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Natur und gebaute Umwelt zeichnen sich auf den Fassaden als Licht- und Schattenspiel ab.

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Darko Todorovic

Ausgabe 1/2016Thema: Berührungspunkte

Beton berührt

Wohnhaus für eine Familie

In der Kombination aus naturgrauem Sichtbeton und heimischem Massivholz schuf sich eine fünfköpfige Architektenfamilie in Weißensberg bei Lindau ein beispielhaftes Wohnhaus. Bei Schalung und Oberflächenbearbeitung der Sichtbetonflächen legten die betonbegeisterten Bauherren selbst Hand an.

In Sichtweite steht ein denkmalgeschütztes Holzhaus mit traditionellem Steildach. Die bewaldeten Hügel des Alpenvorlandes reichen bis in die Vorgärten. Es gehören Mut und Überzeugung dazu, einem kleinen Weiler ein modernes Sichtbetonhaus einzupflanzen, das so gar nicht den ortsüblichen Vorstellungen heutiger Bebauung auf dem Lande entspricht. Ein schlichter Kubus ist entstanden, mit markant eingeschnittenen Gebäudeöffnungen, deren klar definierte Positionierung die Ausrichtung der Räume und ihre Nutzung ablesbar macht. Die ausdrucksstarke Reduktion der Form spiegelt sich auch in der Beschränkung der eingesetzten Materialien wider: Sichtbeton für Fassade, Decken und einen Teil der Innenwände; Holz der inzwischen heimischen Douglasie, die von den Bauherren gefällt und für die Verarbeitung an Wänden und Böden vorbereitet wurde.

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Weit mehr als eine anheimelnde Bauweise stellt die moderne, sich auf das wesentliche beschränkende Architektur Bezüge zur ursprünglichen Bebauung der Gegend her, die sich einst auf einige Hofstellen beschränkte. Längst ist das Idyll einer nahezu flächendeckenden Besiedelung gewichen, mit heterogenen Bauten der letzten Jahrzehnte. So waren für das Architektenpaar Ralf Bernhardt und Heike Nickel zunächst die städtebaulichen Aspekte wichtig, die den Ort geformt haben. Entsprechend ordneten sie ihr Haus zurückgesetzt an, so dass Freiraum für das denkmalgeschützte Nachbarhaus blieb. In Kubatur, Materialität und Oberflächengestaltung der Hülle positionierten sie sich zeitgemäß und nachhaltig in dem Sinne, dass sie das bewusst reduzierte Wohnkonzept auf das zurückführten, was elementar ist für ein Haus.

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„Wir setzten um, was für uns als Familie wichtig ist“, beschreibt Ralf Bernhardt die Grundrissaufteilung. „Das sind kleine persönliche Rückzugszimmer und viel Raum für gemeinschaftlichen Aufenthalt.“ Ein holzbeheizter Grundofen und Photovoltaikelemente auf dem Flachdach sorgen auf den 155 Quadratmetern Wohnfläche für die nötige Wärme, die Masse des gut wärmedämmenden Betons mit einer Wandstärke von 45 Zentimetern unterstützt das durchdachte Energiekonzept, das auf komplizierte Technik verzichtet.

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rharchitektur Bernhardt Nickel

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In seiner bewussten Selbstbeschneidung kommt das Wohnhaus den ursprünglichen Bauten des Ortes näher als manches konventionelle Nachbargebäude. Der skulpturale Baukörper aus Beton fügt sich in das Landschaftsbild der Voralpen, das hier noch Weiden und Waldflächen zeigt. Das natürliche Grau der Betonoberflächen findet sein Pendant in den bejahrten Holzbekleidungen der wenigen erhaltenen Höfe und Stallungen, deren Baumeister schon immer zu jenen Materialien griffen, die, wie Holz und Stein, seit alters her vor Ort verfügbar waren.

Wird andernorts mit viel Aufwand Nachhaltigkeit erzeugt, schaffen hier ästhetischer Minimalismus und Reduktion ein Wohnhaus, dessen massive Bauweise ökologische Kennwerte und hohen Wohnkomfort ohne großes Brimborium bietet. Der monolithische Grundgedanke führte zur Wahl von Leichtbeton mit Glasschaumschotter als Zuschlag; so kommt die Gebäudehülle ohne zusätzliche Dämmung aus. Die Heidelberger Beton GmbH lieferte aus dem nah gelegenen Werk Niederwangen Betone unterschiedlicher Festigkeiten für den gesamten Rohbau. Wasserundurchlässiger Beton schützt die teils eingegrabene Garage in Hanglage vor eindringender Feuchtigkeit. Die Ortbetondecken wurden nicht in Leichtbeton ausgeführt, da er für diese Anwendung in Deutschland keine bauaufsichtliche Zulassung hat. Die Betonfassaden bearbeiteten die Bauherren selbst mit Maschinen, die gestockte Flächen erzeugen. So erreichten sie eine tuffartige Oberfläche mit einer authentischen, fast steinern wirkenden rauen Oberfläche, die abschließend hydrophobiert wurde. Im Innenbereich hat Architekt und Bauherr Bernhardt, seiner ersten Ausbildung als Tischler folgend, den wenigen Sichtbetonflächen maßgefertigte Holzeinbauten, Bodendielen, Treppen und Verschalungen beigefügt. Die beiden Materialien ergänzen sich in zeitloser Natürlichkeit. Die selbstverständliche Architektursprache und der bewusste Umgang mit den Ressourcen verorten den beispielhaften Bau in der Gegenwart, weisen aber auch in die Zukunft.Susanne Ehrlinger

Zusätzliche Informationen

Zuschlag Glasschaum-Granulat

Glasschaum-Granulat, bekannt auch als Glasschaumschotter, ist recyceltes Glas und wird vor allem beim Bodenaufbau als ökologische, lastabtragende Dämmschüttung eingesetzt. Neben Blähton wird Glasschaum-Granulat als Zuschlagstoff in Beton verwendet. Es entsteht ein Leichtbeton mit hohen Dämmwerten, der in jüngster Zeit von Architekten für besondere Wohnbauten mit Sichtbetonfassaden entdeckt worden ist. Die vergleichsweise geringere Tragfähigkeit zu normalen Betonen wird durch eine Wanddicke von circa 45 bis 50 Zentimetern kompensiert. Simone Hübener

Spezifika Wohnhaus in Weißensberg

Wenn Architekten für sich selbst bauen, entscheiden sie selbst, inwieweit sie sich an Normen und Vorschriften halten. So ist beispielsweise in Weißensberg die Attika niedriger als eigentlich vorgeschrieben, die Abdichtung wurde nur zehn statt der geforderten 15 Zentimeter hochgezogen, auf Abdeckbleche wurde komplett verzichtet, stattdessen mit Flüssigfolie abgedichtet. Die Bewehrung wurde auf das Mindestmaß reduziert, weshalb auf den Betonoberflächen kleine Haarrisse entstanden sind, die sich nur optisch auswirken und keinesfalls stören. Als Schalung kam eine herkömmliche, also keine Sichtbetonschalung, zum Einsatz, wodurch die Kosten gesenkt werden konnten und die Oberflächen der Wände lebendiger geworden sind. Wichtig war den Architekten allerdings, dass die Wände ohne Unterbrechung bis zu den Brüstungen der Fenster im Obergeschoss durchlaufen und nicht auf Höhe der Decke eine Zäsur entsteht. Die Schalung war aus diesem Grund vier Meter hoch. So konnte auch vermieden werden, dass der Bereich unterhalb der Fenster über Rohre befüllt werden musste – ein Vorteil, der Fehlstellen aufgrund des zähflüssigen Dämmbetons zu vermeiden half. Simone Hübener

Anschluss der Decken an die Leichtbetonhülle

Die Deckenaussparung für den Deckenanschluss wurde durch eine Styrodureinlage hergestellt, welche nach dem Ausschalen entfernt wurde. Dabei liegt die Decke über dem Erdgeschoss, die im Nachgang in Ortbeton eingearbeitet wurde, nur fünf Zentimeter auf und wird zusätzlich punktuell durch eingebohrte und verharzte Bewehrungseisen gehalten. Das Dach liegt auf der Wand dagegen zwölf Zentimeter auf, die Attika verjüngt sich auf 33 Zentimeter. Betoniert wurden die Wände in vier Abschnitten: zwei L-förmige im Erdgeschoss und zwei darüber liegende für das Obergeschoss. Die Schalung für die Fenster hat der Bauherr als gelernter Tischler selbst gemacht. Simone Hübener

Oberflächenbearbeitung

Auch die Behandlung der Oberflächen der Außenwände war Handarbeit. Bei den Außenseiten entschieden sich die Bauherren für Handstocken und Hydrophobieren, um eine homogenere, tuffartige Oberfläche zu erhalten. Innen wurden die Wände mit einem Schwingschleifer geschliffen und zweimal gewaschen. Genauso pragmatisch gehen die Eltern bis heute ans Werk, sollte an den Wänden mal ein störender Fleck entstehen, der entfernt werden muss.

Innenausbau

Neben der äußeren Hülle besteht auch der innere Kern, der den Technikraum und die Bäder aufnimmt, aus Sichtbeton, alles andere aus Holz. Dies rührt vom Entwurfskonzept her, das vorsieht, die Hülle aus Beton und das „Innenleben“ aus Holz zu bauen. Deshalb wurde der Estrich im Erdgeschoss konsequenterweise mineralisch beschichtet, damit er wie Beton aussieht. Zumindest optisch folgerichtig sind auch die Holzverkleidung der Decke im Erdgeschoss und der Holzfußboden im Obergeschoss, wenngleich sich darunter eine Betondecke verbirgt. Simone Hübener

Objektsteckbrief

Projekt:
Einfamilienhaus, Weißensberg

Bauherren und Architekten:
Rh + architektur Ralf Bernhardt und Heike Nickel, Weißensberg

Bauunternehmen:
BOLL Bauunternehmen, Hegatz

Produkt:
Festigkeiten und Leichtbeton der Heidelberger Beton GmbH, Werk Niederwangen, Wangen im Allgäu

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