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Timo Stern / unsplash.com

Ausgabe 01/19

Was zählt

Gewahr werden und aufspüren

Wie sich Einzelne mit Orten, Menschen oder Rollenmodellen identifizieren, wird Bestandteil ihrer Identität und hat entscheidenden Einfluss auf ihr Selbstverständnis, auf ihr Denken und Handeln. Wer gefragte Produkte oder Trends frühzeitig identifiziert, hat oft die Nase vorn.

Menschen identifizieren sich mit einer Arbeit, einer bestimmten Bauweise, einem Lebensstil, einer politischen Richtung, einem Land und vielem mehr. Der meist unbewusste Prozess der Identifikation unterstützt die Bildung der eigenen Identität. Ein positiver Vorgang, sofern das Vorbild nicht in Kontrast zum gesellschaftlichen Mainstream oder zu Gesetzen steht und die Identifikation dadurch zu Irritationen und Zweifeln am eigenen Selbstverständnis führt. Die Identifikation mit weltanschaulichen oder religiösen Idealen kann Gefühle der Zugehörigkeit und Empathie fördern, sofern diese nicht ideologisch motiviert sind und damit andere, die nicht dem eigenen Weltbild folgen, ausgrenzen.

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Firmansyah Permadi
  • Profiler – Auf der Spur sein

    Mittels individuell zugeschnittenem Persönlichkeitsprofil und DNA-Analyse identifiziert der „Profiler“ im Krimi den Täter. Dank modernster Technologie werden auch im wirklichen Leben minimale Spuren ausgewertet und Gesetzesbrecher selbst nach Jahrzehnten gefasst. Was im Film spannend aufbereitet funktioniert, läuft in der Realität anders ab. Das Bundeskriminalamt hält daher den Begriff „Fallanalytiker“ für geeigneter, da zur Profilerstellung und Identifizierung erst eine zuvor durchgeführte Fallanalyse mit dem zentralen analytischen Prozess der Tatrekonstruktion erforderlich ist. Unlängst hat ein Team von Künstlern und Wissenschaftlern von sich reden gemacht, die öffentlich zugängliche Quellen nutzen und als digitale Detektive eine Rekonstruktion von Tatorten mittels Geodaten und Videos erstellen. Die Menschenrechtsaktivisten versuchen auf diese Weise, der Wahrheit näher zu kommen, als es mancherorts, etwa in Mexiko oder im Nahen Osten, die ermittelnden Behörden tun. Nun konnte die Gruppe namens Forensic Architecture Ergebnisse ihrer Cyberermittlung in der Tate Gallery in London ausstellen. Die öffentliche Aufmerksamkeit, die durch solche Präsentationen erzeugt wird, soll die Ermittlungen weiter vorantreiben oder erneut auf die Spur bringen. Für seine Arbeit wurde das Team von Forensic Architecture im vergangenen Jahr für den Turner-Preis nominiert.
    www.forensic-architecture.org

  • American Dream

    Ausstellung „Cady Noland“ in Frankfurt am Main
    Stars and Stripes, Holzkohlegrill, Zaumzeug, Cowboysattel und Waffen sind Symbole US-amerikanischer Identität. Scheinbar naiv nimmt die Künstlerin Cady Noland in ihrer Ausstellung im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main (MMK) den Mythos des amerikanischen Traums ernst, dabei sind seine Schattenseiten doch längst zu einer globalisierten Wirklichkeit geworden: Verherrlichung von Gewalt, radikale Individualisierung, Konsum als Antrieb und Erfüllung, Kampf durch Ausschluss und Abgrenzung. Barrieren, Gatter und Zäune zeugen in Cady Nolands Werk von den physischen und symbolischen Manifestationen, die Öffentlichkeit erzeugen und Teilhabe ausschließen. Käme – derart arrangiert – aus Dirndl, Lederhose, Adler, D-Mark, Bockwurst, Ampelmännchen, Mercedes-Stern, Sig Sauer, Schlagbaum und Leipziger Allerlei ein ähnlich verstörendes Bild zustande? Niklas Maak, Feuilletonredakteur der FAZ, erfasst dank der Cady-Noland-Ausstellung den aktuellen Zustand der USA: „Ein Ledersattel ist noch das wärmste, humanste Ding in dieser Sammlung kalter Prothesen, eine Erinnerung an die Gründungszeit, die Hoffnung der Migranten und Siedler des neunzehnten Jahrhunderts, an das Versprechen eines freien, offenen, für alle zugänglichen Lands, das mit dem Tod der dort lebenden Indianer erzwungen wurde. Es ist selten so, dass man ein ganzes Land, einen Moment der Gegenwart besser versteht, wenn man ins Museum geht. Hier ist es der Fall.“

  • Corporate Social Responsibility (CSR)

    Auf gute Nachbarschaft
    Weltweit ist HeidelbergCement der dialogorientierte Austausch mit den Standort-Gemeinden und den lokalen Behörden im Sinne einer harmonischen Nachbarschaft äußerst wichtig. Denn ohne Unterstützung der regionalen Partner ist ein profitables und nachhaltiges Wirtschaften schwer. „Wir fokussieren uns bei unseren CSR-Aktivitäten auf drei Bereiche, in denen wir aufgrund unserer Kernkompetenzen am meisten bewirken können, indem wir beispielsweise Bildung fördern“, so Tobias Hartmann, Globaler Corporate Social Responsibility Manager bei ­HeidelbergCement. Für den Fokus „Bildung, Ausbildung und Kultur“ setzt das Unternehmen zwei besonders identifikationsstiftende Projekte um: In Kasachstan wird die duale Ausbildung von Industriemechanikern nach deutschem Vorbild unterstützt, wodurch dem nationalen Mangel an diesen Fachkräften aktiv begegnet wird. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt HeidelbergCement in Indonesien: Dort wurden allein im Jahr 2017 über 2.000 Maurer darin geschult, effizient zu bauen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt bei beiden Projekten darin, dass es dem in 60 Ländern tätigen Unternehmen gelingt, das Kerngeschäft und dessen Herausforderungen mit sozialem Engagement sinnvoll zu vereinen – und es dadurch zu einem guten Nachbarn wird. Elena Lenz

  • Plädoyer für Europa

    Europäische Identität neu entdecken
    Jahrzehntelang stand Europa nicht in Frage. Spätestens nach einem Erasmus-Aufenthalt in einer der Metropolen identifizierten sich junge Leute mit den Zielen der Europäischen Union, die in ihren Mitgliedsstaaten eine Gesellschaft anstrebt, in der Inklusion, Toleranz, Rechtsstaatlichkeit, Solidarität und Nichtdiskriminierung selbstverständlich sind – Werte, die bislang den europäischen Lebensstil prägten und die nach dem Zweiten Weltkrieg den Frieden 70 Jahre lang sicherten. So erregte der provokante Vers „Europa, dieser Nasenpopel aus einer Konfirmandennase“ aus dem Alaska-Zyklus von Gottfried Benn bei Studierenden in den 70er Jahren Unmut und ließ sich nur erklären, indem man den zeitlichen Kontext kurz vor dem Ersten Weltkrieg heranzog. Tatsächlich hat Europa mehr zur Identität seiner Bewohner beigetragen, als vielen heute bewusst ist.
    Europa ist in unserem Wissen, Handeln und Fühlen allgegenwärtig. Monumente, die uns überall in Europa begegnen, sind die Speicher dieses Wissens. Doch der Europa-Enthusiasmus der Nachkriegszeit ist heute einer müden Gleichgültigkeit gewichen. Was ist aus der verheißungsvollen Idee eines vereinten Europas geworden? Jürgen Tietz hat 2018 anlässlich des Europäischen Kulturerbejahrs ein flammendes Plädoyer für mehr gelebte europäische Identität veröffentlicht. Der Autor nimmt die Leser mit auf eine kulturgeschichtliche Reise zu Orten und Monumenten, Epochen und Ereignissen – zu den Eckpfeilern in einer sich wandelnden Welt. Seine grenzüberschreitenden Beobachtungen, ausgehend vom St.-Gotthard-Hospiz, laden dazu ein, sich in Europa wiederzuerkennen und den Prozess des Wandels aktiv und gemeinsam zu gestalten.

  • Wer ist was? Was ist Wer?

    Man kann auch etwas oder jemanden identifizieren. So gesehen versteht man unter dem Vorgang die amtliche Identitätsfeststellung von Personen oder die Identifizierung biologischer Spezies. Deren Authentizität oder Zuordnung ist mittels Ausweis, Fingerabdruck oder Genanalyse überprüfbar. Es gibt unterschiedlichste Methoden und Gründe, den Aufenthaltsort von jemandem oder die Beschaffenheit von etwas zu identifizieren. Entlaufene Haustiere lassen sich dank implantiertem Mikrochip identifizieren und dem Besitzer zuführen. Der Aufenthaltsort abwesender Teenager lässt sich per GPS-Daten ermitteln. Für Lottogewinner, die sich nicht melden, hat eine Identifizierung andere Auswirkungen als für Straftäter. Ist die Zusammensetzung von Werkstoffen unklar, könnte die Identifizierung der Bestandteile bedeutsam für deren Handhabung im Arbeitsprozess sein.

  • Weil ich nun mal hier lebe

    Ausstellung zu Identifikation und Ausgrenzung in Frankfurt am Main
    Menschen erfahren Identität, Identifikation oder Zugehörigkeit in unterschiedlicher Weise. In jüngster Zeit thematisieren Künstler, Historiker, Soziologen und Psychologen verstärkt unterschiedlich erlebte Realitäten. Die Künstlerinnen und Künstler Harun Farocki, Azin Feizabadi, Forensic Architecture, Natasha A. Kelly, Erik van Lieshout, Henrike Naumann, Emeka Ogboh, spot_the_silence, SPOTS, Hito Steyerl und Želimir Žilnik setzen sich etwa in der Ausstellung „Weil ich nun mal hier lebe“ im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main (MMK) mit strukturellem und institutionellem Rassismus und Gewalt auseinander. Dabei protokollieren, ergänzen und hinterfragen sie die Konstruktion einer nationalen Homogenität, in der rassistische Gewalt in all ihren Formen alltäglich, den vermeintlich Nichtbetroffenen jedoch oft nicht gegenwärtig ist.

  • Ich bin ein Mensch. Heimat

    Ein Leben in Mecklenburg-Vorpommern
    Manuela Koska zeigt in Interviews und Fotos Jung und Alt aus Mecklenburg-Vorpommern. Viele der Vorgestellten haben einen migrantischen Hintergrund, manche sind nach der Wende in die Welt gezogen und nun zurückgekommen. Auch Professor Michael Succow, der Träger des Alternativen Nobelpreises, kommt zu Wort. Er erlebt in der in immer größer werdenden Inanspruchnahme von Natur einen Verlust an Heimat, verbunden mit der „Zerstörung der sozialen und dörflichen Strukturen“.

    Buch: Ich bin ein Mensch. Heimat, Manuela Koska, ISBN 978-3-356-02146-2

„Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.“

Albert Einstein

Schauspieler, die sich bewusst in eine Rolle einfühlen und dadurch die fiktive Person glaubhaft darstellen können, überzeugen auf der Bühne oder im Film besonders. Robert de Niro hat für seine Rolle als Jake LaMotta das Boxen wie ein Champion gelernt. Der junge Marlon Brando hat als wilder Halbstarker eine ganze Generation beeinflusst. Mittels Jugendsprache wollen Jugendliche und Junggebliebene ihre Zugehörigkeit ausdrücken. „Jugendliche befinden sich noch voll im Identitätsfindungsprozess und der Konstruktion des Selbstbildes. Die Sprache dient dabei als eine Art Erkennungsmerkmal untereinander“, erläutert die Soziolinguistin Diana Marossek in ihrem Beitrag „Was geht ab, du Knecht?“ in der Wochenzeitung der „Freitag“ und konstatiert, dass auch in der Jugendkultur das Traditionelle verstärkt auftauche.

„Jugendliche befinden sich noch voll im Identitätsfindungsprozess und der Konstruktion des Selbstbildes.“

Soziolinguistin Diana Marossek

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© Microgen / Fotolia.com

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Cady Noland, Gibbet, 1993/1994, Courtesy The Brant Foundation, Greenwich, Connecticut (US)

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MUSEUM MMK FÜR MODERNE KUNST / Frankfurt am Main / Pressebild

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Buchtitel: Monument. Europa: Wie Baukultur europäische Identität stiftet. Autor: Jürgen Tietz. Verlag: NZZ Libro. ISBN: 978-3-03810-288-5

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© HeidelbergCement (Steffen Fuchs).

Haben sich Menschen früher mit ihrer Arbeit stärker identifiziert oder deutet die oft selbst gewollte Dauererreichbarkeit via Smartphone nicht eher darauf hin, dass sie sich rund um die Uhr mit ihrer Arbeit befassen möchten? Da fasst man sich zunächst am besten an die eigene Nase. Mache ich eine Arbeit, die für mich und andere sinnvoll ist? Mache ich sie so gut, wie ich sie machen könnte? Entspricht das, was und wie ich es inhaltlich mache, mir und meinen Ansprüchen und Vorstellungen? Nicht zuletzt, wie sehe ich oder stehe ich zu meinem Arbeit- oder Auftraggeber? Führungskräfte wiederum fragen sich: Welches Potenzial steckt im Mitarbeiter? Wie lassen sich besondere Befähigungen identifizieren, um die Effizienz ihres Personals zu steigern? Wenn Unternehmen ihre Kernkompetenzen analysieren, soll dies der Identifikation von Ressourcen und Fähigkeiten dienen und letztlich Wettbewerbsvorteile bringen.

Im konkreten Kontakt etwa mit Architekten, Ingenieuren, Bauleuten oder auch den Bauherren lässt sich Identifikation immer wieder leicht erkennen. Wenn Augen strahlen, wenn die Begeisterung und das Engagement im Gespräch spürbar werden, wenn die Freude über ein Ergebnis auch nach Monaten noch trägt, wenn also leidenschaftlich um beste Lösungen gerungen worden ist, dann zeigt sich ein hohes Maß an Identifikation, das allen Beteiligten gut tut. Doch von welcher Seite aus auch immer betrachtet: Identifikation ist nicht statisch, sie unterliegt einem steten Wandel, der dem Alter, gesellschaftlichen und technologischen Bedingungen, raffinierten Werbestrategien, politischen und globalen Verhältnissen, kurzum dem Zeitgeist geschuldet ist.

Susanne Ehrlinger
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