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© pixfly + Jürgen Fälchle - Fotolia.com

Ausgabe 1/2018

Blick nach vorn

Vision oder Wirklichkeit?

Was bringt die Zeit, die auf die Gegenwart folgt? Schon immer hat die Zukunft die Fantasie beflügelt. Aktuell steigert jedoch die Geschwindigkeit, in der sich unser Alltags durch digitale, technologische und gesellschaftliche Umbrüche verändert, die Spannung auf das Kommende.

Macht das Beamen von A nach B die Frage nach der Elektromobilität bald schon obsolet? Entstehen Häuser aus der Druckmaschine und hebeln die Bauwirtschaft aus? Kreiert die Medizin Wesen, die lästige Arbeiten übernehmen? Bringt der Sieg über Krankheiten die ersehnte Unsterblichkeit? Wenn sich alles fortentwickelt, wie sieht es dann mit Demokratie, nationaler Politik und globalem Wirtschaften aus? Reicht die Vorstellungskraft über die nächsten Jahre überhaupt hinaus?

Tatsächlich verkürzt sich die Dauer, die Innovationen oder gesellschaftliche Einstellungen von ihrer Entwicklung und Einführung bis zur allgemein akzeptierten Handhabung brauchen, rapide. Brauchte das altvertraute Telefon, inzwischen ein Auslaufmodell, 75 Jahre bis es weltweit 100 Millionen Nutzer hatte, so dauerte es bekanntermaßen gerade einmal ein Jahrzehnt, bis das Smartphone die halbe Welt eroberte. Wenn also Entwicklungen, in welchem Sachgebiet auch immer, in diesem Sauseschritt voraneilen, dann ist das, was Kinder und Kindeskinder im Jahr 2050 oder gar 2118 erwartet, kaum mehr vorherzusagen oder – je nach Standpunkt – nur in vagen, blühenden oder horriblen Szenarien. Für jene, die nicht dem Motto frönen: „Nach mir die Sintflut“, ist wichtig, welche Weichen gestellt werden. Welche Verantwortung tragen Entscheidungen von heute für künftige Zeiten, wenn das, was vor kurzem noch galt, rasant überholt ist oder gar ausgehebelt wird? Tatsächlich liegt die smarte Welt, in der die vertrauten Arbeits- und Lebensweisen nicht mehr sein werden, wie wir sie heute kennen, nicht mehr in weiter Ferne. Der Einzelne mag in Hinsicht auf seine individuell erfahrbare Zukunft Ziele anstreben, die noch in greifbarer Nähe liegen. Kein Unternehmen kann sich jedoch leisten, nicht grundsätzliche Wandlungsfähigkeit zu betonen, die über das Kurzfristige hinausreicht. Noch weisen die versprochenen Zukunftsperspektiven, mal inflationär, mal wie ein Mantra vorgetragen, viel zu selten über den Tellerrand, über die nächste Wahlperiode, die nächste Aufsichtsratssitzung hinaus. Dabei dräuen – wohin man blickt – relevante Fragen: Ist womöglich der Zug bereits abgefahren? Und wohin geht eigentlich die Reise?

„Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.“

Albert Einstein

Technik und Wissenschaft gehen immer wieder an ihre Grenzen, doch wer mit utopischen Gegenentwürfen weitreichende gesellschaftliche Veränderungen anstrebt, wird von Pragmatikern ausgebremst. „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, meinte Altkanzler Helmut Schmidt bereits in den 1980ern. Doch wäre es angesichts der Verunsicherung nicht an der Zeit, sich in Zukunftswerkstätten mit neuen Ansätzen für gesellschaftliche Problemlösungen zu befassen? So hatte es in der Nachkriegszeit schon Robert Jungk, einer der ersten Zukunftsforscher, angeregt.


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© Schnepp Renou, Simon Schnepp und Morgane Renou

Auch wenn die Statistikdatenbank statista konstatiert, dass 2017 über 70 Prozent der in Deutschland Befragten optimistisch in die Zukunft blickten, steht dem großen Heer der Zukunftsoptimisten doch eine vernehmbare Anzahl von Menschen gegenüber, die skeptisch nach vorne schauen. Sehnen die einen in froher Erwartungshaltung das neue digitale Zeitalter herbei, so befürchten Zukunftspessimisten auf die umfassende Algorithmisierung und einen fremdgesteuerten Weltenlauf. Legt eine Seite die formidable Wirtschaftsentwicklung in die Waagschale, halten andere Kriege, Klimawandel und seine Folgen für die beherrschenden Themen.

Für weitreichende Entwicklungen, die einen umfassenden Wandel erwarten lassen, hatten Kunst und Kultur immer schon ein Gespür. In jüngster Zeit befassen sich eine Fülle von Büchern und Essays, von Filmen und Kolloquien mit Fragen der Zukunft. Während etwa Bestseller-Autorin Juli Zeh und der französische Starautor Michel Houellebecq mit politisch brisanten Fiktionen aufwarten, verschafft der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar in seinem jüngsten Werk „Nächste Ausfahrt Zukunft. Geschichten aus einer Welt im Wandel“, einen Überblick, was schon war, was ist und was daraus werden könnte. In der Geschichte gehe das Neue immer mit Orientierungslosigkeit einher und führe anfänglich zu Verunsicherung und Krisen. Katapultiert uns dabei der disruptive Wandel vom Gestern ins Übermorgen? Wird es womöglich vielen Industriezweigen ergehen wie dem Unternehmen Kodak, das über der Herstellung von Filmmaterial die Umstellung auf Digitalkameras verschlief? Für Yogeshwar ist die epochale Umbruchphase, in der wir stecken, mit dem Übergang vom Mittelalter zur Renaissance vergleichbar. Dieser war mit einer tiefgreifenden Erweiterung der geistigen Horizonte in Religion, Architektur, Wissenschaft, Kultur, Politik und Menschenbild einhergegangen. Ein fundamentaler Wandel, den wohl nicht erfassen kann, wer das Neue mit alten Augen betrachtet. Das klingt nach einem Quantensprung, bei dem es Gewinner und Verlierer gibt. Konsequent fragt der israelische Autor Yuval Noah Harari in seinem Werk „Homo Deus“, was vom Menschen und der Religion des Humanismus bleibe, wenn er in seiner Gier nach Gesundheit, Glück und Macht auf nicht bewusste, aber hochintelligente Algorithmen setze, die uns besser kennen als wir selbst. Wenn Technologie und Wissenschaft dem Menschen in Zukunft gottgleiche – schöpferische wie zerstörerische – Fähigkeiten verleihen, mit denen er sich auf eine neue Stufe der Evolution katapultiert, was wird dann aus dem Planeten? Das Buch zwingt zum Nachdenken. Viele Fragen bleiben offen. Gewiss ist nur eines, die Zukunft kommt rasant. Wie sie jedoch aussieht, entscheidet auch unser Zutun.Susanne Ehrlinger

Zusätzliche Informationen

Science-Fiction-Filme

Unzählige Science-Fiction-Filme formen unser Bild von Zukunft. Die Internet-Seite filmstarts.de hat mit der Liste „Die 75 besten Science-Fiction-Filme aller Zeiten“ eine Auswahl jener zusammengestellt, die uns am meisten geprägt haben dürften. Zu den Favoriten zählen Klassiker wie „E.T. – Der Außerirdische“ von 1982, „Metropolis“ von 1927, „Star Wars – Das Imperium schlägt zurück“ von 1980 und Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ aus dem Jahr 1968. Ob es sich um außerirdisches Leben, interstellare Raumfahrt-Abenteuer oder das Abbild utopischer Gesellschaften handelt, immer überraschen oder ängstigen Technik und Wissenschaft in fulminanten Zukunftsvisionen. Der aktuelle „Blade Runner 2049“, der in 3D genossen werden kann, stellt eine düstere Welt vor, in der Replikanten, künstliche Menschen, für den Einsatz im Weltraum gezüchtet werden.
www.filmstarts.de

Architektur heute, morgen, übermorgen

Es ist gerade einmal vier Jahre her, dass der Wohnkomplex „The Interlace“ von Architekt Ole Scheeren als weltweit bestes Hochhausprojekt ausgezeichnet wurde. „Die Idee war, eine vertikale Dorfstruktur zu schaffen“, hatte er der Nachrichtenagentur dpa in Peking erläutert. Gegenüber den ungewöhnlich gestapelten Hochhäusern mit 1.040 Wohnungen in Singapur mutet ein deutsches Dorf von heute wie eine mittelalterliche Puppenstube an. Wie 2060 das Wohnen auf dem Mars aussehen könnte, beschäftigt Dr. Ursula Baus von Marlowes, einem eMagazin für Architektur und Stadt. Bei Immoscout 24 hat sie erste Angebote gesichtet.
www.marlowes.de

Futurium

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung, verschiedene Wissenschaftsorganisationen und die Wirtschaft haben am Berliner Spreebogen das Futurium erschaffen. Gebaut nach Plänen der Berliner Architekten Richter Musikowski (hier ein Blick in den Aufzug) soll es auf 3.000 Quadratmetern Zukunftsbühne, Zukunftsmuseum, Zukunftslabor und Zukunftsforum in einem sein. Die Ausstellung in diesem bemerkenswerten Neubau beinhaltet lebendige Szenarien, ein Mitmachlabor zum Ausprobieren und ein Veranstaltungsforum als Ort des spartenübergreifenden Dialogs. So ist das Futurium zugleich als Ort der Begegnung von Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst und Gesellschaft gedacht. Sie kommen hier – unter Einbeziehung der Öffentlichkeit – zum Austausch über Zukunftsthemen zusammen. Nach dem ersten „Tag der Zukunft“ mit 15.000 Besuchern ist das Futurium bis zur Gesamteröffnung im Frühjahr 2019 nur an ausgewählten Tagen geöffnet.
www.futurium.de

Politische Weitsicht

Mit der Technologievorausschau „Foresight“ wappnet sich das Bundesforschungsministerium auf die Zukunft. Mit Hilfe dieses strategischen Prozesses sollen Entscheidungsgrundlagen für die aktuelle Forschungs- und Innovationspolitik geliefert werden. Der Zeitrahmen ist dabei allerdings jeweils nur auf 15 Jahre gesteckt.
www.vditz.de

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