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Ausgabe 01/19Thema: Identifikation

Unbeschwert aufwachsen

Jugendclub und Familienzentrum Betonoase

Das erste öffentliche Gebäude aus Infraleichtbeton steht im Berliner Ortsteil Rummelsburg. Maßgeschneidert für Ort und Aufgabe, begeistert die identitätsstiftende Sichtbetonarchitektur durch sinnlich erfahrbare Qualitäten. Mit dem Passivhaus betrat der Bezirk technisch und ästhetisch Neuland.

Die Möglichkeit, ein Haus mit einer einschaligen Sichtbetonwand zu bauen, fasziniert Doris Gruber und Bernhard Popp schon seit langem. Als sie für den Berliner Bezirk Lichtenberg ein Jugend- und Familienzentrum planten, inspirierte sie der Name des ehemaligen Jugendclubs „Betonoase“ unweit des jetzigen Standorts zum kühnen Entwurf: Nach einem erfolgreichen Gutachterverfahren platzierten die Architekten einen flachen Pavillon aus Infraleichtbeton zwischen die zehn- bis zwanzigstöckigen Wohnhochhäuser. Der ebenerdige, zweiteilige Bau mit begrüntem Dach besteht aus einer massiven Konstruktion, die gleichermaßen trägt und dämmt. Als Zukunftsbaustein für das gesellschaftliche Leben in Lichtenberg bietet die Betonoase mit ihrer prägnanten und funktional durchdachten Architektur einen gerne besuchten Ort für nachbarschaftliche Begegnungen von Menschen unterschiedlichster Herkunft. Inmitten eines Gartens sind Familienzentrum und Jugendclub unter einem Dach als selbständige Einrichtungen konzipiert. Jede hat ihre eigene Identität, ihre eigenen Besucher, ihre eigene Leitung, ihre eigene Adresse und folgerichtig auch ihren eigenen Eingangs- und Außenbereich. Kinder und Jugendliche spielen, kochen, essen und feiern in einem Teil des Bauwerks. Das Familienzentrum für Eltern mit kleinen Kindern bietet im anderen eine Anlaufstelle zum informativen Austausch oder zum Spiel mit den Kleinen. Natürlich gibt es Gemeinsamkeiten der beiden Institutionen. Auch das haben die Architekten räumlich und funktional vorbereitet. So lassen sich die beiden separaten Eingangsbereiche bei Bedarf zu einem gemeinsamen Foyer verbinden. Und der Innenraum ist ohnehin geprägt von der Großzügigkeit ineinander fließender Spiel-, Arbeits- und Aufenthaltsräume, von Transparenz und Offenheit. Außen verschmelzen die räumlich versetzten Terrassen zu einem gemeinsamen Garten. Wie einen Maßanzug haben Gruber und Popp das Haus gestaltet, bis hin zur passgenauen Möblierung, den einladenden, hölzern ausgekleideten Fensternischen, die tief genug sind, sich hineinzusetzen, um die Seele baumeln zu lassen.

  • Wärmt und trägt: Infraleichtbeton

    Infraleichtbeton ist ein besonders leichter Beton. Während Leichtbeton per Definition ein Gewicht von maximal 2000 kg/m³ hat, kann Infraleichtbeton mit leichteren Zuschlägen ein Gewicht von unter 800 kg/m³ erreichen. Anstelle von Schotter oder Kies werden bei der Produktion dieses Betons Blähton oder Blähglas eingesetzt, was diesen so leicht und porös macht und viel Luft einschließt. Dadurch entsteht ein wärmedämmender und zugleich tragender Beton. Durch die integrierte Wärmedämmung bietet dieser monolithische Werkstoff ein großes Gestaltungspotenzial. Für den Geschosswohnungsbau sind Festigkeitseinbußen, die durch die Gewichtsreduktion entstehen, vertretbar. So kann bei einer Trockenrohdichte von unter 800 kg/m³ noch eine Druckfestigkeitsklasse von LC8/9 erreicht werden. Für die eingeschossige Betonoase wurde von der TU Berlin in Zusammenarbeit mit HeidelbergCement ein Beton mit einer Trockenrohdichte von 700 kg/m³ entwickelt, der eine Druckfestigkeit von 9 N/mm² aufweist.

  • Leicht und für die Baupraxis verfügbar

    Heidelberger Beton macht Infraleichtbeton praxistauglich
    Geht nicht, gibt’s nicht: Die Heidelberger Beton GmbH hat Infraleichtbeton aus der Forschungsphase in die Praxis geführt. Der Hype um Infraleichtbeton ist groß. Architekten wünschen sich monolithische Bauweisen aus sichtbarem Beton, die nachhaltig und authentisch sind. Mit dem Jugend- und Familienzentrum Betonoase in Berlin wurde nun erstmals in Deutschland ein öffentliches Gebäude mit Infraleichtbeton realisiert. Der für dieses Projekt von Heidelberger Beton in Zusammenarbeit mit Gruber und Popp Architekten (Berlin) und Professor Mike Schlaich (Berlin) konzipierte Beton wurde so konfiguriert, dass er in dieser Güte für unterschiedlichste Projekte auch andernorts herstellbar und lieferbar ist. Heidelberger Beton hat die Vorstellungen des Architekten bezüglich Leistungsfähigkeit und Aussehen in ein praxistaugliches Produkt umgesetzt, dessen Ausgangsstoffe nun klar definiert sind. Damit kann dieser Infraleichtbeton mit den beschriebenen Leistungsparametern für weitere Projekte in Berlin oder auch anderswo produziert werden. Der Betonproduzent begleitet den gesamten Bauprozess, berät schon im Vorfeld und gibt Architekten Hinweise für das Leistungsverzeichnis. Außerdem erhalten die Bauausführenden konkrete Hinweise, wie mit diesem selbstverdichtenden Beton bezüglich Schalungsausbildung oder Einbau umzugehen ist. Mit der Betonoase hat Infraleichtbeton aus der Forschungsphase heraus den Sprung in die baupraktische Anwendung geschafft. Weitere Projekte mit Infraleichtbeton benötigen bis auf weiteres jeweils eine Zulassung im Einzelfall. Auf die Erfahrungen aus dem Projekt Betonoase kann dabei zurückgegriffen werden.

  • Sichtbeton – Infraleichtbeton

    „Ich hatte nur SB 2 ausgeschrieben, aus Angst, dass sich bei höherer Anforderung kein Bauunternehmen für die Ausführung des Rohbaus meldet“, erinnert sich Architekt Bernhard Popp. Er ließ ein Vlies in die Schalung einlegen und erzielte ein phänomenales, glattes und lunkerarmes Ergebnis. Zur Anschauung und Entscheidung wurden vom Bauunternehmen E & W Bautec aus Eberswalde vor Ort Musterwände gegossen und mit den Architekten und dem Bezirksamt abgestimmt. Gemäß Merkblatt für Sichtbeton ist Infraleichtbeton aufgrund seiner porösen Zuschläge eigentlich nicht in eine der Qualitätsstufen zwischen SB 1 und SB 4 einzuordnen, dennoch wurde in Berlin über die Bemusterung die gewünschte Qualität zwischen dem Architekt und dem Auftraggeber genau definiert. Diese vereinbarte Sichtbetonqualität ist an der Betonoase einvernehmlich und mit herausragendem Ergebnis erreicht worden. Außerdem wurde bei der Betonoase die Bewehrung verzinkt, um einen Schutz gegen Korrosion in Folge von Karbonatisierung zu erreichen. Aufgrund der geringeren Dichte des Infraleichtbetons könnte Kohlenstoffdioxid aus der Luft in den Beton eindringen. Dieser versäuert den Beton – die Verzinkung bietet in diesem Milieu einen sicheren Schutz der Bewehrung vor Korrosion.

Nötig geworden war der mit Mitteln aus dem Stadtumbau Ost geförderte öffentliche Neubau, weil der ehemalige Mittelpunkt des Wohngebiets, das aus den 70er Jahren stammende Dolgensee-Center, mitsamt dem Jugendclub abgerissen und seine Fläche städtebaulich neu gestaltet werden musste. Das Familienzentrum war separat in einer Plattenbauwohnung untergebracht, prominent platziert erzielt es nun viel mehr Aufmerksamkeit im Viertel.

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Sven Grässl ist Leiter des Jugendclubs Betonoase.

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© HeidelbergCement (Steffen Fuchs).

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Ein Oberlicht bringt zusätzlich Helligkeit ins Innere. Für die Einbauten aus Holz wählten die Architekten Seekieferplatten.

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Infraleichtbeton ermöglicht eine monolithische Bauweise, bei der ein einziges Material den Lastabtrag wie auch die wärmedämmende Funktion übernimmt.

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© GRUBER + POPP ARCHITEKTEN BDA Berlin

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© HeidelbergCement (Steffen Fuchs).

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Die Ankerkonen sind sichtbar belassen, die Lage der Fugen ist genau definiert.

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© HeidelbergCement (Steffen Fuchs)

„Der Bezirk Lichtenberg hat die Entstehung der Betonoase mit Fortschrittswillen und kulturellem Verständnis begleitet.“

Architektin Doris Gruber

Der Name Betonoase hatte die Architekten zum gestaltprägenden Material geführt. Auf Infraleichtbeton fiel die Wahl, weil er es ihnen ermöglichte, monolithisch zu bauen sowie Innen und Außen voneinander zu trennen und doch gleichzeitig zu verbinden. Der neu entwickelte Baustoff kommt als Sichtbeton ohne Putz und Dämmung aus, er erfüllt in Berlin mit einer 50 Zentimeter dicken Wand bei der Wärmeleitfähigkeit des Infraleichtbetons von 0,141 W/mK den Passivhausstandard. So fühlen sich die grauen, glatten Wände warm, samtig und handschmeichelnd an und sind gleichzeitig im täglichen Betrieb der öffentlichen Einrichtung sehr widerstandsfähig. In Kombination mit den Holzeinbauten und den Verglasungen wirken sie zudem ästhetisch ansprechend. In den Räumen herrscht ein ausgeglichenes Klima, im Winter ist es kuschelig warm, im Sommer dringt die Hitze nicht ein. Ein wichtiges Argument für die Architekten war, dass Infraleichtbeton vollständig recyclingfähig ist.

„Infraleichtbeton hat vor allem ein großes Nachhaltigkeits-potenzial. Im Vergleich zu einer mehrschichtigen Wand mit vorgeklebter Wärmedämmung haben wir nur einen einzelnen Werkstoff.“

Professor Mike Schlaich

Auch die auskragenden 32 Zentimeter starken Vordächer über den Eingangsbereichen ließen sich mit Infraleichtbeton bauen. Für die Bemessung der biegebeanspruchten Bauteile, wie Vordächer und Fensterstürze, konnten Forschungsergebnisse herangezogen und durch erfolgreich durchgeführte Bauteilversuche an der Technischen Universität (TU) Berlin bestätigt werden. Seit langem schon forscht dort Mike Schlaich, Professor am Fachgebiet „Entwerfen und Konstruieren – Massivbau“ und Partner im Ingenieurbüro schlaich bergermann partner, an infraleichtem Beton. Sein Büro hat mit diesem Werkstoff bereits ein privates Wohnhaus realisiert.

„„Mit unserem Know-how als Baustoffproduzent haben wir den Infraleichtbeton praxistauglich gemacht.““

Betonberater Peter Bolzmann, HeidelbergCement AG

Betonberater Peter Bolzmann und sein Team von HeidelbergCement in Königs Wusterhausen unterstützen und begleiten das Forschungsprojekt der TU in Bezug auf die industrielle Produktion des infraleichten Betons. Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist ein Infraleichtbeton (ILC), der zielsicher herstellbar, praxiserprobt und beim Baustoffproduzenten abrufbar ist. Für den öffentlichen Auftraggeber und die Betonoase in Berlin kam diese Weiterentwicklung des tragenden und gleichzeitig dämmenden Baustoffs zur Anwendung. In einer zweiten Phase des Forschungsprojektes gehe es laut Peter Bolzmann darum, auch den Prozess der industriellen Vorfertigung von Elementen aus Infraleichtbeton und deren Einbau zu erforschen, damit dieser nicht nur in der Versuchsanstalt, sondern auch großtechnisch umzusetzen sei.

„Ein solches Bauwerk braucht mutige Bauherren.“

Architekt Bernhard Popp

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© HeidelbergCement (Steffen Fuchs).

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Die helle Ecke bietet Freiraum für relaxte Kommunikation und ungezwungenes Spiel.

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Glatte Sichtbetonflächen und Fenster mit Aluminiumrahmen prägen das äußere Erscheinungsbild.

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© GRUBER + POPP ARCHITEKTEN BDA Berlin

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© HeidelbergCement (Steffen Fuchs).

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© HeidelbergCement (Steffen Fuchs).

Für das Jugendzentrum in Berlin musste eine Zulassung im Einzelfall erwirkt werden, da Infraleichtbeton noch nicht durch entsprechende Normen definiert ist. Künftige Projekte können nun auf die Realisierung des öffentlichen Bauwerks am Standort Rummelsburg und auf die Leistungsfähigkeit seiner Rezeptur verweisen. Entstanden ist dort ein beispielhaftes monolithisches Bauwerk, das für weitere Anwendungen im Team mit Bauherren, Planern, Prüfern, Gutachtern und der Bauaufsichtsbehörde Vorbildcharakter hat.

Architekt Bernhard Popp ist sich darüber im Klaren, dass ein solches Bauwerk mutige Bauherren braucht. „Das Bezirksamt Lichtenberg war sehr gespannt, ob alles gelingt. Der stellvertretende Amtsleiter hatte als Tragwerksplaner jedoch keine Sorge, er wusste aufgrund der Berechnungen, dass es mit dem ‘Experimentalbau‘ gut geht“, erinnert sich der Architekt. „Eigentlich haben öffentliche Auftraggeber ja den Auftrag, vorausschauende Bauweisen zu forcieren“, meint Bernhard Popp. „Wir Architekten merken, dass alle vorsichtiger werden, weil Steuergelder und öffentliche Mittel im Spiel sind. Ich kann nur sagen: Toll dass der Bezirk so mutig war und dieses Projekt realisiert hat.“ Mit Erfolg, wie der Zuspruch nun von allen Seiten zeigt – die Nutzer sind begeistert und identifizieren sich mit ihrem Gebäude. Im Büro Gruber und Popp ist mit diesem Bauwerk die Leidenschaft für Infraleichtbeton weiter befeuert worden. „Damit bauen wir bestimmt wieder.“

Susanne Ehrlinger

Objektsteckbrief

Projekt:
Jugend- und Familienzentrum Betonoase, Berlin

Bauherr:
Bezirksamt Lichtenberg, Bildung, Kultur, Soziales und Sport, Abteilung Jugend und Gesundheit

Architekten:
GRUBER + POPP ARCHITEKTEN BDA, Berlin

Tragwerksplanung:
schlaich bergermann partner, Mike Schlaich, Boris Reyher, Berlin

Bauunternehmen:
E & W Bautec GbR, Eberswalde

Betonproduzent:
Heidelberger Beton GmbH, Werk Wuhlheide

Zement:
HeidelbergCement AG, Lieferwerk Königs Wusterhausen

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