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© Bundesstiftung Baukultur, Design: Heimann und Schwantes, Berlin

Ausgabe 01/19

„… vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße …“

Interview mit Reiner Nagel, Bundesstiftung Baukultur

Im Gespräch macht Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur klar, dass „Räume Menschen prägen“. Um die Identifikation mit der gebauten Umwelt zu stärken, fordert er daher mehr Vielfalt und eine höhere Material- und Handwerkskultur.

context: Herr Nagel, gerade haben Sie auf dem „Konvent der Baukultur“ in Potsdam den neuen Baukultur-Bericht 2018/19 der Bundesstiftung Baukultur zum Thema „Erbe – Bestand – Zukunft“ vorgestellt. Welche Rolle spielt aus Sicht der Stiftung der Bestand für die Identifikation in Städten und Dörfern?

Reiner Nagel: Eine sehr große. Das Gefühl, zuhause oder beheimatet zu sein, macht sich fest an Orten und gebauten Räumen. Drei Prozent der Gebäude in Deutschland sind Denkmale, ein Drittel sind ortsbildprägend und etwa 900 Städte haben historisch gewachsene Stadtbilder, auf die die Einwohner stolz sind. Wir sind sicher, dass Räume Menschen prägen. Christian Norberg-Schulz hat in seinem Anfang der 80er Jahre erschienenen Buch „Genius Loci. Landschaft, Lebensraum, Baukunst“ dieses Phänomen beschrieben und den verschiedenen regionalen Siedlungs- und Bauformen die Eigenschaft von Identität und Charakter zugeschrieben, die letztlich Identifikation erzeugen.

c: Was müssen Neubauten leisten, damit sie über das gleiche Identifikationspotenzial verfügen wie historische Schlösser, Kirchen oder Fachwerkhäuser?

RN: Zunächst trifft es zu, dass Altbauten eine höhere Akzeptanz erfahren als Neubauten. Nach unserer Bevölkerungsbefragung bevorzugen 36 Prozent der Menschen Altbauten, sieben Prozent dagegen finden Neubauten besser. 57 Prozent sind offen und finden fallweise beides gut. Wenn es aber um Rekonstruktionen geht, so stimmen sogar 80 Prozent der Deutschen zu. Hier gehen Publikumsgeschmack und das Votum der meisten Fachleute massiv auseinander und man muss sich fragen, woran liegt das und was löst bei historischen oder historisierenden Gebäuden Zustimmung aus? Ich glaube, dass es die Ausdifferenzierung und Kleinteiligkeit vieler Gebäude ist, bei denen bis hin zum Ornament die handwerkliche Sorgfalt und der menschliche Maßstab ablesbar und spürbar sind. Dagegen sind viele unserer Neubauten schlechte Imitate einer noch nicht vollendeten Moderne. Die Bevölkerung spricht von Klötzchenarchitektur und meint die wärmedämmoptimierten Lochfassadenbaukörper, die derzeit landauf, landab ohne regionale Unterschiede entstehen. Hier brauchen wir wieder mehr Vielfalt, architektonische Gliederungselemente und eine höhere Material- und Handwerkskultur.

Auf der Suche nach der verlorenen Identifikation

Die Bankenmetropole Frankfurt am Main, Deutschlands einzige Großstadt mit einer ernstzunehmenden Skyline, hat sich eine Rekonstruktion seiner „Altstadt“ gegönnt, die im Zweiten Weltkrieg vollständig untergegangen war. Anstelle des „Technischen Rathauses“ der 1970er Jahre ist ein kleines Stadtquartier getreten. Ob es sich dabei um eine erfolgreiche Wiederbelebung der Geschichte handelt, einen Identifikationsanker für die Frankfurter Seele oder um einen städtebaulichen Wiedergänger, der den zahlreichen Touristen als gemütvolle Hintergrundfolie für ihre Selfies dient, kann seit September 2018 jeder selbst erkunden.

„Das Gefühl, zuhause oder beheimatet zu sein, macht sich fest an Orten und gebauten Räumen.“

Reiner Nagel

c: Das Europäische Kulturerbejahr 2018 hat auch die „Big Beautiful Buildings“ der Nachkriegsmoderne thematisiert, wie ein Projekt in Nordrhein-Westfalen hieß. Besitzen auch die Bauten dieser Zeitschicht Identifikationspotenzial?

RN: Ja, und ganz offensichtlich sind immer mehr Menschen bereit und in der Lage, das auch zu sehen. Es ist schon ein Phänomen, dass gerade die junge Generation von der brutalistischen Architektur der Nachkriegszeit zunehmend begeistert ist und sich richtige Fanclubs bilden. Gleichzeitig werden viele dieser Gebäude nach mehr als einer Generation jetzt zu Recht als wichtige Denkmale erkannt und unter Schutz gestellt. Auch wenn Schönheit dabei kein Kriterium ist, hilft es natürlich für die Akzeptanz der denkmalpflegerischen Entscheidung, wenn diese Bauten zunehmend als prägnant, apart oder schön erkannt werden.

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© Stephan / Fotolia.com

c: In manchen Städten sorgt der „Donuteffekt“ dafür, dass die Zentren veröden und die Stadtränder immer dichter besiedelt werden. Wie können Stadtzentren so attraktiv werden, dass sie künftig wieder als gemischte Wohn- und Geschäftsareale zur Identifikation für die Bewohner und die umgebende Region beitragen?

RN: Wichtiger als die Frage nach dem „wie“ ist zunächst die Entscheidung für das „ob“. Wenn sich Gemeinden aktiv dafür entscheiden, ihre Zentren wieder aufzuwerten und konkurrierende Flächenentwicklung an den Ortsrändern restriktiv zu handhaben, ist schon mal das meiste gewonnen. Wie immer gibt es dann viele Wege zum Ziel: Alle Kraft auf die Mitte und beispielsweise durch den Umbau verfallener Häuser aktive Zeichen setzen für einen Neuanfang. Investitionsprogramme in den öffentlichen Raum können ebenso einen positiven Beitrag leisten wie das vielerorts inzwischen etablierte Förderprogramm „Jung kauft Alt“, bei dem die Sanierung alter Gebäude für das Wohnen durch junge Familien gefördert wird. Und dann braucht es eine Reanimation der Versorgungsinfrastruktur, vom Handel bis zur Gastronomie. Alles nicht einfach, aber auch nicht unlösbar. Und da, wo sogenannte Baukulturgemeinden den Umbruch angehen, sind sie wieder auf der Gewinnerstraße beim Image und erfahren einen Bevölkerungszuwachs.

Info

Reiner Nagel, Architekt und Stadtplaner; Seit Mai 2013, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur

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© Till Budde für die Bundesstiftung Baukultur

c: Der Wohnungsbau ist die zentrale Bauaufgabe in Deutschland. Welche Qualitäten müssen diese neuen Quartiere besitzen, damit sich die Bewohner mit ihnen identifizieren?

RN: Wenn wir über Quartiere reden, denken wir schon mal in die richtige Richtung. Man darf nämlich nicht vergessen, dass etwa ein Drittel des Wohnungsneubaus derzeit in Baugebieten für Einfamilienhäuser entsteht – weder gemischt, städtebaulich attraktiv noch immobilienwirtschaftlich nachhaltig. Wohnungsneu- oder -umbau in gemischten Quartieren muss zunächst viele der Wohnqualitäten des Einfamilienhauses berücksichtigen: möglichst hohe Flexibilität und Möglichkeit zur Individualisierung beim Wohnungszuschnitt, Wohnruhe, viel Grün im Umfeld und einen nutzbaren, privaten Außenraum als Terrasse oder Loggia. Und dann muss das Quartier sozial gemischte Nachbarschaften bieten, die wichtigsten Versorgungsangebote und attraktive öffentliche Räume als Treffpunkte und Adressbildner. Städtebaulich muss konsequent in privat und öffentlich unterschieden werden, damit so etwas wie ein gewünschtes urbanes Milieu entsteht und es braucht natürlich kritische Masse, das heißt, eine Geschossflächenzahl größer als 1,5. Das Programm dieser Quartiere hat Tucholsky in seinem Gedicht „Das Ideal“ aufgeschrieben: „… vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße …“ und selbst festgestellt, dass die uns innewohnende Ambivalenz unserer Wünsche letztlich ohne Abstriche nicht erreichbar ist. Dennoch sind Quartiere der Gründerzeit und des sozialreformerischen Wohnungsbaus der 20er Jahre immer noch die beliebtesten Wohngegenden und sicher auch wegen der veränderten Vorzeichen der Funktionstrennung unseres Planungs- und Baurechts nach dem Krieg nur selten wieder in dieser Qualität erreicht worden.

Die Fragen stellte Dr. Jürgen Tietz.
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