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Mitgedacht und mitgemacht. Die IBA Heidelberg setzt auf die Vernetzung der Akteure.

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Valentina Meuren

Ausgabe 1/2015 Thema: Qualität

Prozesskultur fördert Qualität

Die IBA Heidelberg als Labor der Wissenschaft

Von Thüringen über Hamburg bis Heidelberg –Internationale Bauausstellungen haben Konjunktur in Deutschland. Jürgen Tietz sprach mit dem Leiter der IBA Heidelberg, dem Stadtplaner und Städtebauer Michael Braum, über den Beitrag der IBA zu Qualität und Innovation im Stadtentwicklungsprozess.


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© Philipp Rothe

context: Wodurch schafft eine IBA Qualität?

Michael Braum: Eine IBA schafft Qualität, indem sie unter einer speziellen experimentellen Fragestellung ein besonderes Augenmerk sowohl auf das Konzept als auch auf den Entstehungsprozess von Gebäuden und Räumen wirft. Mit der programmatischen Themensetzung ‚Wissen schafft Stadt – Stadt schafft Wissen’ wollen wir am Beispiel Heidelberg nachweisen, dass die Ressource Wissen im Städtebau – in der Bildungs- und Wissenschaftsarchitektur – als Nukleus für die Stadtentwicklung genutzt werden kann. Der Übergang von der Informations- zur Wissensgesellschaft wird sich auch in der städtischen Infrastruktur und den Gebäuden widerspiegeln.

c: Worin drückt sich dieser Wechsel von der Informations- zur Wissensgesellschaft architektonisch und städtebaulich konkret aus?

MB: Heidelberg blickt als Universitätsstadt auf eine lange gemeinsame Tradition von Wissen und Stadt zurück. Diese ganz besondere Tradition begründet Heidelbergs Stellung in Deutschland, aber auch international. Wir haben allerdings festgestellt, dass die Orte des Wissens bisher eher nebeneinander her existieren. Mit der IBA wollen wir die Themen lebenslanges Lernen, Bildung und Wissenschaft enger mit der Stadt verweben. Um es konkret zu machen: Wir wollen beispielsweise den international bedeutenden Wissenschaftscampus des Neuenheimer Feldes stärker mit der Stadt vernetzen. Das beginnt bei der gestalterischen Aufwertung der Grün- und Freiräume und endet bei der auch funktionalen Vernetzung mit den angrenzenden Stadtteilen. Es wird ein Universitätscampus bleiben, der dennoch integrierter Bestandteil der Stadt wird. Zudem versuchen wir Schulen als Bildungslandschaften räumlich und inhaltlich zu vernetzen. Im Idealfall soll ein Kind, das auf einen solchen Bildungslandschaftscampus kommt, während seiner gesamten Schullaufbahn dort bleiben können, unabhängig von seinem Abschluss. Dabei geht es nicht darum, dass ein Schultyp, wie beispielsweise eine Gesamtschule, alles leistet, sondern dass unterschiedliche Schultypen räumlich vernetzt sind, gemeinsam genutzt werden können und in diesem Verbund einen Campus ausbilden.

„Wissen schafft Stadt - Stadt schafft wissen“

Michael Braum, Leiter der IBA Heidelberg

c: Was sind die Qualitätskriterien, nach denen Heidelberg seine IBA-Kandidaten auswählt?

MB: Kandidaten müssen fünf Kriterien erfüllen. Sie müssen erstens gesellschaftlich relevant sein, zweitens eine überdurchschnittliche Kompetenz einbringen, drittens Modellcharakter besitzen, viertens Strukturwirksamkeit entfalten und fünftens Polyvalenz besitzen. Gerade diesem fünften Kriterium kommt eine besondere Bedeutung zu. Gebäude sollen nicht länger nur eine einzige Funktion erfüllen, sondern mehrere. So könnte eine ganzheitlich gedachte Schule zugleich als Kindertagesstätte und als Bürgerzentrum genutzt werden. Ziel ist es, multitalentierte Gebäude zu schaffen, die gemeinsam nutzbare Angebote für unterschiedliche Gruppen unterbreiten. Das knüpft unmittelbar an den Punkt der Strukturwirksamkeit an. Ein solches polyvalentes Bildungsbauwerk wirkt automatisch in sein Quartier hinein. Das klingt naheliegend, aber in der Realität wird es bisher kaum umgesetzt. Dabei ist uns die Qualifizierung der einzelnen Objekte nicht genug. Wir wollen ein räumliches Netz über die Wissensstadt spannen, das die einzelnen Bildungsorte miteinander verknüpft, so dass sie auch in ihrer Beziehung zueinander und nach außen eine Ausstrahlung entfalten.

c: Um solche neuen städtischen Qualitäten zu schaffen, braucht man wirkungsvolle Instrumente zur Qualitätssicherung. Wie sehen diese bei der IBA Heidelberg aus?

MB: Das sind zunächst einmal unsere fünf IBA-Kriterien. Sie müssen erfüllt sein, ehe das Kuratorium ein Projekt als IBA-Kandidat empfiehlt. Derzeit gibt es 23 Kandidaten, wobei wir weitere suchen, da bisher noch nicht alle Aspekte abgedeckt sind, die das Thema ‚Wissen schafft Stadt’ ganzheitlich abbilden. Nach einer Qualifizierungsphase, die die Kandidaten mit unserem IBA-Büro durchlaufen, können sie zum IBA-Projekt aufsteigen – oder sie scheiden aus. Ein Jahr nach ihrer Fertigstellung werden sie erneut auf die Kriterien hin überprüft. Erst wenn sie diesen Test bestehen, erhalten sie das IBA-Label. Die ausgewählten IBA-Projekte werden Teil der IBA-Ausstellungen 2018/2022.

„Gebäude sollen nicht länger nur eine einzige Funktion erfüllen“

Michael Braum, Leiter der IBA Heidelberg

c: Anstelle einer Bau-Leistungsschau, als die sich die IBAs früher darstellten, geht es also heute eher um eine Prozesskultur in einem spezifischen Themenfeld.

MB: Es geht um beides, das Bauen und den Prozess. Wie beim Bauen braucht man auch beim Prozess engagierte, starke und zuverlässige Partner, um diesen zu initiieren und durchzuhalten. Und man braucht eine Prozessdramaturgie, im Rahmen derer es gelingt, die unterschiedlichen Akteure der Stadtentwicklung miteinander in einen Dialog zu bringen. Die Akteurskonstellationen sind heute differenzierter und damit komplizierter als noch vor zehn Jahren.


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IBA Heidelberg

c: IBAs sind Experimentierfelder. Wie sieht da eine forschungsorientierte Zusammenarbeit mit der Indus-trie aus? Werden von Planern und Unternehmen gemeinsame Innovationen entwickelt?

MB: Das ist ein zentraler Punkt. Wir bauen gerade ein IBA-Partner-Netzwerk mit Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Wissenschaft auf, um deren Ideen in den IBA-Prozess einzuspeisen und weiterzuentwickeln. Dazu gehören Unternehmen und Institutionen, die unsere zentralen Ideen unterstützen, an dem Modellcharakter einer IBA interessiert sind und sich nicht mit der „best practice“ begnügen, sondern die „next practice“ testen wollen.Jürgen Tietz


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