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Welche Produktentwicklungen haben Sinn? Wo sehen wir Marktpotenzial? Eckhard Bohlmann und Dr. Jennifer Scheydt im Gespräch.

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Ausgabe 1/2017Thema: Innovation

Am Puls der Zeit

Innovationen bei HeidelbergCement

Die Entwicklung neuer Produkte ist eine Herausforderung. Ähnlich einem fein justierten Uhrwerk müssen die einzelnen Komponenten und Beteiligten wie kleine Rädchen ineinandergreifen. context sprach mit Eckhard Bohlmann, Leiter „Engineering und Innovation (E&I)“ und Dr. Jennifer Scheydt, Teamleiterin „Innovation & Produktentwicklung Zement“ bei HeidelbergCement Deutschland, darüber, wie das funktioniert.

context: Was genau ist die Aufgabe der Abteilung „Engineering und Innovation“?

Eckhard Bohlmann: Unsere Hauptaufgabe liegt in einer Produktentwicklung, die sich sehr stark am deutschen Markt orientiert. Wir betreiben keine tiefgehende Forschung, wie unser international tätiges HeidelbergCement Technology Center (HTC). Dort beschäftigt man sich aktuell zum Beispiel mit der Erforschung neuer alternativer Bindemittelsysteme, die nicht mehr auf Portlandzementklinker basieren – einem bedeutenden Hebel zur Minimierung des Energieverbrauchs und der Kohlendioxid-Emissionen. Vielmehr bieten wir bei E&I für die konkreten praktischen Anforderungen aus dem Markt effiziente und dauerhafte Lösungsansätze. Im Fokus unserer strategischen Entwicklungsarbeit stehen die Bereiche Zement und Beton – und zwar für den gesamten deutschen Markt, aufgeteilt in Marktsegmente. Für den Bereich Beton sind das zum Beispiel Ingenieurbau oder landwirtschaftliches Bauen.

Dr. Jennifer Scheydt: Im Bereich Zement arbeiten wir zum Beispiel in den Marktsegmenten Verkehrswegebau, Betonwaren, Fertigteile oder Spezialtiefbau. Jedes Segment wird jeweils von einem Produktmanager betreut, der dafür verantwortlich ist, die Anforderungen und Ideen aus seinem Segment aufzugreifen und zusammen mit E&I in Entwicklungsaufträge zu übersetzen. Wir wollen mit dem Kunden für den Kunden arbeiten. Dieser Anspruch steht immer im Mittelpunkt unserer Arbeit.

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Eckhard Bohlmann, Leiter „Engineering und Innovation (E&I)“ bei HeidelbergCement Deutschland

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Die Markteinführung eines neuen Produktes braucht Geduld und Beharrlichkeit.

Wie findet man Innovationspotenzial im Markt?

Dr. Jennifer Scheydt: Es gibt drei wesentliche Aspekte, die bei der Entwicklung neuer Produkte eine große Rolle spielen: Zum einen muss seitens des Kunden ein Bedarf bestehen. Zum anderen spielt die technologische Umsetzbarkeit eine Rolle, genauso wie – als dritter und letzter Aspekt – die Wirtschaftlichkeit. Die Schnittmenge daraus ist die Innovation. Dabei ist nicht alleine das vermarktungsfähige Produkt unser übergeordnetes Ziel: Der Königsweg ist es, über das Produkt zum System-, oder noch besser, zum Lösungsanbieter zu werden. Dazu gehört, den Kunden neben einem leistungsfähigen Produkt auch die technischen Kompetenzen und das anwendungstechnische Know-how aus unserem Unternehmen – gegebenenfalls in Kooperation mit weiteren Partnern – als Mehrwert anzubieten. Um diese Gesamtlösungen zu erarbeiten, nutzen wir innovative Methoden, zum Beispiel das „Design Thinking“. Design Thinker schauen durch die Brille des Nutzers auf das Problem und begeben sich dadurch in die Rolle des Anwenders. Auf diese Weise erzeugt die Methode praxisnahe Ergebnisse.

Eckhard Bohlmann: Unsere Entwicklungsarbeit fokussiert sich auf den deutschen Markt. Auch hier müssen wir aber die globalen Mega-Trends wie Nachhaltigkeit, Urbanisierung, Mobilität oder Ressourceneffizienz im Blick haben und in engem Austausch mit den Produktmanagern auf unsere Tätigkeitsfelder runterbrechen. Wohin entwickeln sich Marktsegmente mittelfristig und langfristig? Welche Produktentwicklungen haben Sinn? Wo sehen wir Marktpotenzial?

Forschung sehen wir stets als eine Investition und nicht vordergründig als Kostenfaktor.

Zum Beispiel?

Eckhard Bohlmann: Die Energiewende birgt neue Herausforderungen. Hier braucht es innovative Lösungen für die erdverlegten Bereiche der geplanten Nord-Süd-Stromtrasse durch Deutschland. Mit dem Spezialbeton Powercrete, der zur Verbesserung der Übertragungseffizienz beiträgt, bietet ­HeidelbergCement perfekte Lösungen für diese Aufgabe. Dazu kommen steigende Ansprüche der Bürger an moderne Verkehrsflächen – etwa an leise Straßen und Autobahnen. Offenporige Betone sowie die Veränderung der Oberflächentextur von Straßenbelägen bringen in diesem Bereich bemerkenswerte Ergebnisse. Eine unserer jüngsten Entwicklungen ist Bankettbeton: ein spezieller offenporiger Beton für eine schnelle, wirtschaftliche und nachhaltige Bankettbefestigung. Auch Baustoffe gegen die Schadstoffbelastung in Großstädten sind ein großes Thema. ­HeidelbergCement hat den photokatalytisch wirksamen Spezialzement TioCem entwickelt, mit dem sich Betone und Betonprodukte herstellen lassen, die zur Luftreinigung beitragen. Des Weiteren arbeitet ­HeidelbergCement als Konsortialführer in einem Forschungsverbund zum Thema „Ressourcenschonender Beton“, der sich mit der Erweiterung der Verwendungsmöglichkeiten rezyklierter Gesteinskörnung im Beton beschäftigt.

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Was sind die größten Herausforderungen einer technischen Lösung auf dem Weg zur Marktreife?

Dr. Jennifer Scheydt: Der Gesetzgeber hat schon immer ein Augenmerk auf alle am Bau beteiligten Bereiche geworfen und zahlreiche Gesetze, Ausführungsbestimmungen und Regelwerke geschaffen, die beachtet werden müssen. Die praktische Einführung eines neuen Produktes dauert daher – unabhängig von seinem wirtschaftlichen oder technischen Potenzial, da das Versagen von Bauwerken oder Baustoffen für Leib und Leben, die Umwelt und die beteiligten Unternehmen unter Umständen schwerwiegende Konsequenzen haben kann. Man muss also viel Geduld haben und beharrlich sein.

Was sind dann die nächsten Schritte?

Eckhard Bohlmann: In der Regel werden neue Entwicklungen zunächst in Pilotprojekten erprobt. Zu diesem Zeitpunkt der Erprobung und Einführung ist es besonders wichtig, ein Netzwerk kompetenter Partner zu haben.

Dr. Jennifer Scheydt: Hier arbeiten wir als Schnittstelle zwischen Forschung und Industrie mit namhaften Universitäten und Hochschulen sowie Unternehmen, insbesondere mit Kunden zusammen. Intern tauschen wir uns eng mit dem HTC aus, das viele der in Deutschland entwickelten Produkte und Produktideen aufgreift und für andere Länder, in denen wir tätig sind, nutzbar macht. Mit der Übernahme von Italcementi erfährt ­HeidelbergCement zudem eine gute Ergänzung im Bereich Innovation und Forschung. Die Zusammenarbeit mit unseren italienischen Kollegen gestaltet sich sehr offen und kreativ. Unsere Kunden schätzen das und sehen uns als kompetenten Marktpartner „am Puls der Zeit“, was die Forschung und Entwicklung angeht.

Eckhard Bohlmann: In vielen Bereichen ist ­HeidelbergCement Initiator innovativer Ideen. Dränbeton, offenporiger Beton oder die lärmarme und griffige Grinding-Textur sind hier beispielhaft als Stichworte zu nennen. Forschung sehen wir dabei stets als eine Investition und nicht vordergründig als Kostenfaktor.

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Dr. Jennifer Scheydt, Teamleiterin „Innovation & Produktentwicklung Zement“ bei HeidelbergCement Deutschland.

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Dr. Jennifer Scheydt, Teamleiterin „Innovation & Produktentwicklung Zement“ bei HeidelbergCement Deutschland.

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Welche konkreten Forschungsansätze verfolgen Sie aktuell?

Dr. Jennifer Scheydt: Neben den Innovationsprojekten in Zusammenarbeit mit unseren Kunden sind wir auch an großen Forschungsprojekten beteiligt. Vielversprechend ist zum Beispiel das Projekt „LC3D – Leichtbeton-3D-Druck“ in Zusammenarbeit mit der TU München, der Ed. Züblin AG, Knauf PFT und der Dennert Poraver GmbH. Hier geht es darum, individuell geformte Bauelemente durch 3D-Druck schalungsfrei herzustellen. Ebenso wie das Projekt „Vorgefertigte funktional gradierte Wandbauteile“ in Zusammenarbeit mit der Universität Stuttgart, der Werner Sobek Group GmbH, dem Fachverband Beton- und Fertigteilwerke Baden-Württemberg e.V. und weiteren Partnern. Ziel ist es dort, Bauteile entsprechend ihres Belastungsgrads zusammenzusetzen und so Ressourcen zu sparen. Wir freuen uns, bei solch wegweisenden Projekten mitmachen zu können.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit bei Neuentwicklungen?

Eckhard Bohlmann: Nachhaltigkeit ist für ­HeidelbergCement ein sehr wichtiges Thema. Nicht zuletzt deswegen sind wir Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Die Nachhaltigkeit eines Baustoffs zeigt sich nach unserer Auffassung erst beziehungsweise vor allem in der Anwendung, also im Bauteil oder im Bauwerk. Nehmen wir das Thema Ultrahochfester Beton (UHPC). Der Zementanteil im UHPC ist auf den Kubikmeter gerechnet extrem hoch und man könnte UHPC als nicht so umweltfreundlich wie üblichen Beton betrachten. Aber durch die mögliche Reduzierung der Dicken und Mengen wird gleichwohl ein sehr ressourcenschonendes Bauwerk mit hoher Dauerhaftigkeit errichtet. Auch Baustoffsysteme, die einen hohen Zeitgewinn ermöglichen, wie der Schnellbeton Chronocrete, sind sehr nachhaltig, da wir eine Baulösung zur Verfügung stellen, die störende Beeinträchtigungen von Betriebsabläufen ganz entscheidend minimiert, also zum Beispiel Stauzeiten. All dies befreit uns natürlich nicht von der Pflicht, über jedes Produkt aus ökologischer Sicht immer wieder aufs Neue nachzudenken.Conny Eck

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