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Ausgabe 1/2016

Auf Tuchfühlung

Reibung und Konsens

Menschen, Dinge und Ereignisse treffen aufeinander. Auch bei Gegensätzlichem gibt es oft überraschende Berührungspunkte. Eine aufbauende Verbindung, eine fruchtbare Zusammenarbeit und die Entwicklung von Neuem haben meist ihren Ursprung in unerwarteten Schnittstellen.

Durchweg positiv sind die Synonyme, die das Synonymwörterbuch unter dem Stichwort „Berührungspunkte“ auflistet: Ähnlichkeit, Einhelligkeit, Geistesverwandtschaft, Gemeinsamkeit, Gemeinschaftlichkeit, Konsens, Miteinander, Partnerschaft, Solidarität, Verwandtschaft, Zusammengehörigkeit, Übereinstimmung, Verbindung, Zusammenarbeit. Da verwundert es, dass spontan damit auch Reibungspunkte assoziiert werden, nach dem Motto: „Was sich nicht reibt, hat auch keine Berührungspunkte“. Eine durch Erfahrung geprägte Einschätzung, die erahnen lässt, dass oft erst erarbeitet werden muss, was dann vorteilhaft für alle Seiten seinen Ausgangspunkt findet.
Die in der Kunstgeschichte wohl bemerkenswerteste Interpretation dieser Initialzündung hat der Bildhauer und Maler Michelangelo am Decken- gewölbe der Sixtinischen Kapelle in Rom vollbracht, in der bis heute das Konklave, die Zusammenkunft der Kardinäle bei der Papstwahl, abgehalten wird. Beauftragt von Papst Julius II. realisierte der Künstler Anfang des 16. Jahrhunderts auf einer über 500 Quadratmeter großen Fläche die Schöpfungsgeschichte, die in der Genesis, dem 1. Buch Moses, beschrieben und Grundlage des jüdischen Tanach und des christlichen Alten Testamentes ist. Vor allem die Erschaffung Adams im Kapitel 2,7 gilt als eines der zentralen Bilder für den göttlichen Funken, der als Sinnbild für den Schöpfungsakt interpretiert wird.

Anspielung auf die Anatomie


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Ende des 14. Jahrhunderts wurden erstmals Leichen seziert. Auch Michelangelo hatte keine Scheu vor anatomischen Studien. Dass er seine Gottesfigur in einen bildhaften Rahmen stellte, der die Umrisse eines menschlichen Gehirns abbildet, ist eine Betrachtungsweise, die dem späten 20. Jahrhundert entstammt.

Michelangelo nahm sich die künstlerische Freiheit, diesen, anders als im biblischen Text formuliert, nicht als das Modellieren eines Erdklumpens darzustellen. Vielmehr vollendet ein dynamisch anmutender, väterlicher Gott durch einen Fingerzeig sein Werk. Die göttliche Berührung, so ahnt man, wird den schlaff darniederliegenden Jüngling, dessen matte Hand noch ohne Kraft verharrt, zum Leben erwecken. Die Spannung und Präsenz dieser Szene, insbesondere die angedeutete Berührung der Fingerkuppen, hat sich seit Jahrhunderten in das kulturelle Gedächtnis des Abendlandes eingegraben. Weniger bekannt ist, dass fast 500 Jahre später eine Neuinterpretation des Freskos einen völlig anderen Blick auf das Werk wirft. Der Neuromediziner Frank Lynn Meshberger verglich in einem Aufsatz den farbigen Rahmen, in den Michelangelo die göttliche Vaterfigur gestellt hat, mit einer Sammlung von Medizinischen Illustrationen. Seiner Veröffentlichung zufolge entspricht der halbrunde Hintergrund bis ins Detail dem Querschnitt eines menschlichen Gehirns. Eine Sichtweise, die durchaus glaubhaft scheint, legt man die anatomischen Studien des Renaissance-Künstlers zugrunde. Dem Neurologen zufolge würde der Arm Gottes dem präfrontalen Cortex entspringen, der inzwischen mit Handlungsplanung und -initiierung in Verbindung gebracht wird, einem Bereich also, in dem auch grundlegende Merkmale der Persönlichkeit lokalisiert sein sollen. Laut Meshberger wollte der Künstler mit seiner verschlüsselten und für damalige Zeiten vermutlich religionskritischen Botschaft kundtun, dass Gott dem Menschen vor allem den Geist, die Kreativität und den Intellekt und damit wohl auch eine individuelle Selbständigkeit gegeben habe.

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Für Naturwissenschaftler begann das Leben mit dem Urknall. Gott kommt in diesem Szenario nicht vor.

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Bereits die offensichtliche Darstellung der göttlich-menschlichen Berührung via Fingerzeig bedeutete für die damalige Zeit eine eigenständige Umdeutung der Schöpfungsgeschichte und zeugt vom Selbstbewusstsein des Künstlers. Ganz neue Berührungspunkte mit der heutigen Zeit erschließen sich, folgt man dem Mediziner, der das Kunstwerk durch seine Interpretation mit einem Schlag in einen aktuellen, naturwissenschaftlichen Kontext stellt. Dass das Zusammentreffen von Alt und Neu, die Spannung, die durch ein solches Aufeinandertreffen erzeugt wird, eine besondere Qualität ist, wird erst in jüngerer Zeit von Menschen erkannt, die über den Tellerrand ihrer eigenen Disziplinen oder Qualifikationen hinausblicken und sich auch anderen Sichtweisen öffnen können. Es erschließt den Weg zu neuem Handeln, zum Nachdenken oder kann weiterführende Prozesse anstoßen. Nicht nur in der Wissenschaft, bis in den Alltag hinein greift die Einsicht, dass reizvolle und anregende Momente oft dort entstehen, wo sich verschiedene Auffassungen, Epochen, Materialien oder Menschen berühren. Was zunächst Reibung erzeugt, wird zu einem Motor kreativer Eingebungen, das Neuem, bislang Unbekanntem, Raum gibt. War es bis vor nicht allzu langer Zeit verpönt oder Ausdruck mangelnden Budgets, bei der Einrichtung unterschiedliche Stile zu mixen, so ist inzwischen die Kombination moderner Elemente mit Omas Nähtischchen oder einer antiken Kommode anerkannt.

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Bei den Massai in Tansania werden die archaisch wirkenden Techniken des Feuermachens durch Reibung noch praktiziert.

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Bauen im Bestand erfordert fast immer den Umgang mit Berührungspunkten: Soll der Neubau im Kontrast zum ursprünglichen Gebäude stehen, soll er die Gestaltung des Altbaus aufnehmen und nur dezente Zeichen der Neuerung setzen? Wird zwischen Bestand und Anbau eine Fuge gesetzt, oder gibt es einen fließenden Übergang? In einem unpoetischen Sinne können Berührungspunkte etwa auch Anschlüsse und Details sein, die es gilt, nach neuestem Stand der Technik und gleichermaßen ästhetisch überzeugend auszubilden. Ebenso stellt sich im städte-baulichen Kontext die Frage, inwieweit und in welcher Form zwischen neuen Gebäuden und bestehenden urbanen Strukturen gestalterische Berührungs- punkte geschaffen werden sollen oder sogar müssen.
Brüche, die das Zusammentreffen unterschiedlicher Stilrichtungen, Werkstoffe oder Architekturauffassungen im Alltag sichtbar werden lassen, sorgen in vielen Kreisen nicht mehr für Unruhe, sondern sind gängige Mittel, die Komplexität unserer Zeit auszudrücken. Die geistige Freiheit, die einem Wissen und Handeln zugrunde liegt, das sich von vielem berühren und inspirieren lässt, ist ein hohes Gut. Kann daraus eine souveräne Haltung und Handlungsweise abgeleitet werden, kann eine Gesellschaft auch Zeiten großer Umbrüche gelassen entgegen sehen.Susanne Ehrlinger

Interdisziplinarität – Fachliche Überschneidungen

Wissenschaftliche Forschung zeichnet sich durch hohe Spezialisierung in einzelnen Fächern aus. Eine fächerübergreifende Arbeitsweise kann die Komplexität und Vielschichtigkeit bestimmter Fragestellungen umfassender behandeln. Dies ist besonders relevant, wenn Forschungsfragen nicht aus einem einzelnen Fachgebiet heraus gelöst werden können. Interdisziplinäres Arbeiten und der Anspruch, eine entsprechende Umsetzung in wirtschaftliche Abläufe zu forcieren, haben sich in jüngster Zeit insbesondere das Innovations- und Gründerzentrum IZB in Martinsried bei München und das House of Logistics & Mobility (HOLM) in Frankfurt auf die Fahnen geschrieben.

Mit entsprechenden Neubauten reagierten sie architektonisch auf die Anforderungen einer interdisziplinären Arbeitsweise. Auch bei einem Global Player wie HeidelbergCement ist interdisziplinäres Arbeiten ein Schlüssel zum Erfolg. So ermöglicht ab Mitte 2016 das neue HeidelbergCement Technology Center HTC 170 Spezialisten aus aller Welt eine engere Zusammenarbeit, fördert den Ideenaustausch und schafft Synergien (context berichtete in den Ausgaben 2/2014 und 4/2015).

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