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Lebensretter mit Überwachungsfunktion: Der funkende Herzschrittmacher informiert …

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Ausgabe 1/2017

Am Anfang war das Herz

Technik für Patienten

Die Medizintechnikbranche erobert immer neue Märkte. Zwei neue Trends beflügeln diese Entwicklung: Die Medizintechnik verschmilzt mit IT und auch Mensch und Maschine rücken näher zusammen.

Die Ärzte am schwedischen Karolinska-Krankenhaus in Stockholm hielten den Herzschrittmacher für noch nicht ausgereift, aber als die Ehefrau von Arne Larsson sie bekniete, ihren Mann zu operieren, wagten sie im Herbst 1958 den Eingriff. Larsson, nur 43 Jahre alt, litt an einer Herzerkrankung. An die 30 Mal am Tag setzte das Organ aus, und er musste wiederbelebt werden. Ständig an der Schwelle zum Tod – die Situation war für das Ehepaar Larsson kaum zu ertragen und das experimentelle Gerät ihr letzter Strohhalm. Es war der Anfang eines großen Erfolgs. Larsson wurde 86 Jahre alt und verbrauchte 26 Herzschrittmacher.

Heute gibt es Dutzende unterschiedliche Implantate, die gegen eine Herzschwäche helfen. Alleine 70.000 Schrittmacher pflanzen Chirurgen hierzulande jedes Jahr ein. Immer weniger Herzkranke sterben deshalb an ihrem Leiden. Mittlerweile sind die Geräte aber nicht nur Lebensretter, sondern überwachen das Organ sogar per Funk und Internet. Über verschlüsselte Verbindungen gelangen die Messwerte – etwa Herzfrequenz und Pumpleistung – direkt zum behandelnden Arzt. Der kann einschreiten, wenn ihm Bedrohliches auffällt.

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Diese Ganzkörperanzüge ermöglichen es Menschen im Rollstuhl, wieder zu laufen und Treppen zu steigen.

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Bartholomew Cooke / Trunk Archive

In ein paar Jahrzehnten nur hat sich die Medizintechnik zu einer florierenden und immer weiter diversifizierenden Industrie entwickelt. Schätzungsweise eine Million Produkte gibt es allein in der Europäischen Union auf dem Markt, angefangen von Lowtech-Anwendungen wie Rollatoren bis hin zu Hüftgelenken. Und das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht. Immer neue Anwendungsgebiete tun sich auf. Auch die verglichen mit Arzneimitteln deutlich niedrigeren Hürden bei der Zulassung haben es Innovationen in der Vergangenheit leicht gemacht. In wenigen Jahren schon kann ein neues Implantat auf den Markt kommen, wohingegen die Entwicklung einer Arznei zwölf Jahre in Anspruch nimmt. Teure und langwierige klinische Studien sind je nach Zweck des Produkts oft nicht erforderlich. Oft kritisiert die Industrie die EU als innovationsfeindlich und all zu restriktiv bei Neuerungen wie der Gentechnik, aber in der Medizintechnik lockt gerade sie mit einem vergleichsweise unbeschwerlichen Marktzugang. Das schlägt sich auch in den Zahlen nieder. Die Branche wächst seit Jahren und beschäftigt hierzulande über 130.000 Menschen. 2015 erst meldete sie mit 24,4 Milliarden Euro einen Rekordumsatz. Der Wachstumskurs dürfte sich fortsetzen, da grundlegende Neuerungen auch künftig Dynamik in den Markt bringen.


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… per Smartwatch über die Herzfrequenz und schlägt im Notfall sogar Alarm.

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© Preventicus

Zum einen verschmilzt die Medizintechnik mit der IT. Funkende Herzschrittmacher sind ein Beispiel dafür. Damit können Nutzer etwa mit dem Smartphone via Kamera ihre Herzfrequenz überwachen. Bei lebensbedrohlichen Stolperern wie dem Vorhofflimmern schlägt das Handy Alarm. Diese Erfindung des Start-ups Preventicus aus Jena ist nur ein Beispiel aus der wachsenden Digital-Health-Szene, die mit Apps, tragbaren Sensoren und Software in den Markt für Medizinprodukte drängt. Große Unternehmen wie Google, Apple und SAP sind ebenfalls in diese Sparte eingestiegen, aber auch klassische Pharmaunternehmen wie Boehringer Ingelheim, Novartis und Roche. Das Smartphone ersetzt gewissermaßen hier das Stethoskop oder dort das Röntgengerät. Die Telekommunikationsgeräte von jedermann avancieren zum Arzt in der Hosentasche und ermächtigen den Patienten, Herr der Daten zu sein.

Aber nicht nur IT und Medizintechnik rücken zusammen. Der Mensch selbst und die Technik verschmelzen infolge einer neuen Form der Mensch-Maschine-Kommunikation. Schon lassen sich Prothesen für Arme und Hände mit der Kraft der Gedanken bewegen. Seh- und Hörhilfen greifen direkt in die neuronale Verarbeitung im Gehirn ein. Wer sie trägt, sieht und hört wieder, aber die Denkzentrale arbeitet anders als gewöhnlich.
Ähnlich fundamental werden auch Exoskelette das Leben der Menschen verändern. Diese Ganzkörperanzüge ermöglichen es Menschen im Rollstuhl, wieder zu laufen und Treppen zu steigen. Aber sie verleihen auch Gesunden mehr Kraft und Ausdauer, etwa beim Tragen schwerer Lasten, weshalb hier und da schon Arbeiter in den Kraftanzügen stecken. Auch Soldaten der US-Armee sind so länger einsatzfähig und belastbarer.
Die Debatte darum ist jedoch bemerkenswert, auch weil ethisch Strittiges aus der Medizintechnik selten ist. Das positive Image der Branche ist es wohl auch, das dazu beiträgt, dass die wichtigsten Fortschritte der Medizintechnik bisher im eher fortschrittskritischen Europa zu verzeichnen sind.Susanne Donner

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