig von der Heidelberger Beton GmbH, der die Bauphase von der Baustoffseite her begleitete, sind die Arbeiten in dem 1.200 Jahre alten umbauten Raum noch immer sehr präsent. „Es war ein besonderes Gefühl, in der Tradition alter Baumeister zu wirken“, meint er. „Man wird in diesem Raum andächtig, wer hier als gläubiger Mensch hereinkommt, empfindet etwas Erhabenes.“

„Es war ein besonderes Gefühl, in der Tradition alter Baumeister zu wirken.“

Betonspezialist Detlef Willig

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Im Zuge der Domsanierung wurde die mittelalterliche Bernwardstür weiter nach innen verlegt. Eine Wand aus Sichtbeton umrahmt nun die zweiflügelige Bronzetür.

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Sichtbeton unterstreicht in Kombination mit Mauerwerk und verputzten Flächen den klaren Raumeindruck einer romanischen Basilika.

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Mit der Sanierung und Erweiterung wird das kulturelle Erbe auch für künftige Generationen bewahrt.

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Das Dommuseum wurde in der ehemaligen St. Antonius-Kirche vollständig neu konzipiert und bietet deutlich erweiterte Ausstellungsflächen.

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Zwischen 1708 und 1731 wurde der Dom im Inneren barockisiert. Diese Aufnahme zeigt den Dom vor der Zerstörung 1945.

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Heidelberger Beton hat über 140 Kubikmeter ­Easycrete, einen selbstverdichtenden Beton (SVB) für die glatten Sichtbetonflächen, mit Betonfahrmischern aus dem nahen Werk Nordstemmen geliefert. Die herausragende Güte der Oberflächen in SB4-Qualität, die ohne Ankerkonen mit kleinen Flächenschalungen ausgeführt worden sind, gelang durch die Arbeit des Sichtbetonteams, bestehend aus Architekten, Bauherrnvertreter, Bauunternehmen und Betonproduzent. Alle Anforderungen wurden detailliert beschrieben und die nötigen Arbeiten gut aufeinander abgestimmt. „Eigentlich ist es fast Wunschdenken, dass alle am gleichen Strang ziehen, aber bei diesem Bauwerk, das so sehr im Fokus der Öffentlichkeit stand und steht, erreichten wir ein sehr hohes Niveau. Die Betonagen, teils mit zwei Betonpumpen, erforderten auch enormen Überwachungsaufwand durch zwei Baustoffprüfer, einen im Produktionswerk und einen vor Ort. Alle Beteiligten hatten den Anspruch, dass es funktionieren muss.“ Mit dem traditionsverbundenen Hildesheimer Unternehmen Kubera hatte man ein Bauunternehmen mit betontechnologischem Sachverstand mit im Boot, das mit der SVB-Thematik vertraut war, etwa dem Abdichten der Schalhautstöße. „Man kann mit diesem Hightech-Beton nicht sorglos umgehen“, weiß Fachmann Willig. „Es ist der Zusammenarbeit im Team zu verdanken, dass so ein hochwertiger Beton für die Wandflächen, teils auch für sichtbare Stürze, herausgekommen ist.“

Durch den sensiblen Umbau mit bewusster Reduktion der Formen, die hohe Materialwertigkeit und den gekonnten Einsatz der modernen Baustoffe scheint der eigentliche Charakter des Doms wiedererweckt. Damit ist gelungen, was schon zu Beginn der Sanierung seitens des Bauherrn formuliert wurde: „Das Bewusstsein für unsere kulturelle Herkunft, die im Bistum Hildesheim über tausendjährige Wurzeln hat, muss immer wieder neu gestärkt werden, um historische Vorgänge wirklich begreifen und aus der Geschichte lernen zu können. Historische Zeugnisse müssen auch im 21. Jahrhundert erhalten bleiben.“

Susanne Ehrlinger

Objektsteckbrief

Projekt:
Mariendom und Dommuseum, Hildesheim

Bauherr:
Bistum Hildesheim

Architekt:
Schilling Architekten, Köln

Bauprodukte:
Easycrete SV selbstverdichtender Beton, C30/37 mit Größtkorn 16 mm für 140 m³ Sichtbeton, ausgeführt in SB4, von der Heidelberger Beton GmbH

Pumpendienst:
Betonpumpen-Service Niedersachsen GmbH & Co. KG, Hannover

Betonüberwachung:
Betotech Baustofflabor GmbH, Nordstemmen

Betonberatung:
Heidelberger Beton GmbH

Bauunternehmen:
KUBERA GmbH & Co. KG Bauunternehmen, Hildesheim

Auszeichnung:
Niedersächsischer Staatspreis für Architektur 2016

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