Foto

© majivecka - Fotolia.com

Ausgabe 1/2016

Verschiedensein ist normal

Zusammenleben in einer integrativen WG

Auf Wohnungssuche in Reutlingen stößt Martin Schaarschmidt auf eine integrative Wohngemeinschaft der Bruderhaus Diakonie. Vier der acht Mitbewohner haben Assistenzbedarf in verschiedenen Stufen, vier Studenten teilen sich mit Monika, Hendrik, Tim und Jessica* den Alltag. Martin ist beim WG-Casting erfolgreich und zieht „als einer der Normalbehinderten“, wie er sagt, ein. Eine Momentaufnahme

Rumms, rumms… Der Monitor wackelt, die Schreibtischlampe macht Luftsprünge. Zum dritten Mal an diesem Nachmittag klopft Martin an die Tür seines Zimmernachbarn. „Hendrik, ich muss diese Hausarbeit morgen abgeben, hör auf zu stampfen!“ Hendrik ist 20 Jahre alt, in seiner Kindheit wurde das Martin-Bell-Syndrom, eine genetisch verursachte geistige Entwicklungsstörung, diagnostiziert. Er lebt seit zwei Jahren in der Wohngemeinschaft, ist mitverantwortlich für die Castings neuer Mitbewohner ohne Assistenzbedarf und macht oft gute Stimmung hier im Haus. Einfühlsam kann er Jessica beruhigen, wenn sie eine Weinattacke hat, weil sie ihre Emotionen nicht mit Sprache ausdrücken kann. Hendrik nimmt seine dröhnenden Kopfhörer von den Ohren. „Habe ich wieder Krach gemacht? Tut mir leid“, meint er. „Wenn ich meine Hausarbeit fertig habe, drehen wir voll auf – versprochen“, erwidert Martin.
Hendrik grinst, setzt die Kopfhörer auf und Martin kann die Gedanken: „Nicht stampfen, bloß nicht stampfen“ in seinem Gesicht lesen. Menschen mit und Menschen ohne Behinderung teilen sich in integrativen Wohngemeinschaften wie dieser, die von der Bruderhaus Diakonie in Reutlingen betrieben wird, eine Wohnung. Tagsüber geht jeder seiner Arbeit oder Ausbildung nach, die Bewohner ohne Assistenzbedarf übernehmen gegen freie Logis die Verantwortung für Einkäufe, das Kochen, das Putzen, gemeinsame Freizeitaktivitäten und die Betreuung von Mitbewohnern mit höheren Assistenzstufen.
Noch ein paarmal musste Martin an diesem Tag gegen die Wand klopfen, irgendwann war es ruhig und seine Hausarbeit fertig. Danach gab es einen lustigen Abend, an dem die gesamte WG-Belegschaft bei lauter Musik Spaghetti kochte und tanzte.Katharina Schürer / Susanne Jung

Martin Schaarschmidt, Japanologe, arbeitet als IT-Berater in Heidelberg. Von April 2006 bis Februar 2007 hat er in einer integrativen WG in Reutlingen gelebt. Träger war die Bruderhaus Diakonie: www.bruderhausdiakonie.de/behindertenhilfe/

Integrativ und gemeinschaftlich

Seit den 1990er Jahren entwickeln sich neue Wohnformen, die die Begegnung zwischen Menschen mit und ohne Behinderung sowie aus verschiedenen Generationen unter einem Dach oder in Wohngemeinschaften ermöglichen. Gab es früher Berührungspunkte aufgrund der Zusammenarbeit innerhalb der Familien, im Dorfverband oder einer kleineren Community, so führt heute die zunehmende Individualisierung und Vereinzelung zu immer mehr Single-Haushalten. Ein Gegentrend ist spürbar. So reagieren soziale Träger, Wohnungsbaugesellschaften und die Politik im Gegenzug mit Initiativen und neuen Konzepten auf den vorhandenen Bedarf an menschlicher Begegnung auch im Alltag. In Wohngruppen, Mehrgenerationenhäusern oder Schulprojekten mit Älteren können sich unterschiedlichste Menschen austauschen.


Top

Dieser Inhalt ist schon bald verfügbar!

Zur Webseite zurückkehren