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Noch immer ein Qualitätssiegel: "Made in Germany"

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picture alliance/fStop/Caspar Benson

Ausgabe 1/2015

Künftig gewinnt der Schnellere

Welche Rolle Innovation für "Made in Germany" spielt

Seit mehr als 60 Jahren gibt es die Deutsche Gesellschaft für Qualität (DGQ), ein Qualitätsmanagement-Netzwerk in Deutschland mit aktuell rund 6.500 Mitgliedern. Ihr Ziel: Spitzenleistungen in der Wirtschaft, in der Gesellschaft, der öffentlichen Verwaltung und der Politik erreichen und langfristig sichern. Pressesprecher Rolf Henning sprach mit context über Qualität und deren Bedeutung für die deutsche Wirtschaft.


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© Bernd Euring

context: Die DGQ gibt es seit über 60 Jahren. Wie hat sich in dieser Zeit in der Wirtschaft die Sicht auf Qualität verändert?

Rolf Henning: Sie hat sich im Lauf der Zeit wie folgt gewandelt: Nach dem Krieg gab es einen enormen Bedarf an Produkten. Qualität wurde in dieser Zeit oftmals zugunsten der Quantität vernachlässigt. In den 60er Jahren wurden Stichproben gemacht und statistische Verfahren eingesetzt, um Qualität sicherzustellen und die Ausschussmenge zu reduzieren. Allerdings geschah das hauptsächlich in den produzierenden Betrieben. Die 70er Jahre brachten geplante Prozesse und damit verbunden weniger Ausschuss mit sich. Seit den 80er Jahren spielt Qualität eine deutlich größere Rolle: Qualitätsmanagementsysteme wurden eingeführt und Unternehmen verlangten von ihren Lieferanten einen Nachweis der Qualität in Form von Zertifikaten wie die DQS, DEKRA oder der TÜV sie ausstellen. Die 90er Jahre schafften für Unternehmen die Möglichkeit, sich selbst anhand des ‚Business Excellence-Modells` zu bewerten und der Ludwig-Erhard-Preis, der auch ‚deutscher Qualitätspreis’ genannt wird, wurde ins Leben gerufen. Heute betrachten deutsche Unternehmen Qualitätsmanagement als Wirtschaftsmotor und Verkaufsturbo.

Die DGQ hat mit dem Institut der Deutschen Wirtschaft 2014 eine repräsentative Studie aus Deutschland zu diesem Thema herausgebracht. Fazit: 93 Prozent der befragten Unternehmen sagen, dass Qualität ihnen Vertrauen am Markt, bei den Mitarbeitern und Lieferanten bringe. Und 88 Prozent halten Qualität für die Grundlage ihres Erfolgs.

„Der Begriff "Made in Germany" muss weiterentwickelt werden.“

Rolf Henning, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Qualität (DGQ)

c: ‚Made in Germany’ wird also noch immer als Qualitätssiegel verstanden?

RH: Absolut. Für 75 Prozent der deutschen Firmen ist ‚Made in Germany’ ein Verkaufsargument. Allerdings sagen auch 72 Prozent der Befragten, dass Qualität nur dann möglich ist, wenn die Rahmenbedingungen stimmen: Es muss mehr in Bildung, sowie in Forschung und Entwicklung investiert werden, damit das auch in Zukunft so bleibt. Darum ist es wichtig, dass Wissenschaft und Wirtschaft sich besser vernetzen. Der Begriff ‚Made in Germany’ muss außerdem weiterentwickelt werden: Nachhaltigkeit und Innovation spielen eine immer größere Rolle. Aber auch die Verbraucher müssen darüber aufgeklärt werden, was Qualität ist. Nehmen wir das Beispiel Lebensmittel: Sie sollen schmecken, gesund und billig sein. Das ist oft ein Widerspruch in sich. Qualit��t für sehr wenig Geld kann es nur sehr selten geben.

„Innovation ist zwingend notwendig“

Rolf Henning, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Qualität (DGQ)

c: Was hat Innovation mit Qualität zu tun?

RH: Bei Qualität geht es nicht nur um hochwertige Verarbeitung. Wenn man sich von der Konkurrenz absetzen möchte, ist Innovation zwingend notwendig. Ganz klar ist jedoch auch, dass Innovation nicht möglich ist, wenn man die Qualitätsanforderungen der Kunden missachtet. Zwischen den beiden Begriffen öffnet sich also ein Spannungsfeld, sie funktionieren nur gemeinsam als Wechselspieler. Übrigens gehen acht von zehn deutschen Unternehmen davon aus, dass die Fähigkeit zur Innovation wichtig für den Markterfolg ist. Innovation bedeutet allerdings nicht, nur zu reagieren. Unternehmen müssen risikobereit sein und Veränderungen vorhersehen, um in Zukunft erfolgreich zu sein. Künftig wird es nicht mehr heißen: ‚Der Stärkere gewinnt’, sondern: ‚Der Schnellere gewinnt’. Ein Beispiel: Der Getriebehersteller ZF Friedrichshafen hat im Herbst TRW übernommen, ein Unternehmen, das auf elektronische Komponenten spezialisiert ist. Damit hat sich ZF Friedrichshafen den Weg in die Zukunft mit Elektromobilität gesichert.

„Kunden zahlen nicht jeden Preis, nur um Qualität zu bekommen“

Rolf Henning, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Qualität (DGQ)

c: Welche Rolle spielen die Kosten bei der Qualitätssicherung?

RH: Die Verantwortlichen in den Unternehmen mauern, wenn ihnen diese Frage gestellt wird, keiner will sagen, was ihn die Qualitätssicherung wirklich kostet. Wir stellen aber fest, dass vielen Firmen die kontinuierliche Aus- und Weiterbildung ihrer Mitarbeiter immer wichtiger wird. Und Bildung ist wie gesagt ein wichtiger Faktor, wenn man Qualität langfristig sichern möchte. Insofern wird durchaus investiert, um Qualität zu schaffen. Allerdings sagen auch 75 Prozent der Unternehmen, dass hochwertige Produkte natürlich trotz allem wettbewerbsfähig sein müssen, was den Preis anbelangt. Kunden zahlen nicht jeden Preis, nur um Qualität zu bekommen – eher im Gegenteil. Hinzu kommt, dass die Konkurrenz aus Billig-Produktionsländern wie China groß ist und ständig wächst. Denn auch dort hat man erkannt, wie wichtig Qualität ist, um weltweit erfolgreich zu sein. Einige chinesische Marken können mit deutschen längst mithalten, was die Qualität betrifft. Allerdings ist Qualität nicht der einzige Erfolgsfaktor für ein Land oder ein Unternehmen: Auch eine transparente Umweltpolitik spielt eine Rolle, eine funktionierende Infrastruktur, ausreichend Investitionskapital und eine umfassende Bildungspolitik. Deutschland ist diesbezüglich noch gut aufgestellt.

„Wir stehen unter Druck, die eigene Premiumposition zu halten.“

Rolf Henning, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Qualität (DGQ)

c: Und wie ist Deutschland für die Zukunft gerüstet?

RH: Industrie 4.0 ist das Schlagwort für die Zukunft, also die Vernetzung von Systemen. Hier hat Deutschland Handlungsbedarf. Denn als bedeutender Produktionsstandort mit hohem Lohnniveau und wenig Rohstoffressourcen stehen wir unter dem Druck, uns hin zur Industrie 4.0 zu entwickeln, um die eigene Premiumposition zu halten. Die Technik hinter Industrie 4.0 macht schon heute beispielsweise eine 100-Prozent-Prüfung wieder wirtschaftlich. Denn die IT-Systeme identifizieren Ursachen und Fehlerquellen bereits frühzeitig. Ich bin sicher, dass sich durch diese Entwicklung sowohl die Wirtschaft als auch die Qualitätssicherung sehr stark verändern wird.Bettina Blaß


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