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Ausgabe 1/2016

Im Kontakt

Begegnungen mit Neuem und Altem

Nehmen Ängste überhand, brauchen Menschen Hilfe. Die von Gunther Schmidt entwickelte Hypnosystemische Therapie arbeitet mit den vielfältigen, unbewussten Kompetenzen der Klienten und aktiviert ihre Selbstheilungskräfte und Fähigkeiten der Problemlösung.


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Gunther Schmidt, privat

Porträt

context im Gespräch mit Dr. Gunther Schmidt: Der Volkswirt, Mediziner, Therapeut und Coach leitet das Milton-Erickson-Institut Heidelberg und die Privatklinik für Psychosomatik und Psychotherapie des sysTelios Gesundheitszentrums Siedelsbrunn. Dr. Gunther Schmidt ist einer der wichtigsten Pioniere für die Verbindung von System- und Hypnotherapie nach Milton Erickson zu einem ganzheitlichen Konzept. Er ist Mitbegründer des Heidelberger Instituts für systemische Forschung und Beratung, der internationalen Gesellschaft für Systemische Therapie, des Helm Stierlin Instituts in Heidelberg und des Deutschen Bundesverbandes Coaching e. V.

context: Ist es eine Frage des Charakters oder der Erziehung, ob man Neuem eher aufgeschlossen oder ängstlich gegenübersteht?

Dr. Gunther Schmidt: Beides gilt – es ist unser evolutionäres Erbe, dass wir Neuem ambivalent begegnen. Unser Lernbedürfnis steht dem Sicherheitsbedürfnis gegenüber, das an Vertrautem festhält. Diese Situation wird durch unsere Erfahrungen weiter geprägt. Wer erleben durfte, dass Fehler möglich sind und nicht der erste Versuch gleich gelingen muss, öffnet sich neuen Situationen leichter. Dabei ist es auch entscheidend, worauf man seine Aufmerksamkeit fokussiert. Es entsteht mehr Angst vor Neuem, wenn die Botschaft lautet: ‚Oh Gott, wie gefährlich.‘ In Unternehmen, die eine ausgeprägte Sanktionierungskultur haben, sind Aufgeschlossenheit und Innovation schwierig zu entwickeln.

„Es ist unser evolutionäres Erbe, dass wir Neuem ambivalent begegnen.“

c: Woher kommt diese Unsicherheit?

Dr. GS: Der Erwerb neuen Wissens und seine Anerkennung können machtpolitische Konsequenzen haben. Wenn Neues auftritt, kann Bisheriges entwertet werden. Die Entdeckung von Kopernikus brachte das geozentrische Weltbild der Kirche zum Einsturz. Aus Angst vor Machtverlust entstehen Verbote, wie aktuell die strikte Kontrolle des Internets in einigen diktatorischen Staaten. Wer sich auf veraltetes Wissen verlässt, kann abgehängt werden: So wie der frühere Mobiltelefon-Marktführer Nokia beim Trend in Richtung Smartphone. Stünden nicht die Angst vor dem Verlust wirtschaftlicher Macht und vor gesellschaftlichen Veränderungen im Weg, könnten auch viele Innovationen, etwa Elektrofahrzeuge, längst viel verbreiteter sein.

„Wenn Neues auftritt, kann Bisheriges entwertet werden“

c: Loslassen, Vertrauen, Kontrolle abgeben: Stattdessen lässt sich das Phänomen der ‚Helikopter-Eltern‘ als gegenteiliger Trend beobachten. Sind aktuelle Elterngenerationen ängstlicher als vorherige?

Dr. GS: Ich glaube schon. Heute ist das Leben wesentlich sicherer als früher, aber gleichzeitig wird durch meist negative Berichterstattung vermittelt, dass ständig schreckliche Dinge passieren und die Welt darum als gefährlicher Ort wahrgenommen wird. Eltern hatten und haben häufig ein Kontrollbedürfnis ihren Kindern gegenüber – heute können sie es besser ausleben, da Kommunikation fast immer möglich ist. Das gesteigerte Bedürfnis nach kognitiver Kontrolle zeigt sich auch in Gesundheitscomputern, die immer mehr Menschen am Körper tragen.

„Heute ist das Leben wesentlich sicherer als früher.“

c: Viele Menschen suchen in Deutschland und Europa Zuflucht. Die Berührungspunkte zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft sorgen auch für Verunsicherung. Wie ist es möglich, konstruktiv mit Kulturängsten umgehen?

Dr. GS: Kulturintegration ist eine Herausforderung, die wichtige Themen wie die Rolle der Frau und das Demokratieverständnis umfasst. Es kommt darauf an, die Kultur der anderen zu achten, Integrationsangebote zu machen und eine eigene Position anzubieten. Sonst entsteht leicht ein Orientierungsvakuum, in dem etwa Hassprediger jeder Couleur Platz finden. Auf alle Fälle ist es wichtig, die Gefahr, die vom IS ausgeht, sehr ernst zu nehmen und wachsam zu sein, um dem Terrorismus so wenige Chancen wie möglich zu geben.
Es bietet sich die Chance der gegenseitigen Bereicherung und für Deutschland auch die Möglichkeit, die globale Wettbewerbsfähigkeit mit den Menschen, die hierher fliehen und arbeiten wollen, zu steigern. Es gibt Prognosen, dass schon in zehn Jahren ein erheblicher Mangel an hochqualifizierten Facharbeitern eintreten wird, der heute schon begonnen hat.

„Es ist hilfreich, Strategien für unklare Situationen zu entwickeln.“

c: Welche Strategien gibt es, sich dem Neuen zu öffnen und es positiv anzunehmen?

Dr. GS: Erstens: eine Bestandsaufnahme der Eigenkompetenz vornehmen, den Blick nach innen richten, sich auf seine Werte besinnen und auf das, was man kann. Zweitens: Zielflexibilität, das bedeutet, Ziele variabel gestalten und sich nicht mit höchstem Perfektionsanspruch auf ein Ziel vorbereiten. Heute kann man sich etwa nicht mehr darauf verlassen, denselben Beruf ein Leben lang ausüben zu können. Was kann ich mit meinen Kompetenzen, Interessen und meinem Netzwerk stattdessen erreichen? Es ist hilfreich, Strategien für unklare, ungewiss bleibende Situationen zu entwickeln. „Geborgen im Ungewissen“, so hat Pablo Picasso diesen Zustand einmal genannt. Eine flexible Planung macht es möglich, das, was auf dem Weg daherkommt, konstruktiv miteinzubeziehen. Unsicherheit kann man sowieso nicht vermeiden.

Das Gespräch führte Susanne Jung.Susanne Jung


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